Im gleißenden Sonnenlicht hoch über dem St.-Moritzersee prangt zwischen schneebedeckten Bergen ein Märchenschloss mit Erkern und Zinnen und einem Turm, der die Silhouette und auch den Mythos des Ortes prägt. In seinen Gemäuern suchen die Reichen dieser Welt seit 118 Jahren Erholung und ein Gefühl der Erlesenheit. Hier, in der erhabenen Fünfsternewelt mit den wohl teuersten Zimmerpreisen der Schweiz, erfreut man sich des Erfreulichen und ein wenig auch seiner selbst.

Gleich vor der Tür des Badrutt’s Palace Hotel gibt es eine Geschäftsstraße, die auf 350 Metern die höchste Luxusmarken-Dichte der Welt vorweisen kann. Doch der eigentliche Catwalk von St. Moritz ist der Gang, der die beiden Flügel des Hotels miteinander verbindet. Hier treffen sich neues und altes Geld, hier werden die schönsten Frauen mit den kostbarsten Diamantcolliers gesichtet und die passenden Herren von Welt. Man kommt aus Zürich oder direkt vom sieben Kilometer entfernten Flughafen für Privatjets und lässt sich in jedem Fall gern mit einem der drei hoteleigenen Rolls Royce nach St. Moritz chauffieren. Dort öffnen livrierte Bedienstete mit goldenen Epauletten, Quasten und Kordeln die Drehtür zu einem Reich mit 120 Gästezimmern und 37 Suiten, dessen Betreten einen stets auch an die eigene Bedeutung erinnert.

Aga Khan verbrachte hier 1930 seine Flitterwochen, Alfred Hitchcock buchte 35 Jahre lang dieselbe Suite, Marlene Dietrich tanzte mit Erich Maria Remarque. Charlie Chaplin, Audrey Hepburn, Pablo Picasso und Andy Warhol waren Stammgäste, die Rothschilds und König Hussein von Jordanien. Der 20. Prince of Wales ging einmal als Chinese zum Maskenball und traf dort auf Churchill, der sich als Nero verkleidet hatte. Und bei den legendären Partys von Gunter Sachs gingen regelmäßig die Kronleuchter zu Bruch, wobei der Schaden ohne Aufhebens am nächsten Morgen per Scheck beglichen wurde.

Nie würde er ausplaudern, dass unlängst eine Dame mit 65 Pelzen angereist ist

Inmitten all des Gäste-Hin-und-Hers steht seit 50 Jahren Angelo Martinelli, dienstältester Hotelangestellter, und zieht seit Langem viele unsichtbare Fäden in einem Spiel mit eigenen Regeln. Fragt man den Italiener nach seinem Berufsbild, antwortet er: "Ich kümmere mich um die Gäste." Wenn sie kommen, begrüßt er sie, und er verabschiedet sie, wenn sie gehen. In der Zeit dazwischen ist er für sie da. Ein persönlicher Ansprechpartner, Lippenleser und Wünsche-Erfüller. Die graue Eminenz, der Maître de Plaisir. Weisungsbefugt, scheinbar überall gleichzeitig, und mit Ausnahme des Hoteldirektors niemandem Rechenschaft schuldig.

Ein Mann weniger Worte, aber mit natürlicher Autorität. Ein Hochziehen der Augenbraue ist meist Ermahnung genug. Alte Schule, das heißt: streng. Hotelchef Hans Wiedemann sagt, jeden Morgen, wenn er sich die Krawatte knüpfe, frage er sich, ob Martinelli wohl mit dem Knoten zufrieden sei.

Angelo Martinelli, 69, mit grau meliertem Haar und überaus wachsamen Augen, hat Zugang, wo immer er es möchte. Und weil das Hotel gern mit seinen teuersten Räumen wirbt, sitzt er nun zwischen erlesenem Marmor und dunklem Stabparkett auf der vorderen Ecke eines Sofas in der 280 Quadratmeter großen Hans-Badrutt-Suite, für die Gäste rund 20 000 Euro pro Tag zahlen, und beantwortet Fragen, nach deren Beantwortung ihm eigentlich nicht ist. Er spricht neben vielen anderen Sprachen auch fließend Deutsch. Ist ihm eine Frage jedoch zu direkt, und das ist schnell der Fall, kann seine Sprachfähigkeit spürbar abnehmen. So gelingt es ihm, sich bei Bedarf in die Nebel des Vagen zu flüchten und einen schützenden Kokon um das größte Gut seines Hotels zu spinnen: die Privatsphäre des Gastes.

Martinelli benutzt keinen Computer und schreibt sich nie etwas auf. Dennoch weiß er so gut wie alles über die Stammgäste, die mehr als 70 Prozent der Kundschaft ausmachen. Er kennt ihre Titel und Lieblingsspeisen, ihre Allergien und den Tisch, an dem sie vor einigen Jahren saßen – und niemand kann sich daran erinnern, dass er sich je geirrt hätte. Als Hoteldirektor Wiedemann hier 2004 anfing, hat ihm Martinelli in den ersten Jahren durch diskretes Zuflüstern die angemessene Begrüßung von 1200 Silvestergästen ermöglicht. Martinelli ist das Universallexikon des Hauses, sein Gedächtnis, aber auch seine Firewall.

Nie würde er also ausplaudern, dass hier unlängst eine Dame mit 65 Pelzen angereist ist. Und Kommentare zu Gästen aus bestimmten Nationen möchte er schon gar nicht abgeben, da sich das Hotel sowieso gegen das Vorurteil wehren muss, es beherberge vor allem Russen. Während der russischen Weihnacht, für zwei Wochen im Januar, mag das gelten, aber sonst liegt der Anteil mit zwölf Prozent angeblich nicht höher als der der Engländer, Amerikaner, Schweizer, Italiener oder Deutschen. Das Hotel nennt es den "magischen Gästemix".

Martinelli, heißt es, liest gern Bücher des Dalai Lama. Tatsächlich? Er möchte nicht näher darauf eingehen. Wenn man ihm hart zusetzt, ist zu erfahren: Er liebt Museen, das Theater und Mozart, insbesondere die Opern. Ferner: seine Hunde, den Garten und sein Haus am Comer See. Schluss, sagt Martinelli und beendet den Einblick in seine Privatsphäre. Seine Bescheidenheit gebietet es ihm, sich nicht für so interessant zu halten wie seine Gäste.

Vielleicht sollte man eher im Stehen mit ihm reden, rät Chefbutler Vielhuber wohlmeinend, denn schließlich sitze auch Martinelli nie, während er mit seinen Gästen spreche. Nur aufrecht bewahre man den Überblick. Also führt Martinelli nun mit schnellen Schritten durchs Hotel und tut so, als würde er Einblicke in seine Arbeit gewähren. Dabei macht er, streng genommen, natürlich nur einen Rundgang.