Unsere Begegnung in Murten war zufälliger Art. Es geschah am 22. Juni, am Tag der 10 000 Ritter, einst der Berner Kantonalfeiertag, als der Schreibende der Wirtin Marlene Hufschmid und ihrem Begleiter Bruno Stahel über den Weg lief. Man sprach über dies und jenes, bis die beiden Aargauer schließlich erzählten, warum sie hier sind. Nein, nicht der Murtenschlacht wegen, nicht der Solätte wegen, des schönsten Kadettenfestes der Schweiz, nicht Gotthelfs wegen, des Volksdichters, sondern eines Sparkastens wegen. Der Sparverein des Restaurants Schwyzerhüsli in Niederwil, wo Marlene wirtet und den Bruno präsidiert, hatte sie auf ein statuarisch vorgeschriebenes Reisli geschickt.

Hinter Murten kommt das Welschland. Und dort hat zur Zeit der Expo 64, der Landesausstellung in Lausanne, Jean Baumann diesen Kasten ersonnen, den Cagnomatic (Patent +419696, vom 5. Mai 1965). Ein Exemplar dieses 60-schlitzigen apareil d’épargne mural wurde anno 1981 bei der Vereinsgründung auch am Eck zwischen Gaststube und Säli des Schwyzerhüsli an die Wand geschraubt, und seither ist dort die Zeit stillgestanden. Die Orange- und Ockertöne des Interieurs atmen jene biedere Plastik-Rustikalität der späten siebziger Jahre, von der auch das gelbe Butzenscheibenimitat zeugt, welches das Säli abtrennt.

Im Jahr 1847 wurde im deutschen Sprachraum der erste Sparverein gegründet. Ein Jahr darauf erschien Das Kommunistische Manifest. Die kleinbürgerliche wirtshausbasierte, säkulare Sparbruderschaft, erfunden, um der finanziellen Vernunft der Menschen Vorschub zu leisten, verbreitete sich im lutheranischen Norddeutschland und erreichte auch die Schweiz. 1874 wurde in Gelterkinden mit dem Sparverein das Gruppensparen erfunden. So kennt die Basel-Landschaftliche Kantonalbank bis heute den Vorzugszins auf die "Fünfliber-Sparkonti" der Sparvereine: 0,75 Prozent gibt es gegenüber 0,2 auf normalen und 0,25 Prozent auf den Senioren- oder Jugendsparkonti. Im Schwyzerhüsli in Niederwil aber wird von Hand in den Kasten gespart, 14-täglich. Ausbezahlt wird jährlich, anlässlich der GV, mit üppigem Menü bei Marlene. Nur wer bei der Raiffeisenbank ein Konto hat, kann sich seine Ersparnisse ohne Konsumation bei Marlene überweisen lassen, üblich ist die Aushändigung in Bargeld im Couvert mit inliegender Abrechnung.

Heute, am dritten Novembersamstag, ist die Beiz rappelvoll. "Liebe Gäste: Am Sa 16. Nov. haben wir GV vom Sparverein, daher haben wir den ganzen Tag geschlossen", steht draußen auf dem Schild. Das 34. Vereinsjahr hat schon begonnen, es droht das letzte zu werden.

Die Wirtin geht in Pension. Wie wird es weitergehen mit dem Sparverein?

34 Vereinsmitglieder und sechs Gäste füllen die L-förmige Gaststube, die mit Gipswänden um jene Quadratmeter gestutzt wurde, die sie von den 80 Quadratmetern trennen, welche der Kulturkanton für ein Lokal mit Rauchererlaubnis maximal zulässt. "Dasch äbe no e rechtä Chnellä, wo jede inecha", meint Dani, Metzger und Feuerwehrmann. Man ist per Du. Wird es schon auf der Einladung: "Wir laden Sie hiermit zur 33. Ordentlichen Generalversammlung (...), wir bitten Dich, Deine Teilnahme (...) bis spätestens 06. Nov. 2013 im Restaurant Schwyzerhus abzugeben." Persönlich – nicht per Post. Denn Vereinszweck ist nebst dem Sparen "Förderung (...) der Kameradschaft und der Geselligkeit" (Artikel 1). Und wer könnte den Talon abgeben, ohne bei Marlene ein Käfeli zu nehmen? Alle Plätze sind besetzt, der Seitenarm hinter dem Butzenimitat ist schon mit Qualm gefüllt. Der Krautsalat mit Pilzsauce wird serviert. Unter dem Sony-Flachbildschirm thront statutengemäß (Artikel 7 ) der fünfköpfige Vorstand, seit 2011 besteht er in folgender Zusammensetzung: Präsident Bruno Stahel, Vizepräsident Peter Bregenzer, Kassier Jrène Seiler, Aktuar Bernadette Meier; Beisitzerin ist die Wirtin, die jetzt rennen muss. Das Ehrenamt wird mit einem "Nachtessen abgegolten, wofür der Betrag von Maximum sFr. 500.– aus der Vereinskasse zur Verfügung gestellt wird" (Art. 8.1).

Achtung, heiß! Das Paprikaschnitzel mit Gratin und Broccoli kommt.

