Werner Dahlheims Die Welt zur Zeit Jesu ist eine Breitwand-Erzählung über das Römische Reich: seinen Mittelmeerraum und seine Weltordnung, seinen Horizont und dessen Jenseits (Barbaren, Götter und Tod), seine Lebensformen und Mysterien. Er entfaltet die Geschichte des Imperium Romanum in üppigen Synthesen. Wie ein Roman voller Abschweifungen und Details.

Warum etwa gehört die Hinrichtung des numidischen Rebellen Tacfarinas 24 nach Christus, der im heutigen Maghreb sieben Jahre lang einen erfolgreichen antiimperialistischen Befreiungskrieg geführt hatte, in ein Porträt der Welt zur Zeit Jesu? Nun, die Zeit stimmt – der Nazarener, der gut sechs oder sieben Jahre später im Osten des Mittelmeeres ebenfalls als vermeintlicher politischer Aufrührer ("König der Juden") zu Tode gefoltert werden sollte, war noch am Leben. Doch deshalb erzählt Dahlheim uns diese Episode nicht.

Der Berliner Althistoriker legt keinen Synchronschnitt durch die ganze römisch beherrschte Welt der Zeit des Caesar Augustus. Die Niederlage der numidischen Revolte rundet die Konsolidierung des Imperiums im 1. Jahrhundert ab: Rom musste seine "Kornkammer" sichern. Nordafrikas Provinzen versorgten das Zentrum des Reichs mit Getreide, waren ansonsten kaum Träger städtischer römischer Kolonialkultur. Erst zwei, drei Jahrhunderte später wird dieses "römische" Afrika mit seinen christlichen Fraktionen, Bischöfen und Kirchenlehrern (von Cyprian bis Augustinus) den Westen entscheidend prägen.

Dahlheims römische Geschichte bringt nicht die ganze Story von Aufstieg und Untergang wie weiland der große Edward Gibbon. Er beschränkt sich auf gut dreihundert Jahre Blüte und Unterwanderung. Im Augustäischen Frieden – der im Nahen Osten Krieg bedeutete – beginnt auch der unmerkliche Aufstieg des Christentums.

Dahlheims Roman hat viele Nebenfiguren, doch den Hauptstrang bildet der Konflikt zweier Protagonisten. Es sind zwei Muster von Macht, zwei Instanzen kollektiver Identität, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: das reale Römische Reich und die Botschaft vom himmlischen Gottesreich. Das römische Selbstbewusstsein des ersten christlichen Missionars Paulus (der griechischsprachige Diasporajude verwies auf sein Bürgerrecht: "civis Romanus sum") mildert diesen aus der jüdischen Vorgeschichte des Christentums stammenden Grundwiderspruch nicht. Und noch im letzten kanonischen Text der Bibel, der Johannesoffenbarung aus dem Ende des 1. Jahrhunderts, spitzt sich der Konflikt zwischen Rom/Babylon als "Reich des Bösen" und dem Königreich des Messias zur Entscheidungsschlacht – mit Massenvernichtungswaffen im Himmel wie auf Erden – zu.

Der Osten des Weltreiches war zu Jesu Zeiten Krisenzone. Das jüdische Klientelkönigreich des "großen" Herodes (37 bis 4 vor Christus), Kollaborateur des Empire und Wiedererrichter des Jerusalemer Tempels, hatte allenfalls die lokale Priesteraristokratie befrieden können; im Volk gärten alle Varianten antirömischen Widerstands, zwischen passiver Intifada und bewaffneter Rebellion, in der Hoffnung auf eine Wiederherstellung des Königreiches Davids.

Nach Herodes’ Tode übernimmt Rom in Judäa die Herrschaft direkt; der Rest des jüdischen Gebiets wird unter drei Söhnen des Herodes aufgeteilt. Die Besatzungsmacht greift wider die lokale Guerilla mit demonstrativer Grausamkeit durch; puritanische religiöse Erneuerer wie die Täuferbewegung des Johannes, die sich von Tempelaristokratie und Opferkult in Jerusalem abgewandt und in die Wüste zurückgezogen hat, werden vom lokalen Herrscherhaus verfolgt. Johannes wird wegen seiner Kritik an der Familie des Herodes-Sohns Antipas enthauptet. Als einer seiner Nachfolger, Jesus von Nazareth, mit seinen Anhängern in die Königs- und Tempelstadt Jerusalem einzieht, wird er sofort als angeblich politischer Aufrührer gekreuzigt.

Besatzungsterror und Kollaboration konnten die jüdische Revolte nur um einige Jahrzehnte aufhalten. Ende der sechziger Jahre bricht der Aufstand in Judäa aus. Er endet im Jahr 70 mit der Zerschlagung der letzten Reste jüdischer Unabhängigkeit und der Zerstörung des Tempels.

Die endzeitliche religiöse Wende der jüdischen Jesus-Gemeinde ereignet sich mitten im Krisenszenario zwischen jüdischer Rebellion und römischem Terror. Die künftigen Christen sind zwar keineswegs die einzigen Juden, die dem römischen Weltreich ein messianisches Königreich entgegensetzen wollen. Aber sie sind diejenigen, die über den Kreis der jüdischen Diaspora hinaus am meis- ten Gehör und Nachahmer finden. Ihre Botschaft wird universalistisch, sie überbietet den jüdischen Traum einer Wiederherstellung des davidischen Israel. Und sie wird spiritualistisch: Die bald "Christen" genannten Gemeinschaften bieten auch für Anhänger anderer Mysterienreligionen Anknüpfungspunkte, während das Judentum seine bis dahin durchaus vielfältigen Annäherungen an die hellenistische Kultur und Philosophie zurückschneidet.