Diesmal müssen wir uns keine Sorgen um Gott machen. Jahr für Jahr gehörte zu den Weihnachtsbeschäftigungen der Journalisten die Wehklage über den Zustand des Christentums. Je frommer der Autor, desto größer die Angst, Gott könnte eines Tages wirklich tot sein, weil keiner mehr an ihn glaubt. Doch plötzlich ist die Angst weg – obwohl die Kirchen auch nicht voller sind als vorher. Denn Kirche spielt sich wieder in der Welt ab. Und Religion macht Politik.

Wer hätte das gedacht. Gott steht zwar in der Präambel unseres Grundgesetzes, und die Kanzlerin hat eben wieder den Amtseid geschworen, "so wahr mir Gott helfe". Doch die meisten deutschen Politiker sprechen vorsichtshalber nicht viel vom Glauben. Denn glauben heißt: etwas für wahr halten, was man nicht sieht; auf etwas vertrauen, was vielleicht nie existierte. Im Zeitalter der Vernunft erscheint der Gottesglaube nicht nur unvernünftig, sondern auch naiv.

Selbst christliche Parteien hüten sich heute, allzu deutlich von Jesus Christus zu sprechen. Zwar haben die Deutschen einen Pfarrer als Bundespräsidenten und eine Pfarrerstochter als Bundeskanzlerin. Doch Joachim Gauck predigt am liebsten Freiheit. Und Angela Merkel wies die Forderung nach einem Blasphemiegesetz zum Schutz religiöser Gefühle kühl zurück. In dem Buch Daran glaube ich sagt sie: "Unserem Staat ist verfassungsmäßig eine weltanschaulich-religiöse Neutralität auferlegt."

Religion ist heute Vernunftreligion und eine nüchterne Sache. Doch im Augenblick versetzt sie die Welt wieder in Aufruhr. Das zurückliegende Jahr hat gezeigt, welche politische Kraft vom Glauben noch immer ausgeht. Er eignet sich dazu, Konflikte zu provozieren, die von der Politik kaum zu befrieden sind: Kriege zu entfachen und ganze Länder zu verheeren – wie in Syrien; eine Bevölkerung zu spalten und Gotteshäuser zu brandschatzen – wie in Ägypten; autokratische Regime zu stützen – wie in Russland und im Iran. Andererseits eignet sich der Glaube aber auch, politische Probleme mit einer Klarheit zu benennen, zu der die Politik schon lange nicht mehr fähig war: etwa die europäischen Flüchtlingsgesetze infrage zu stellen und eine weltweite Debatte über soziale Gerechtigkeit auszulösen – wie es der neue Papst getan hat.

Da kommt ein freundlicher älterer Herr, nennt sich Franziskus und begeistert Massen moderner Menschen für die altmodische Tugend der Barmherzigkeit. Wie macht er das? Indem er über Grenzen hinweg predigt, worüber kein Irrtum möglich ist: die Gottesbotschaft der Mitmenschlichkeit. Syrien und Rom sind zwei Extreme desselben Phänomens: Religion als Weltmacht. Zwischen den Extremen der eskalierenden Gewalt und der überschäumenden Papstbegeisterung wird eine Hoffnung sichtbar.

Nicht nur Christen hoffen ja, dass sich am Horizont der Zukunft etwas findet, was größer ist als ihre Alltagswünsche. Nicht nur religiöse Menschen wünschen sich, dass es außer Erfolg und Besitz noch etwas Haltbareres gibt. Früher nannte man es Erlösung. Heute würde man vielleicht sagen: ein anderes Leben. Man kann diese Sehnsucht sentimental finden, aber sie hat politische Wirkung. Denn Hoffende lassen sich mobilisieren. Im besten Fall: für eine Politik der Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Freiheit. Im schlimmsten Fall: für eine Politik der Unterwerfung.

Der Publizist Rüdiger Safranski hat einmal gesagt, es gebe heiße und kalte Religionen. Das Christentum sei heute im Vergleich zum Islam eine abgekühlte Religion, weil ihm die Aggressivität fehle. Doch diese Coolness hat ihren Preis. Wo der Zweifel immer schon dazugehört, da reagiert man nicht mehr empfindlich auf Kränkungen – und auf das Elend seines Nächsten.

Diese Kühle ist neuerdings nicht mehr spürbar. Seit Franziskus im Amt ist, zeigt sich, dass es noch eine andere Hitze gibt als die der Aggression. Der Papst verkörpert einen Glauben, der unerbittlich ist in seiner Menschenfreundlichkeit. Wenn er Gerechtigkeit predigt und sich dabei auf Jesus beruft, dann meint er es nicht milde, sondern endgültig. Jesus ist für ihn keine Möglichkeit, sondern eine Tatsache. Und die gerechtere Welt ist für ihn ein Versprechen, das erfüllt werden muss, kein idealistisches Projekt, an dem wir sowieso wieder scheitern. Also beschimpft er den Kapitalismus als rücksichtslos und fordert die Kirchen auf, Flüchtlinge zu beherbergen, auch wenn es den geltenden Gesetzen widerspricht.

Die aus Syrien fliehen, sollen nun in den Kirchen Zuflucht finden. Das ist die bleibende Irritation der christlichen Botschaft: den Notleidenden helfen und das Gebot der Barmherzigkeit befolgen, über Glaubensgrenzen hinweg. Der Papst weiß, dass sich etwas ändern muss. Darin besteht die Hitze seines Glaubens. Sie ist ansteckend, nicht nur für Christen. Warum?

Die großen Vorhersagen zur Zukunft der Religion sind nicht eingetroffen: Gott ist nicht tot, die Welt hat sich nicht säkularisiert. Aber sie kehrt auch nicht einfach zu Gott zurück. In einer modernen Gesellschaft, die wenig Illusionen hat und ein unpathetisches Verhältnis zur eigenen Zukunft pflegt, die abgeklärt ist und aus Erfahrung an nicht mehr vieles glaubt, gibt es offenbar noch heiße Wünsche. Nach einem Sinn unseres Handelns, nach einem Zweck unseres Daseins. Die Religion gibt diesen Wünschen einen Namen und eine Richtung. Sie ist heute nicht mehr die einzige mögliche Antwort. Aber immer noch eine treibende Kraft.

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