Guido Maria Kretschmer gilt momentan als der sympathischste Mensch Deutschlands. Viele finden mittlerweile, er sollte ins Schloss Bellevue einziehen, wenn Joachim Gauck dort irgendwann auszieht. Kretschmer arbeitet im Hauptberuf als Modedesigner. Sein Riesentalent zum Sympathischsein trat allerdings erst in seinem Nebenberuf hervor, im Fernsehen. An jedem Wochentag moderiert er von 15 bis 16 Uhr die Sendung Shopping Queen. Sie läuft auf Vox und ist auch sehr sympathisch. Es geht um Folgendes: Montags treffen sich in irgendeiner deutschen Stadt fünf Frauen, junge, alte, biedere, flippige, dünne, dicke. Guido Maria Kretschmer teilt ihnen das jeweilige Shopping-Motto der Woche mit, "Romantischer Kaminabend" oder "Besuch bei der künftigen Schwiegermutter". Jede der fünf Frauen geht nun an einem Tag dem Motto entsprechende Garderobe und Accessoires einkaufen. Sie hat dafür vier Stunden Zeit und 500 Euro. Das Ergebnis wird anschließend von den anderen Frauen mit Punkten bewertet. Am Freitag erhält die Gewinnerin 1000 Euro. Und Kretschmer gibt Kommentare zum Shopping-Verhalten der Kandidatinnen ab: schlagfertig, witzig und originell, nicht sadistisch, zynisch, ordinär wie die Kommentare in anderen Wettbewerbssendungen. Da Kretschmer in der Lage ist, eine nicht bösartige Unterhaltungs-Show ins Fernsehen zu bringen, bei der es um die im Vergleich harmlose Summe von 1000 Euro geht, stieg er zum sympathischsten Menschen Deutschlands auf. Nur einmal wurde er böse: als sich vor ein paar Wochen in Münster eine Kandidatin von den 500 Euro Botox in die Stirn spritzen ließ.

Die Autorin dieser Kolumne weiß das alles so genau, weil sie an vielen Wochentagen um 14.55 Uhr feststellt, dass sie dringend eine Arbeitspause benötigt und zum Fernseher rennt. Es steht ihr folglich nicht zu, über den Erfolg von Guido Maria Kretschmer kulturkritisch herzufallen. Es steht ihr allenfalls zu, sich über den in Deutschland herrschenden Hunger nach einem sympathischen Exemplar der menschlichen Spezies zu wundern. Wie abscheulich ist wohl der Rest, wenn ein Entertainer, nur weil er sich normal benimmt, ins Schloss Bellevue fantasiert wird?

Mittlerweile wurde Kretschmer vom Erfolg voll erwischt. Er sitzt in der Jury von Dieter Bohlen und in jeder dritten Talkshow, er gibt reihenweise Zeitungsinterviews, in denen er erzählt, wie es kam, dass er so sympathisch wurde. Nun hat er einen Stil-Ratgeber mit dem Titel Anziehungskraft geschrieben. Es ist nicht Kretschmers Schuld, dass sich darin nichts Neues findet. Es gibt nun mal schon tausend Ratgeber, die korpulentere Damen vor horizontal gestreiften Blusen und dürre Mädchen vor schwarzen Schlabberkleidern warnen. Das Buch dieses sympathischen Mannes befindet sich aber auf Platz 1 der Sachbuchbestsellerliste. Das ist wahrlich kein kulturelles Unglück – nur ein bisschen unheimlich.