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Andreas Marneros, 67, ist Psychiater. Er hat Hunderte Gewaltverbrecher bei Gericht begutachtet, auch solche, die ihren Partner getötet haben. Ein Gespräch darüber, warum Menschen aus Liebe töten können

ZEITmagazin: Herr Marneros, kann man überhaupt aus Liebe töten?

Andreas Marneros: Ja, natürlich. Die Mehrzahl der Tötungen gelten dem Intimpartner.

ZEITmagazin: Männer und Frauen töten den Menschen, mit dem sie liiert sind. Warum tötet man jemanden, den man liebt?

Marneros: Es gibt sehr viele Gründe dafür, aber fast alle Liebesmörder töten, weil ihr Selbstbild in Gefahr ist. Je wichtiger ein Mensch für mich und mein Selbstbild ist, desto labiler bin ich, wenn ich ihn verliere. Ich bin ein zerstörter Mensch, sehe keine neue Perspektive. Dann kommt ein Streit oder eine Provokation dazu. Ein Moment der Kränkung. Das sind Bruchteile von Sekunden, in denen wir wie ein Vulkan explodieren und alle Wut und alle Verletzungen auf einmal hochkommen. In diesem Moment, in dem man sich nicht mehr kontrollieren kann, tötet man den Menschen, den man liebt. Häufig spielt dabei natürlich auch der eigene Narzissmus eine Rolle. Als Woyzeck Marie tötet, tut er das mit den Worten: "Wenn ich dich nicht haben kann, dann auch kein anderer."

ZEITmagazin: Aber gibt es eine klassische Form der Tötung aus Liebe? Wo nicht Narzissmus, sondern Liebe das reine Motiv für die Tat ist?

Marneros: Der erweiterte Suizid. Der erweiterte Suizid geschieht im Grunde genommen aus reiner Liebe. Dabei meine ich nicht so sehr den erweiterten Suizid in einer Partnerschaft, sondern vor allem Mütter, die ihre Kinder und sich selbst töten.

ZEITmagazin: Was hat das mit Liebe zu tun?

Marneros: Die Mütter sind nicht getrieben von Narzissmus, sondern einzig und allein von dem Gedanken: Ich will mein Kind nicht alleine lassen. Ich erinnere mich an einen Fall, an dem das deutlich wird: Eine Frau wird von ihrem Ehemann verlassen und bleibt alleine mit dem gemeinsamen Kind zurück. Und es entwickelt sich eine enorm enge Beziehung zwischen Mutter und Kind. Dann wird die Mutter depressiv, hat Suizidgedanken. Sie will das Kind für einige Zeit zum Vater geben und in Therapie gehen. Doch als der Vater kommt, um das Kind abzuholen, reißt es sich von der Hand des Vaters los, läuft zurück zur Mutter und fleht sie an: "Mama, du sollst mich nicht alleine lassen. Bitte, bitte lass mich nicht alleine!" Das Kind bleibt bei ihr, der Vater fährt wieder nach Hause. Noch am selben Tag gibt die Mutter dem Kind Medikamente und erstickt es. Ihr eigener Suizid misslingt. Diese Frau hat ihr Kind nicht aus Narzissmus getötet, sondern weil sie es in dieser Welt, die ihr so schlecht und furchtbar erschien, nicht alleine zurücklassen konnte.

ZEITmagazin: Wie ist es bei der erotischen Liebe? Gibt es einen Mord aus Liebe in einer Partnerschaft, der Sie sehr bewegt hat?

Marneros: Ich erinnere mich an den Direktor einer Baufirma, der beruflich nicht besonders erfolgreich war. Er hatte eine fast schon diktatorische Ehefrau, die ihm ständig seine Schwächen vorhielt. Eines Tages, als sie ihn wieder beschimpfte, griff er nach einem Hammer, der von einer Reparatur herumlag, und erschlug sie. Anschließend trug er die Leiche ins Badezimmer, legte sie in die Wanne und zündete Kerzen an. 40 Tage lang blieb er alleine mit ihr in der Wohnung. Später, als ich mit ihm sprach, sagte er zu mir: "Ich liebe sie immer noch."

ZEITmagazin: Ist das häufig so, dass die Liebe nach dem Mord bleibt?

Marneros: Ja. Sehr viele Menschen, die ihren Partner oder ihre Partnerin getötet haben, sagen auch Jahre später: Ich liebe sie noch immer. Der Mord aus Liebe trennt diese beiden Menschen nicht. Im Gegenteil: Er kettet sie schicksalhaft auf ewig aneinander.

ZEITmagazin: Wenn wir aus Liebe töten können – was sagt das eigentlich über die Liebe aus?

