Der Geschäftsführer hatte sich auf diesen Tag gefreut. Am Nachmittag, es war der 23. Oktober, sollte der Aufsichtsrat über seine Weiterbeschäftigung entscheiden. Eine Formsache, dachte Norbert Klatt. Sein Unternehmen, die Nahverkehr Schwerin GmbH, steht wirtschaftlich glänzend da. Was sollte ihm passieren?

Als Klatt am Morgen dieses Tages das Radio anschaltet, hört er in den NDR-Nachrichten: "Eines der größten kommunalen Unternehmen im Land muss sich den Vorwurf der Vetternwirtschaft gefallen lassen. Der Geschäftsführer des Nahverkehrs Schwerin (NVS), Norbert Klatt, hat nach NDR-Informationen in den vergangenen Jahren engste Familienangehörige auf teils lukrative Posten gebracht."

Dies ist die Geschichte des Schweriner Nahverkehrsbetriebes und seiner Personalentwicklung. Eines öffentlichen Betriebes, in dem der Geschäftsführer Frau, Sohn, Tochter und Schwiegersohn beschäftigt. In dem Mitarbeiter Angst vor ihrem Chef haben, der über sich sagt: "Ich habe mit meinen Leuten ein super Verhältnis, ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch."

Wie passt das zusammen?

Später Vormittag eines stürmischen Dezembertages. Restaurant Wallenstein am Ufer des Schweriner Sees, Panoramafenster mit Blick auf das Schloss. Norbert Klatt, 56, sitzt gebeugt. Ein zurückhaltender Mann mit blauem Hemd und akkuratem Seitenscheitel. Er sagt: "Seit dem 23. Oktober hat sich mein Leben völlig verändert. Meine Familie und ich sind gesundheitlich angeschlagen." Diese Vorwürfe! Ausgerechnet an dem Tag, an dem es um seine Wiederbestellung geht! Das könne doch kein Zufall sein!

Norbert Klatt ist in Schwerin geboren. 1979 geht er als Kraftfahrer zum Nahverkehr. Er studiert Kraftfahrzeugtechnik, wird Leiter des Bereichs Omnibus, 1995 wird er Geschäftsführer. 18 Jahre lang führt er die Firma, 230 Mitarbeiter, die 16 Millionen Fahrgäste im Jahr transportieren.

Er stellt ein und befördert. Die Tochter, seit 2007 im Unternehmen, wird Sachgebietsleiterin Buchhaltung und Controlling. Der Schwiegersohn, im Unternehmen seit 2005, wird Meister der Omnibuswerkstatt. Der Sohn, dabei seit 2006, wird Abteilungsleiter Verkehr und Mitglied der vierköpfigen Geschäftsführung. Klatts Frau ist Sachbearbeiterin für Schadensfälle und Versicherungen, sie kam aber schon 1989 in die Firma, sechs Jahre bevor ihr Mann Geschäftsführer wurde.

Norbert Klatt ist bewusst, dass das nicht gut aussieht. Natürlich sei ihm klar, dass diese Konstellation Angriffsfläche biete, sagt er. Aber mit Beleidigungen und Anschuldigungen wie den jüngsten habe er nicht gerechnet.

Am Nachmittag des 23. Oktober, wenige Stunden nach dem Radiobericht über die Vetternwirtschaft, entscheidet der Aufsichtsrat der Stadtwerke, die Hauptgesellschafter der Nahverkehr Schwerin GmbH sind: Die Abstimmung über die Weiterbeschäftigung von Norbert Klatt wird wegen der aktuellen Entwicklungen vertagt.

In den folgenden Tagen erscheinen große Artikel in den Regionalzeitungen. Recherchen und Beiträge des NDR zur Karriere des Geschäftsführer-Sohnes erhöhen den Druck. Der Sender berichtet detailliert über den außergewöhnlich steilen und rasanten Aufstieg des Michael Klatt vom Busfahrer zum Abteilungsleiter Verkehr.

"Es war eine Notsituation", sagt Norbert Klatt. Dreimal habe er die Stelle des Abteilungsleiters Verkehr ausgeschrieben, intern im Betrieb und extern, bei der Agentur für Arbeit, in den eigenen Bussen und Bahnen, im Netz. Es habe sich niemand gemeldet, der den Anforderungen entsprochen habe. "Mein Sohn wollte den Posten nicht, aber er hat sich von meinen Mitarbeitern überzeugen lassen. Im Nachhinein betrachtet, waren wir einfach zu blauäugig."

Norbert Klatt ist ein Lügner, sagen seine Gegner. Eine Lokalzeitung deckte auf, dass es einen internen Bewerber auf den Posten gab. Ein Mitarbeiter sagte dem Blatt, der Bewerber sei der Einzige gewesen, der sich getraut habe, gegen den Sohn anzutreten. "Man wusste ja, dass Michi den Posten bekommen sollte und dass Norbert Klatt jeden rundmacht, der sich ihm in den Weg stellt."

Es habe diesen Bewerber gegeben, aber der Kollege habe nicht ansatzweise die erforderlichen menschlichen und fachlichen Qualifikationen vorweisen können, entgegnet Norbert Klatt. "Es rächt sich, dass ich seit 18 Jahren Geschäftsführer bin. Natürlich gibt es Enttäuschte, die jetzt mitschwimmen und mir schaden wollen."

Die Sache ist inzwischen ein Politikum. Im Mai 2014 sind Kommunalwahlen in Schwerin, der Fall Klatt hat den Wahlkampf eröffnet.