Bruno Stahel, der weißhaarige frühere Außendienstler der Chocolat Villar, erhebt sich. Er gehört zur Mannschaft, die sich 2011 um die neue Wirtin versammelte, um den Verein über den Wirtewechsel zu retten. Heillos zerstritten sei der alte Vorstand gewesen, Geld habe gefehlt. Das Vertrauen war weg. Es gab neue Statuten. Die GV beginnt.

Bei Traktandum 5, "Jahresrechnung 2012/13 und Revisorenbericht", kommt Stimmung auf. Jrène Seiler, die Kassierin, erläutert die Zahlen. Auf sFr. 4311.91 belief sich das Vereinsvermögen per 31.10.2013. Das sind sFr. 583.84 weniger als im Vorjahr. Mitverantwortlich für den Fehlbetrag: das Reisli nach Murten, von deren geselligem Mehrwert die gerahmte Fotosammlung an der Wand kündet. Der Jahreszins auf die Spareinlage in der Raiffeisenbank betrug 177 Franken, an Bußen gingen 245 Franken ein. 49-mal versäumte es ein Mitglied, Artikel 5 nachzulegen: "Jedes Mitglied sollte pro 14 Tage mindestens sFr. 20.– in das von ihm gewählte Fach einlegen, ansonsten eine Busse von sFr. 5.– erhoben wird." 1100 Franken verdiente der Verein durch Veranstaltung einer Tombola. 130 Franken kostet die Versicherung des Sparkastens. Mit Akklamation werden Rechnung und Revisorenbericht verdankt.

Unter Traktandum 7, "Wirtewechsel April/Mai 2014 / ausserordentliche Versammlung mit Auszahlung ca. April 2014", hebt das Palaver an. Marlene geht in Pension. Wie wird es weitergehen? Wird man mit dem neuen Pächter kutschieren können? Findet sich einer? Es wird weitergehen, hoffen viele. Der Vorstand will eine außerordentliche GV mit Auszahlung ansetzen. Jetzt kommt die Stunde von Vizepräsident Peter Bregenzer. Mutationen. Der Hüne, der seit 25 Jahren im Vorstand amtet, erhebt sich von seinem Stuhl am Stammtisch und verliest durch die Lesebrille, was ihm die Kassierin notiert hat. Sieben neue Mitglieder, vier verließen den Verein. Aus unterschiedlichen Gründen. Einen aber, sagt Peter und hebt den Blick, "dä hämmer ussegrüert, hochkant". Johlen im Saal. Der Mann kam seiner Einzahlungspflicht nicht nach, wurde per Einschreiben ermahnt: "Reagiert das Mitglied nicht, wird das Fach nach der angegebenen Frist weitergegeben" (Artikel 5).

Das vorausschauende Sparen scheint der Jugend abhandenzukommen

Der Schreibende sieht die vielen ergrauten Häupter im Saal und fragt Dani, ob es keine Jüngeren mehr gebe, die hier mitmachen wollten, denn Artikel 3 der Statuten lautet ja: "Das Beitrittsalter ist auf das vollendete 18. Altersjahr festgelegt. Für Jugendliche in Ausbildung besteht die Möglichkeit, mit Unterschriften des gesetzlichen Vertreters dem Sparverein Schwyzerhüsli beizutreten." Macht es heute keinen Sinn mehr für Jugendliche? Dani sinniert. Nun, in seiner Jugend sei es schon vorgekommen, dass man nach der Lehre das Geld für die Steuern Ende des Jahres in Monatsraten aufs Sparbüchlein eingezahlt habe, aber dann hätten die Kollegen eine Töfffahrt auf einen Campingplatz im Tessin geplant, und schon seien die guten Vorsätze vergessen, die Rücklagen vom Sparkonto abgezogen und verjubelt worden, das Loch am Jahresende selbst verschuldet. Davor bewahre einen der Sparverein nachhaltig.

Tatsächlich beklagen die Schuldenberater in den Kantonen eine zunehmende Steuerverschuldung bei 18- bis 24-jährigen Jugendlichen. Die Einübung der schwäbisch-alemannischen Stammestugend, des vorausschauenden Sparens, scheint den Sprösslingen der multikulturellen Spaßkultur abhandenzukommen. Die Budgetberaterinnen empfehlen einen Systemwechsel, hin zu bundesdeutschen Lohnabzügen, weg vom Bürgersinn.

Bei Café Crème und Schwarzwäldertorte macht Jréne die Runde mit den Geldcouverts. Die harte Schule der Eigenverantwortung steht den Mitgliedern noch bevor: Die Kioskfrau weibelt mit den Millionenlosen, und auf Marlenes Getränkekarte lockt der Alkohol. Eigentlich wollen sie das Ersparte nach Hause tragen: für die Steuerrechnung, das Weihnachtsessen oder die Kreuzfahrt.

Sind die Sparvereine, diese Sparschulen der Nation, der Rettungsanker des Büezers, um einen Zipfel von der kapitalistischen Herrlichkeit zu erhaschen? Jedenfalls sind sie systemrelevant: Too Swiss to fail!