DIE ZEIT: Stimmt es, dass die Zahl der Skifahrer in Europa abnimmt?

Günther Aigner: Da gibt es nur Schätzungen. Auch die Skiindustrie spricht davon, dass der Skimarkt 1980 seinen Höhepunkt erreicht hat – mit vielleicht 60 Millionen Skifahrern weltweit. Viele Umfragen weisen darauf hin, dass seither die Anzahl der Skifahrer um einige Millionen abgenommen hat. Genau wissen wir, dass die Skiproduktion mit jährlich zehn Millionen Paar 1980 tatsächlich ihr Maximum hatte. Heute werden rund drei Millionen Paar weltweit produziert.

ZEIT: Es werden aber auch mehr Skier geliehen.

Aigner: In der Tat. Trotzdem gibt es Indizien, die zeigen, dass der Markt insgesamt geschrumpft ist.

ZEIT: Welche Trends bestimmen das Skigeschäft?

Aigner: Meine erste These ist: Der Skisport wird wieder zum Luxussport. Das liegt daran, dass Skifahren teurer wird: Die Preise für Tageskarten steigen schneller als die Gehälter der Arbeiter und Angestellten und auch als die allgemeine Inflation. Da tut sich also eine Schere auf.

ZEIT: Sind die Liftbetreiber zu gierig geworden?

Aigner: Nein. Sie investieren jedes Jahr unglaublich viel in neue Liftanlagen, daher sind die Preissteigerungen gerechtfertigt. Wobei man sagen muss, dass meistens nur alte Anlagen ersetzt werden – das heißt, die Skigebiete werden kaum noch größer, sondern vor allem moderner. Es wird sehr viel in die Beschneiung und auch in besser ausgebaute Pisten investiert. Das Problem ist eher, dass die Löhne in Deutschland zum Beispiel seit zwei Jahrzehnten mehr oder weniger stagnieren, wenn man die Kaufkraft betrachtet. Währenddessen sind die Preise für Energie und für Wohnen oft überproportional gestiegen, sodass bei vielen für eine Freizeitbetätigung wie den Skilauf weniger Geld übrig bleibt.

ZEIT: Wir reden also vor allem über Deutschland. Es kommen aber mehr Osteuropäer, Russen, sogar Asiaten in die Alpen. Fangen sie den Rückgang nicht auf?

Aigner: Wenn Sie als Wintersportland Tirol nehmen, ist die Zahl der Übernachtungen zuletzt sogar noch leicht gestiegen. Und da spielen die osteuropäischen Kunden eine Rolle.

ZEIT: Aber es gibt weniger deutsche Übernachtungen?

Aigner: Bei uns ist das deutsche Geschäft stabil, weil sich die Bundesrepublik insgesamt ja wirtschaftlich gut entwickelt. Aber es gibt eben auch andere Regionen in Österreich oder die kleinen bayerischen Skigebiete, und die bekommen das zu spüren. Früher war es ganz normal, dass der Fließbandarbeiter bei Opel mit seiner Familie in den Skiurlaub fuhr. Das ist immer seltener möglich geworden. Orte wie Kitzbühel oder ganze Regionen wie Tirol, die sich auf hochpreisigen, hochqualitativen Skitourismus spezialisiert haben, spüren diese Verknappung des Skifahrermarktes aber viel weniger als Orte, die diese Entwicklung nicht rechtzeitig erkannten.

ZEIT: Gerade niedrig gelegene Skiorte haben in Beschneiungsanlagen investiert. Wenn aber die Zahl der Skifahrer eher ab- als zunimmt, sind das dann nicht Fehlinvestitionen?

Aigner: 15 bis 20 Jahre lang wurde in den Medien immer behauptet, den Alpen ginge der Schnee aus, und zwar innerhalb sehr kurzer Zeit. Darauf mussten die Skigebiete reagieren. Denn sobald kurz vor Weihnachten die Pisten noch grün waren, war eine sehr große Nervosität zu spüren. Da kommt meine zweite These ins Spiel ...

ZEIT: ... die Klima-These.

Aigner: Genau. Entgegen der veröffentlichten Meinung gibt es keine Indizien dafür, dass den Alpen der Schnee ausgeht. Im Gegenteil: Seit 25 Jahren werden die Winter an den Bergstationen wieder kälter, wie Messungen in den Ostalpen zeigen. Das hätten nicht einmal die kühnsten Optimisten erwartet, wird aber von einigen Meteorologen bestätigt. Nicht das Klima bedroht also den Skisport existentiell, sondern die Einkommenssituation.

"Skiorte sind in gewisser Weise wie Autos"

ZEIT: Die Erderwärmung macht in den Alpen eine Pause? Wie erklären Sie sich das?

Aigner: Das ist differenziert zu sehen. Die Erwärmung schreitet weiterhin voran, wenn sie auch seit 1998 fast zum Stillstand gekommen ist. Wichtig aber ist: Während sich die Sommer weiter erwärmen, haben sich die Winter in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich abgekühlt.

ZEIT: In den gesamten Alpen oder nur bei Ihnen in den Ostalpen?

Aigner: Ich habe exemplarisch Daten von sechs Messstationen von Zell am See über den Kitzbüheler Hahnenkamm bis zum Schweizer Säntis untersucht. Alle diese offiziellen Messdaten bestätigen, dass die Winter wieder kälter werden. Auf der Zugspitze in Deutschland ist der zehnjährige gleitende Durchschnitt in den letzten 25 Jahren, also von 1988 bis 2013, um 1,96 Grad gefallen. Das ist beachtlich.

