Als Kind schlief ich immer mit eingeschalteter Nachttischlampe, denn ich hoffte, so die Monster unter meinem Bett in Schach halten zu können. Überall vermutete ich Ungeheuer. Wenn wir mit dem Auto unterwegs waren, fragte ich mich, was sich wohl im dunklen Kofferraum eingenistet haben könnte. Nachts wurden in meinen Träumen riesige Steinstatuen lebendig, die Jagd auf mich machten. Aber wenn ich aufwachte, war es zum Glück hell. Das Licht hat mich immer gerettet, sonst wäre ich jetzt wohl nicht hier. Schöne, entspannte Träume – fliegen können oder so etwas – hatte ich leider nur selten.

Bei mir verläuft die Grenze zwischen Traum und Realität fließend. Ich schreibe jeden Tag vier Stunden, eine Zeitspanne, in der meine Vorstellungskraft auf Hochtouren läuft. Aber auch wenn ich nicht schreibe, kann ich diese Maschine in meinem Kopf nicht ausstellen, ständig rauschen mir wilde Dinge durchs Hirn. Im Grunde träume ich rund um die Uhr. Das Angenehme an Tagträumen ist ja, dass man sie kontrollieren kann.

Wenn ich mir zum Beispiel, allein in meinem Büro, das Album Let It Bleed von den Rolling Stones anhöre, träume ich, bei vollem Bewusstsein, davon, Keith Richards zu sein. Da mich keiner sehen kann, passiert es schon mal, dass ich leidenschaftlich ein Luftgitarrensolo vor dem Spiegel spiele. Wenn ich dann so richtig in Stimmung komme, tanze ich zu brüllend lauter Musik auch gern um meinen Schreibtisch. So halte ich mich ganz nebenbei durch meine Tagträumerei körperlich fit.

Es ist ein Albtraum, wenn etwas, das man sich ausgedacht hat, außer Kontrolle gerät. Meinen Roman Amok, den ich als wütender junger Mann schrieb, habe ich deshalb in den USA aus dem Verkehr ziehen lassen. Einige junge Amokläufer hatten sich vermutlich von der Geschichte zu sehr beeindrucken lassen. Ich habe mich aber niemals schuldig gefühlt, wenn ein Teenager in einer Schule Amok lief. Ich kann nichts dafür, dass manche von diesen Wirrköpfen mein Buch gelesen haben, denn ich erschaffe nichts, was nicht vorher schon vorhanden ist. Möglicherweise kann ein Buch längst vorhandene Wut steigern. Das wäre dann so, als ob man Benzin auf ein Feuer kippt und es zur Explosion kommt. Aber zumindest die Glut war eben schon vorher da. Ich habe Amok rückblickend sehr bedauert, halte aber dennoch nichts von der These, dass Gewaltdarstellungen in Büchern, Filmen oder Videospielen der Grund dafür sind, dass Menschen schlimme Dinge tun. Träumen ist auch in diesem Zusammenhang manchmal hilfreich, weil es das Gehirn entrümpelt und böse Gedanken neutralisiert.

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Seit ich erwachsen bin, schlafe ich ohne Licht, weil unter meinem Bett wahrscheinlich doch keine Monster lauern. Es muss für mich heutzutage sogar so finster wie möglich sein, dann kann ich mich entspannt der Nacht stellen. Daran, dass in meinen Träumen ab und zu Monster lauern, habe ich mich längst gewöhnt.

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