Wenn die Außentemperatur unter vier Grad minus sinkt, können Blechbläser nicht im Freien spielen. Dann gefriert die Spucke, und das ist schlecht für den Klang. Ab wann Ursula von der Leyen ganz offiziell die Bundesverteidigungsministerin ist, hängt daher auch vom Wetter Anfang nächsten Jahres ab. Wird es zu kalt, kann der amtierende Verteidigungsminister Thomas de Maizière nicht mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet werden. Und ohne dieses militärische Zeremoniell mit Bläsern und Uniformen fehlt nach Vereidigung und Amtsübergabe der letzte Akt, der protokollarisch zum Wechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums gehört.

Es ist kurz vor Mitternacht, als Ursula von der Leyen am Sonntagabend die Geschichte von den Bläsern erzählt. Gerade hat sie in einer Talkrunde freimütig berichtet, dass sie erst vor 72 Stunden vom neuen Amt erfahren habe. Jetzt wirkt sie aufgekratzt, begeistert und hellwach. Sie wollte ein außenpolitisches Amt, unbedingt. Als Arbeitsministerin war sie zuletzt so viel in der Welt unterwegs, dass einige Journalisten sie schon als "Nebenaußenministerin" beschrieben.

Weil die SPD das Außenministerium reklamierte, schien es zunächst, als könne sie diesen Traum vergessen. Nun hat sie doch ein internationales Amt. Hätte sie das Gesundheitsministerium, das für sie gehandelt wurde, am Ende wirklich abgelehnt? Vielleicht, sagt sie, sie habe es jedenfalls wirklich nicht gewollt. Aber sie habe auch gelernt, solche Fragen erst dann zu beantworten, wenn sie unausweichlich seien.

Hat sie wirklich keine Angst vor dem Ressort, in dem man mit Tod, Krieg und Gewalt so hart konfrontiert wird wie in kaum einem anderen Amt? Angst vor Fehlentscheidungen, die schwerer wiegen als ein schlechtes Sozialgesetz? Als Ärztin habe sie schon früh Erfahrungen mit Tod, trauernden Angehörigen und zerstörten Körpern gemacht, sagt sie. Das schrecke sie nicht. Respekt hat sie vor allem vor dem schwer durchschaubaren Beschaffungswesen der Bundeswehr, der harten Interessenpolitik der Rüstungsindustrie.

Das Risiko ist groß, an einer Affäre wie dem Drohnen-Beschaffungsskandal ihres Vorgängers Thomas de Maizière zu scheitern. Genauso gefährlich sind Fehlentscheidungen von Militärs wie einst in der Kundus-Affäre. Wenn aber die Skandale ausbleiben und von der Leyen reüssiert, hat sie große Chancen, die Kanzlerin zu beerben. Insofern ist das Verteidigungsministerium ein typisches Von-der-Leyen-Ressort. Mit ihr ist es nie langweilig.

Es ist kein Zufall, dass sie die Geschichte von den Bläsern erzählt. Eines ihrer Ziele im neuen Amt ist, die Bundeswehr stärker in der Gesellschaft zu verankern. Die Armee müsse ein moderner Arbeitgeber sein, sagt von der Leyen, so attraktiv für Bewerber wie möglich, mit einer Chefin an der Spitze, die sich persönlich kümmere. Früher, als es die Wehrpflicht gab, sei das nicht ganz so wichtig gewesen. Aber eine Freiwilligenarmee in einer alternden Gesellschaft mit Fachkräftemangel müsse sich ganz besonders um gute Leute bemühen. Dafür soll die Welt der Militärs vom Bürger weniger als geheimnisvolles Paralleluniversum wahrgenommen werden, als Männerwelt der Militärparaden und Sicherheitskonferenzen, die sich manchmal selbst genügt. Man wird unter von der Leyen mehr von Krankenhäusern und Hochschulen der Bundeswehr hören, von normalen, unspektakulären Jobs. Die neue Ministerin wird öffentlich lernen, sie wird ihr Staunen über Dienstgrade oder Militärmusiker teilen – und so, wenn es gelingt, Übersetzerin sein.

Das zweite Ziel: Von der Leyen will die Deutschen von ihrer steigenden internationalen Verantwortung überzeugen. Wie schwer das wird, ist der neuen Verteidigungsministerin klar. Als Familien- und Sozialpolitikerin hat sie ihre eher linke Seite gezeigt, bei sicherheitspolitischen Fragen tickt sie konservativer. Emotional ist sie nah bei den Amerikanern, und sie ist überzeugt, dass eine starke Wirtschaftsnation wie Deutschland mehr internationale Pflichten hat, als es mancher im Land gerne hört.

Bei ihren Auslandsreisen hat von der Leyen sich bereits ein kleines außenpolitisches Netzwerk aufgebaut. Sie ist beispielsweise befreundet mit der amerikanischen Professorin Ann-Marie Slaughter, die als Planungsstabschefin an der Seite von Hillary Clinton für eine militärische Intervention der USA in Libyen stritt. Anfang des Jahres war Slaughter in Berlin – eigentlich auf Einladung der SPD. Sie trat mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auf. Trotzdem erklärte sie hinterher locker, die kommende Figur der deutschen Politik sei ja eigentlich ihre Freundin Ursula. Sogar die Ehemänner der beiden mögen sich. Als von der Leyen und Slaughter sich Anfang des Jahres eines Abends mit Partnern in Princeton trafen, unterhielten sich die Männer über Opern – und ihre Frauen über Sicherheitspolitik.