Der Rote Wendehalsfrosch muss fliehen, wenn die Sonne auf die staubige Erde der westafrikanischen Savanne brennt, die Luft bei 40 Grad Celsius flirrt und über Monate kein Regen gefallen ist. Wenn in der unerbittlichen Hitze nur ein paar Bäume Schatten spenden und Trockenheit regiert. Die feuchte Haut des Wendehalsfroschs (Phrynomantis microps) trocknet unter der Sonne in wenigen Minuten aus, das wäre sein Todesurteil. Er braucht Schutz, deswegen macht er sich auf die Suche nach einem feuchten Erdloch. Und findet es oft in fremden Bauten, in denen er sich einnistet.

Etwa in den unterirdischen Kolonien der Stinkameise (Paltothyreus tarsatus). Sie gefallen dem Frosch besonders. Ein optimales Versteck vor der Sonne oder Fraßfeinden – würden dort nicht die Arbeiterinnen wachen. Sie messen zweieinhalb Zentimeter und sind damit etwa halb so lang wie der Wendehalsfrosch. Und sie sind schwer bewaffnet. Mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen, den Mandibeln, halten sie ihr Opfer fest und injizieren über einen Stachel ein Gift, das Frösche und andere kleine Wirbeltiere innerhalb weniger Sekunden lähmt und tötet. Stören Menschen den Frieden des Ameisenvolkes, greift es sofort an. Ein einzelner Stich schmerzt höllisch, mehrere Stiche machen dem ganzen Körper zu schaffen.

Der Rote Wendehalsfrosch aber wird verschont. Wagt er sich in die Ameisenkolonie, wird er nur neugierig von den sonst so wehrhaften Arbeiterinnen umringt, mit den Antennen beschnuppert – und in Ruhe gelassen.

Ein Forscherteam um den Biologen Mark-Oliver Rödel vom Berliner Naturkundemuseum hat nun herausgefunden, warum das so ist, und die Ergebnisse im Journal PLOS One veröffentlicht. Der Wendehalsfrosch scheidet über seine Haut ein Sekret aus, das die Ameisen beruhigt. "Wir haben die Frösche ein bisschen geärgert und dann ins Wasser gesetzt", erzählt Rödel. Darin löste sich deren Hautsekret. Die Forscher isolierten es und stellten fest: Es sind zwei Eiweiße, die die angriffslustigen Insekten zähmen.

Dass wirklich das Hautsekret die ungewohnte Gastfreundschaft auslöst, bewiesen die Forscher im Experiment. Sie bestrichen andere Frösche mit dem schützenden Stoff. Wurden die Amphibien sonst in Sekunden als Eindringlinge erkannt und getötet, konnten sie sich jetzt weit ins Ameisennest vorwagen. Allerdings ist die chemische Camouflage nicht die einzige Anpassung der Wendehalsfrösche: Andere Frösche überleben selbst mit Tarnkappe nicht lange. Treten sie versehentlich auf eine Ameise, macht diese mit einem kräftigen, aber ungiftigen Biss auf sich aufmerksam. Die Frösche geraten in Panik und hüpfen wild durch den Bau. Die Ameisen wittern Gefahr und töten die Eindringlinge. Der Rote Wendehalsfrosch aber bleibt bei solchem Missgeschick ruhig – und überlebt in dem feindseligen Nest die Trockenzeit.

"Es gibt nur wenige Beispiele für Vergesellschaftungen von Wirbeltier und Insekt", sagt Rödel. "Dass der Frosch über die große evolutionäre Distanz einen Weg gefunden hat, mit den Ameisen zu kommunizieren, ist erstaunlich." Er will weiter an der ungewöhnlichen Zusammenarbeit forschen und erkunden, ob auch die Ameisen von dem Deal profitieren. Ein gewiefter Duftmischer bleibt der Wendehalsfrosch in jedem Fall.

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