Marneros: Die Liebe schützt nicht davor, zu töten, weil sie viele Kinder haben kann. Ein Kind der Liebe ist die Eifersucht, ein anderes die Angst vor Verlust, ein anderes die Kränkung. Die Liebe ist das Schönste. Und derjenige, der das nicht erlebt hat, ist ein sehr armer Mensch. Aber Liebe kann tatsächlich auch tödlich sein. Liebe braucht Pflege, damit sie nicht in eine gefährliche Liebe mutiert.

ZEITmagazin: Sie haben sich viele Jahre mit Mord aus Liebe beschäftigt, haben viele Tragödien gehört und gesehen. Wie hat sich Ihr Bild von der Liebe dadurch gewandelt?

Marneros: Ich glaube nicht, dass sich mein Bild grundsätzlich gewandelt hat, aber ich schätze mehr, was ich habe. Ich bin glücklich, dass ich so eine Tragödie nicht selbst erleben musste.

ZEITmagazin: Was ist demnach Ihre Wahrheit über die Liebe?

Marneros: Für mich ist Liebe eine Bindung zwischen zwei Menschen, die alles teilen können. Nicht nur materiell, sondern auch geistig und emotional. Wenn man es schafft, alles zu teilen, nenne ich das Liebe.

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Kurt Seikowski, 58, ist Therapeut für psychosomatische Dermatologie in Leipzig

ZEITmagazin: Herr Seikowski, ist die Haut ein Liebesorakel?

Kurt Seikowski: Natürlich! Streicheln, in den Arm genommen werden, Geborgenheit, sexuelle Empfindungen – körperliche Liebe geht über die Haut. Und diese Beruhigungs- und Geborgenheitsfunktion der Haut holt man sich nicht überall, sondern vor allem von Menschen, die man gernhat.

ZEITmagazin: Kann Liebe Hautkrankheiten heilen?

Seikowski: Ja, meine Studie zu Neurodermitis hat gezeigt, dass bei Kindern der Juckreiz durch ein In-den-Arm-Nehmen deutlich gelindert wird. Das gilt auch für Erwachsene, solange die Haut nicht so weit geschädigt ist, dass es wehtut.

ZEITmagazin: Es heißt: "Sex macht schöne Haut." Stimmt das?

Seikowski: Die jahrtausendealte Volksweisheit bestätigt sich tatsächlich auch bei meinen Patienten. Von männlichen Akne-Patienten höre ich immer wieder, dass die Haut bei regelmäßigen Orgasmen besser ist. Ohne Orgasmen kehren Hauterkrankungen deutlich schneller zurück. Der Orgasmus ist wie der Schlaf eine Form der Entspannung, und Entspannung ist gut für die Haut.

ZEITmagazin: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?

Seikowski: Ganz klare Unterschiede! Ein Orgasmus durch Selbstbefriedigung reicht bei Frauen nicht aus, sie müssen berührt werden, damit die Haut positiv reagiert. Männer scheinen da weniger zu brauchen. Das Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung über die Haut spielt bei Frauen möglicherweise eine größere Rolle. Ein Beispiel: Am Ende der Masturbation tritt bei Männern immer Entspannung ein. Ein Großteil der Frauen hingegen berichtet von depressiven Phasen nach dem Orgasmus – irgendwie fehlt da was. Ein Orgasmus beim Mann ist allerdings auch mehr punktuell und bei der Frau ganzkörperlich.

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Jan Böhmermann, 32, ist Moderator und Autor

Erst huscht sie vorbei. Dann kommt die Übelkeit. Irgendwo brennt ein Teelicht, und ich singe Lieder, ohne den Text zu können. Pathetisch, oder was? Kopf aus! Kopf an! Überschätze mich, unterschätze mich. Es riecht nach Zimt und ungemachtem Bett. Das Ticken der Uhr. Die Wände sind zu dünn, man hört Deine Waschmaschine schleudern. Hellwach. Die Tür zum Treppenhaus offen gelassen, die ganze Nacht, und es nicht bemerkt. Und wenn uns ein Doppeldeckerbus kaputt fährt? Na ja, wenn schon. Müde, müde. Ein Kind schreit. Ich lasse lieber andere Leute singen. Ich gucke auf den Boden des Brunnens. Ist das romantisch? Die Sonne geht wieder auf, und ich bin noch nicht müde. 34 Anrufe in Abwesenheit. Der Nachbar von oben pinkelt uns auf die Köpfe, wie immer. Kurzmitteilungen ohne Smileys! OHNE! SMILEYS! :) War das zu viel? Oder zu wenig? Oh, war wohl gerade nicht da. Ich habe keinen Hunger: Mein Magen knurrt. Ausrufezeichen kommen in Rudeln. Eine Bank am Fluss, eine Treppe in der Stadt. Es ist warm. Ich kann es eh nicht. Nur ich weiß, wie es ist, und niemand sonst. Müde, müde. Es ist mein Geheimnis. Meins, meins, meins.