Die Oberbürgermeisterin, eine Linke, steht auf Klatts Seite. Der sei ein sehr guter Geschäftsführer, sagte sie gleich zu Beginn der Affäre. Auch die CDU-Fraktion stützt Klatt. Eines ihrer Mitglieder ist Chef des Aufsichtsrates des Nahverkehrs. Er ist gegen die Familienpolitik nicht eingeschritten. SPD und Freie Wähler fordern Aufklärung – und wissen ausgerechnet einen prominenten CDU-Mann auf ihrer Seite. "Wir müssen unseren Bürgern doch erklären, was mit ihren Steuergeldern in diesem öffentlichen Unternehmen passiert", sagt Innenminister Lorenz Caffier.

Sein Ministerium, das für die Kommunalaufsicht zuständig ist, forderte einen Bericht bei der Oberbürgermeisterin an. Die sah darin einen Angriff auf die kommunale Selbstverwaltung – und folgte nicht der Empfehlung, den Landesrechnungshof mit der Untersuchung zu beauftragen, sondern beauftragte private Wirtschaftsprüfer.

"Eine Fehlentscheidung", sagt Andreas Lorenz.

Seit dreißig Jahren arbeitet Lorenz im Unternehmen. Er war Fahrzeugschlosser, dann Vorarbeiter. Seit zehn Jahren ist er Vorsitzender des Betriebsrats – und der härteste Gegner des Geschäftsführers. Er hat ihn mit Arbeitsrechtsklagen überhäuft. Ihn als Lügner beschimpft. Ihn provoziert.

Lorenz sitzt in einem alten Kartoffelhaus in der Schweriner Innenstadt und sagt: "Natürlich wäre der Landesrechnungshof die bessere Wahl gewesen. Er hätte sich mehr Zeit nehmen und gründlicher prüfen können als die privaten Wirtschaftsprüfer." Zu wichtig sei dieser Bericht für Schwerin.

Dann beginnt Andreas Lorenz zu erzählen. Und je länger er von dem erzählt, was in den vergangenen Monaten im Schweriner Nahverkehr geschah, desto klarer entstehen die Konturen einer Parallelgeschichte, die darauf hindeutet, dass Norbert Klatt vielleicht nicht nur wegen der öffentlichen Vorwürfe um Posten und Familie bangen muss.

Auch Andreas Lorenz hatte sich gefreut auf den 23. Oktober. Endlich, nach zehn Jahren, würde er den Geschäftsführer loswerden, durch eine einfache Abstimmung. Mit den anderen Mitgliedern des Aufsichtsrates der Stadtwerke hatte er lange Gespräche geführt. Immer wieder erzählte er ihnen, wie der Chef einen Arbeiter fristlos entlassen habe, weil der an seinem freien Tag nicht zur Arbeit erschienen war; wie er Abmahnungen ausgesprochen habe, nur weil ein Fahrer einen veralteten Dienstschlips trug; wie er seinen Sohn an altgedienten Mitarbeitern vorbei auf einen mit 5000 Euro dotierten Posten gehievt habe und Ingenieure ihren neuen 31 Jahre alten Chef nur Kiko, "Kinderkopf", nennen würden. Andreas Lorenz war sich sicher: Er hatte eine Mehrheit gegen den Geschäftsführer organisiert.

Als er morgens Radio hörte, dachte er: Verdammt, warum ausgerechnet heute? Sein Plan war in Gefahr – der öffentliche Angriff auf Klatt könnte die Abstimmung gefährden. Am Nachmittag sorgte der Vorsitzende des Aufsichtsrates, ein Mann der Linkspartei, tatsächlich für eine Verschiebung. Lorenz konnte es nicht fassen.

Im November folgte eine Sondersitzung des Aufsichtsrates. Vier Stimmen für Klatt, vier gegen ihn, eine Enthaltung. Klatt wäre damit abgewählt. Er braucht eine Mehrheit. Wieder sah sich Lorenz am Ziel. Diesmal war es die Oberbürgermeisterin, die eingriff. Das Votum des Aufsichtsrats zählte erst einmal nicht mehr. Die Entscheidung über den Geschäftsführer des städtischen Unternehmens soll in der Stadtvertretung fallen.

In einem internen Bericht, den die Stadtwerke gleich nach den Vorwürfen des NDR gegen Norbert Klatt haben anfertigen lassen und der der ZEIT vorliegt, steht, dass bei der Einstellung der Tochter "eine Einflussnahme seitens des Geschäftsführers Herrn Klatt" naheliege und dass bei der Beförderung des Sohnes "eine massive Einflussnahme ersichtlich" sei. Es steht aber auch in dem Bericht, dass "eine Wiederbestellung von Herrn Norbert Klatt als Geschäftsführer der NVS zu vertreten sei", wenn ein zweiter Geschäftsführer für die kaufmännische Abteilung inklusive der Personalverwaltung installiert werde.

Nun kommt der neue Bericht der Wirtschaftsprüfer. Am heutigen Donnerstag stellen sie die Ergebnisse den Fraktionsvorsitzenden der Stadtvertretung vor. Wahrscheinlich wird die Entscheidung über Konsequenzen sehr knapp ausfallen, schließlich haben Vertreter von CDU und Linken im Aufsichtsrat der Stadtwerke für Klatt gestimmt. In der Vertretung fehlt ihnen nur eine Stimme zur Mehrheit.

"Ich hoffe, dass die Entscheidung bald fällt. Meine Familie und ich, wir sind auch nur Menschen", sagt Norbert Klatt. "Ich hoffe, dass die Stadtvertreter eine weise Entscheidung treffen", sagt Andreas Lorenz. "Die Mitarbeiter sind auch nur Menschen. Sie haben einen Chef mit sozialer Kompetenz verdient."