Mode ist so widersprüchlich. Gerade glaubte man noch, verstanden zu haben, dass es eine neue Kundin gibt, die nicht mehr Schneewittchen sein möchte, sondern als selbstständige Frau wahrgenommen werden will. Die sich nicht mehr in romantischen Fantasien verliert, sondern ihr Berufsleben plant. Und die natürlich auch die entsprechenden Kleider dafür braucht. Solche, die elegant und unverschnörkelt sind. Selbstbewusst und konkret.

Und dann schaut man auf die Laufstege und sieht dort Mode wie aus der Neuverfilmung von Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Es wallt und klimpert, es raschelt und rauscht. Bei Alexander McQueen zeigt Sarah Burton viktorianisch anmutende weiße Kleider mit Bauschärmeln und freien Schultern. Bei Dolce & Gabbana sehen wir Models mit Krönchen und klirrenden Ohrringen, in Spitzentops und Röcken, die mit historischen Motiven bedruckt sind. Bei Rodarte flattern transparente Unterröcke um nackte Beine, bei Valentino sehen wir bodenlange Kleider mit Bordüren – und Gareth Pugh kreierte Looks, die aussahen, als wären sie von der Pechmarie aus Frau Holle abgelegt worden. In der Mode ist Märchenstunde angesagt.

Dies hat allerdings nichts damit zu tun, dass die moderne Frau sich nun doch wieder darauf verlegt haben könnte, auf ihren Prinzen zu warten. Es zeigt vielmehr, dass Modenschauen immer mehr zu Erzählungen werden. Kleider allein genügen heute nicht mehr, um eine modische Botschaft zu verbreiten. Und schon gar nicht eine solche, die bei den Frauen auch gut ankäme. Die Kundin will keine Projektionsfläche für männliche Fantasien mehr sein. Die Schauen allerdings, in denen die Kleider präsentiert werden, müssen immer mehr Fantasien wecken. Sie sind längst nicht mehr dazu gemacht, einem Kreis von Kunden ein Produkt nahezubringen, sondern die Atmosphäre einer Marke zu atmen. Sie sind für die Videoleinwände in den Flagshipstores gemacht und für die Livestreams im Internet.

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In diesem Sinne wird es durchaus möglich, dass die Stücke auf dem Laufsteg mit denen, die später wirklich in der Boutique verkauft werden, kaum Ähnlichkeit haben. Denn während die Kundin am Kleiderbügel ein Teil sehen will, in dem sie für die Anforderungen ihres Lebens gerüstet ist, schaut sie immer noch gern Märchenfilme. Das hat sie sich verdient.