Wer eine Schwäche für Landadelige, Katholiken und Snobs hat und diese drei reaktionären Laster, die ja sehr gut zu einem eigenständigen Leben in der Lage sind, gerne als Heilige Dreifaltigkeit eines überfeinerten Ästhetizismus zusammengeführt sehen möchte, dessen Bibel ist Evelyn Waughs Roman Wiedersehen mit Brideshead. Jeder blasierte Wichtigtuer findet hier die passenden Posen, Bonmots und Stimmungen. Evelyn Waughs Roman ist deshalb richtig gut, weil er gnadenlos schizophren in dem Sinne ist, dass er die Kaputtheit jener Welt, der er elegisch nachtrauert, mit keinem Satz verschweigt. Fast möchte man sagen: Er pinselt die Lächerlichkeit ihrer eitlen Distinktionsanstrengungen so nuanciert aus, als wäre die Tiefe des Lasters zugleich das Maß für die Erhabenheit der gefallenen Kreatur.

Ab sofort, lieber Leser, wollen wir versuchen, weniger affektiert zu formulieren, aber Evelyn-Waugh-Lesen färbt einfach ab. Also: Wovon handelt Wiedersehen mit Brideshead? Von Charles Rider, der als Soldat im Zweiten Weltkrieg durch Zufall wieder auf Schloss Brideshead landet, und schon – denn dieser Roman hat etwas Proustisches – steigt die Erinnerung empor: Als junger Student lernte Charles Lord Sebastian kennen, wie er Student in Oxford. Sie wurden Freunde mit stark homoerotischer Emphase und taten alles dafür, sich von der Masse, überhaupt von allem Vulgären und Gewöhnlichen abzuheben. Durch Sebastian betritt Charles die für ihn, den Bürgerlichen mit dem Adelsfimmel, faszinierende Herrenhauswelt von Brideshead, wo ihn Sebastians Familie herzlich aufnimmt. Diese Familie ist eine Klasse für sich, weil sich bei ihr zu den normalen Spleens des Adels auch noch die speziellen schuldtheologischen Bizarrerien eines katholischen Minderheitsbewusstseins gesellen. Die familiären Erwartungshaltungen überfordern Sebastian, der dem Alkohol verfällt und seine weiteren Tage als verwirrter Lord in Marokko verbringt. Charles hingegen – als Maler englischer Herrenhäuser verdient er sein Geld mit der Historisierung jener Welt, deren Untergang der Roman erbarmungslos ausleuchtet – verfällt Sebastians Schwester Julia. Eine der großen Liebesgeschichten von Weltrang, über der natürlich kein Heil liegt.

Wiedersehen mit Brideshead ist lange nicht so raffiniert wie Proust, aber in der Kraft seiner Geschichte, in der Mischung aus Dandytum und Erlösungssehnsucht ein unvergesslicher Roman. Jetzt liegt er in einer lässigen und zugleich präzisen Übersetzung von Pociao vor und gehört unter jeden melancholischen Weihnachtsbaum.