Das Ende unserer Familientradition begann mit einem Dokumentarfilm. Meine Schwester hatte ihn gedreht, deswegen schaute mein Sohn ihn mit besonderer Ernsthaftigkeit an. Er sah, wie Tiere gemästet und brutal geschlachtet werden und welche bitteren Folgen der wachsende Fleischkonsum der Reichen für die Armen und die Umwelt hat. Jakob handelte sofort mit einer Radikalität, wie sie Elfjährigen eigen ist: An jenem Abend hängte er den Zettel in der Küche ab, auf dem bei uns kleine Wünsche stehen und auf den er noch kurz zuvor "Mehr Fleisch!" geschrieben hatte. Und wurde über Nacht zum Vegetarier.

Es ist nichts Außergewöhnliches mehr, Vegetarier zu sein. Einige meiner besten Freunde sind Veganer. Aber es ist ein ziemlicher Unterschied, ob Freunde nur Gemüse essen oder ob der eigene Sohn das tut. Und der erste Enkel meiner Eltern.

Jakob war schon ein paar Monate lang Vegetarier, als Weihnachten näher rückte. Während eines Besuches im Sommer hatte seine Oma noch versucht, ihm homöopathische Mengen Speck in den Eintopf zu schmuggeln. "Der Junge kriegt ja sonst Eisenmangel." Doch er pulte die Stücke heraus, stritt mit den Großeltern und ließ sich weder mit seinem ehemaligen Lieblingskäse noch mit Gummibärchen bestechen (der traditionell hergestellte Comté wird mit Lab aus Kälbermägen fermentiert, die Bärchen sind aus Gelatine). Zu Hause lernten wir, dass Spaghetti Bolognese auch mit Sojaflocken statt Rind schmeckt und Polenta mit Pilzen statt Poularde.

Jakob redete inzwischen gern von "Aasessern", wenn wir doch mal ein Schnitzel aßen. Es half auch nicht, dass das Schwein oder Kalb vom Biometzger kam. Jedes Essen wurde zu einem anstrengenden politischen Seminar. Entnervt verboten wir ihm schließlich während der Mahlzeiten die verächtlichen Bemerkungen und drohten, sonst getrennt zu essen. Er verzichtete daraufhin, seinen Ekel in Worte zu packen, wünschte sich zum Geburtstag einen Ausflug in ein vegetarisches Restaurant, guckte zu Hause hin und wieder verächtlich auf unsere Teller und dozierte über die umweltpolitischen Konsequenzen des Fleischkonsums. 11-Jährige sind zäher als alte Schnitzel.

Und mir grauste vor Weihnachten. Das Fest verbringen wir traditionell bei den Großeltern. Es gibt dort am Heiligen Abend, seit ich mich erinnern kann, Fleischfondue. Sie sind Nachkriegskinder, einmal im Jahr rohe Fleischstücke an langen, bunt markierten Gabeln in siedendes Öl zu halten und danach in Würzsoßen zu tunken ist für sie der Inbegriff eines luxuriösen Mahls.

Das Festessen mit dem überzeugten Enkel lässt sich in zwei Wörtern zusammenfassen, es war: nicht witzig! Ein verärgerter Großvater, ein muffeliger Enkel und dazwischen der Rest der Familie. Wir versuchten, fröhlich zu schmausen und zu plaudern und dabei nicht über das Essen zu reden. Auf keinen Fall die Situation eskalieren! Das war die unausgesprochene Devise des Abends. Jakob stand auf, sobald er durfte, und machte sich über den Teller mit den Keksen her. Sein Großvater ignorierte ihn. Fleisch abzulehnen, das wurde mir an diesem Abend klar, bedeutete, den gemeinsamen Genuss zu verweigern. Das Schwelgen im Überfluss, den sich die Großeltern bewusst nur einmal im Jahr gönnten. Nein zum Fleischfondue sagen nur Spielverderber. Und Jungs, die kein Fleisch essen – bei denen muss die Erziehung irgendwie versagt haben.

Nach diesem Fest herrschte eine ganze Weile Funkstille zwischen den Generationen. Der Enkel fand den Großvater doof und der den Enkel wahrscheinlich auch. Doch irgendwann, nach einer ganzen Reihe von Telefonaten, wurde den Großeltern offenbar klar, dass die vermeintliche Marotte ihres Enkels wohl eher sein erstes politisches Statement war, vielleicht noch unbeholfen vorgebracht, aber sehr überzeugt. Und dafür hatten sie wiederum viel Verständnis, politisches Engagement fanden sie schon immer gut.

Beim seinem nächsten Besuch servierten sie Gemüsesuppe. Und als wir uns ein Jahr später wieder zum Weihnachtsessen an den Tisch setzten, standen dort zwei Töpfe. Einer fürs Fleischfondue. Einer fürs Gemüse. Und der Großvater grinste seinen Enkel an: "Wir essen auch nicht mehr so viel Fleisch."