ZEIT: Gibt es dafür irgendeine Art von meteorologischer Erklärung?

Aigner: Einige Klimaforscher haben mir gesagt, dass die Westwindwetterlagen, die noch Anfang der neunziger Jahre mit milderer Luft die Winter dominiert haben, einem Zyklus unterworfen sind – und sich derzeit auf einem Minimum befinden. Deshalb könne mehr polare Kaltluft in die Alpen strömen. Niemand kann allerdings wissen, wie sich die Winter weiter entwickeln. Man kann es nur im Rückspiegel betrachten.

ZEIT: Skifahrer wollen Qualität, Vielfalt, Schneesicherheit, also drängen sie in die bekannten Gebiete ...

Aigner: … diesen Trend gibt es ganz eindeutig. Die starken Marken sind besonders beliebt – Kitzbühel, Ischgl, Sölden, St. Moritz, Courchevel, Zermatt und einige andere. Und die prosperieren. Ein Großteil der Investitionen fließt auch in diese Skigebiete, und die zahlen sich aus. Das Problem sind die mittelgroßen Skigebiete, die zwischen fünf und zehn Sesselbahnen haben und insgesamt einen hohen Aufwand treiben müssen, aber die Skifahrer nicht mehr so anziehen können. Sie haben das Problem, dass die Leute, die früher zu ihnen kamen, sich das Skifahren jetzt nicht mehr leisten können.

ZEIT: Während die Topgebiete anderes Publikum ansprechen?

Aigner: Ja, das kann mit den erhöhten Preisen leben. Sehen Sie, der Skisport wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg zum Massenphänomen, und mit der Spitze der Skiproduktion 1980 hatte auch der Marktzyklus seine Spitze erreicht. Eigentlich müsste also auch die Anzahl der Skigebiete nach den Marktgesetzen leicht zurückgehen. Aber welche Destination lässt sich schon gern ihr Skigebiet nehmen? Und so wird das Skigebiet gestützt und subventioniert bis zum bitteren Ende.

ZEIT: Es gibt also einen Verdrängungswettbewerb, bei dem der Staat kräftig mitmischt; übrigens auch in Bayern.

Aigner: Skiorte sind in gewisser Weise wie Autos. Wir wissen, dass wir in Europa ein Problem haben mit dem Autoabsatz, und trotzdem prosperieren Daimler, der Volkswagenkonzern und BMW ungemein. Sie können die Fühler nach neuen Märkten ausstrecken, während die italienische und französische Automobilindustrie die Globalisierung und die neuen Märkte etwas verschlafen haben. Sie produzieren Autos für die mittleren und unteren Schichten und haben keine Antwort auf die Liquiditätskrise dieses Teils der Bevölkerung. Ähnlich auf dem Skimarkt: Die Großen prosperieren, und die Mittleren und Kleinen haben riesige Probleme.

ZEIT: Sie sagen, wir hätten zwar eine Marktschwäche, aber der allgemein gehandelte Grund dafür, die Erwärmung, ist nicht eingetreten. Wie reagiert man auf diese etwas paradoxe Situation?

Aigner: Als Premiumort wird man weiterhin auf Qualität setzen, modernisieren und die Gäste mit Innovation überraschen. Als Skiort der mittleren oder niedrigen Qualitätsstufe und Größe muss man sich eindeutig spezialisieren. Sodass man sagt, wir haben nicht das größte Skigebiet, aber wir wollen das beste Familienskigebiet werden. Oder dass man einen Berg, der sich jetzt nicht mehr lohnt für ein Skigebiet, wieder zu einem naturbelassenen Berg macht, auf den man mit Tourenski oder Schneeschuhen gehen kann. Da müssen die Hotelbetten und Restaurants das Geld bringen. Wer im Konzert der Großen nicht mitspielen kann, muss auf eine Nische setzen oder auf alternativen Wintersport. Alles andere ist ein Sichverweigern vor den Tatsachen und wird in den wirtschaftlichen Ruin führen.

ZEIT: Inwiefern kann man diese neue Begeisterung für das Skifahren abseits der Pisten nutzen?

Aigner: Es gibt ganz klare Motive, die diesen Trend befeuern. Die Menschen leben zunehmend in Städten, also verursacht diese Urbanisierung einen ganz natürlichen Gegentrend – die Sehnsucht nach der Natur. Im allzeit überwachten und programmierten Leben genießen die Menschen die Momente, in denen sie ihr Leben selbst und autonom bestimmen können. Und das spiegelt sich auch im Skisport wider. Es gibt derzeit zwei Segmente, die kräftig wachsen: Tourenskilauf und das Free-Riding.

ZEIT: Also einerseits Aufsteigen ohne Lift und Abfahren in unberührtem Gelände, andererseits das Variantenfahren auf unpräpariertem Gelände.

Aigner: Wir müssen den Menschen dazu sagen: Ja, ihr dürft euch in der freien Natur bewegen, aber mit Respekt. Wald- und Wildschutzgebiete müssen zum Beispiel berücksichtigt werden. Ansonsten spricht nichts dagegen, dass man den Berg zum Skifahren, zum Entspannen, zum Finden neuer Kreativität und Energie nutzt.