Es wird Winter!

Da ist sie also wieder, die Jahreszeit der überheizten Innenräume, jetzt noch hitziger mit Bonus-Koalitionsverhandlungen. Es ist die letzte Baustelle, denn eigentlich ist das Land doch fertig. Auf Jahrzehnte hinaus wird es keine Regierung ohne CDU-Beteiligung geben, keine Bundesligatabellenspitze ohne Bayern, kein Bayern ohne CSU. Jetzt gehen wir an die Feinheiten, das heißt an die Liquidation der Kritiker.

Da haben sich doch tatsächlich ein paar öffentlich Arbeitende – nicht durchweg Intellektuelle, nicht durchweg Linke – getraut, Bedenken gegen die Große Koalition anzumelden! Dafür bezichtigt sie Hans-Ulrich Jörges, Assistenzchef des sterns u. a., der Verachtung für die verfasste Demokratie, der gefährlichen Affekte gegen die Politik, der Unverschämtheit, Verlogenheit, Eitelkeit, Arroganz, Überheblichkeit, außerdem wandere man "auf die historisch überlieferte Politikerverachtung von rechts zu", womit man quasi Neonazi ist, also, schließt Jörges, "Halt’s Maul!".

Was also haben Silvia Bovenschen, Antje Vollmer, Ingo Schulze, Hanna Schygulla, Friedrich Schorlemmer, 10.000 andere und auch ich uns zuschulden kommen lassen? Einwände! Und was haben wir beim stern freigesetzt: den Gerhard-Löwenthal-Reflex, Intellektuellenhass! Deshalb jetzt mal ganz unintellektuell gefragt: Jörges, haben Sie sie noch alle? Da verleiht der stern im Namen seines Gründers Henri Nannen einen Preis auch für die kritische Begleitung des Tagesgeschehens und toleriert nicht mal Einwände gegen jenen Maximalkonsens, der jeder Opposition, aber langfristig auch der SPD den Garaus machen könnte? Und anschließend haben wir dann nur noch Hans-Ulrich Jörges, das stern-Geschütz der Demokratie? Oder ist das vielleicht schon die wilde Frische der neuen Meinungsfreiheit unter der Großen Koalition?

Klar, laut Bertelsmann-Studie liegt unser Land in puncto Gemeinsinn nur im Mittelfeld und ist tendenziell immer weniger bereit, Vielfalt zu akzeptieren, auch Meinungsvielfalt. So nimmt Deutschland lieber keinen Snowden auf, keine Guantánamo-Häftlinge und schon gar keine "Einwanderer" in unser "Sozialsystem". Wir nennen das "Willkommenskultur". Aber mit diesem Ausdruck schicken die Katarer auch ihre Lohnsklaven in die Zwangsarbeit am Stadionbau für die Fußball-WM, unser Brot und Spiele. Sepp Blatter findet jetzt, diese WM solle dort erst im Winter stattfinden, denn das amerikanische Sprichwort sagt: "Wer einen Wachskopf hat, soll nicht in die Sonne gehen."

Unsere Lohnabhängigen dagegen werden schon 2015 einen Mindestlohn bekommen. Früher würde er uns nur die Wirtschaft ruinieren. Aber Dieter Zetsche von Daimler sagt: "Ich kann auch mit fünf Millionen gut leben." Genügsam ist er wie jener Kölner Bankier Pferdmenges, der, gefragt, was er mit einer Million machen würde, erwiderte: "mich einschränken".

Das Deutschland der sozialen Kälte beantworten wir mit einer Zufuhr emotionaler Überwärmung. Wenn Sigmar Gabriel und Marietta Slomka sich in wechselseitiger Patzigkeit hochschaukeln, gewinnen wir eine Woche Fegefeuer daraus, und weil die Liebe der Eliten zur FDP abgekühlt ist, schieben Zeitungen und Talkshows den frisch behaarten Untoten Christian Lindner so oft in die Mikrowelle der Interviews, bis er fast auf Körpertemperatur gebracht ist. So viel Lindner war nie, so viel Desinteresse an Lindner aber auch nicht. Ja, diese FDP ist wie die Costa Concordia, innerlich abgewrackt, aber ein logistisches Wunder wird sie aufrichten. "With a little help from my press."

Wer aber denkt an die "Anschlussverwendung" der alten FDP-Unterstützer Wolfgang Joop, Mutter Beimer, Sky du Mont und Dolly Buster, an die Journalisten, die sich von der Partei nicht lösen können? Es ist wie bei Menschen, die nach einem Todesfall das Kinderzimmer unverändert lassen. Die Süddeutsche Zeitung führt in stillem Minnedienst die FDP sogar noch in den Umfrageergebnissen auf.

Nur Dieter Bohlen, auch er ehemals FDP-Unterstützer, ist schon vom windigen Fähnchen gelaufen und lässt sich einen Wahlkampfauftritt in Österreich teuer bezahlen. Dort leben laut Wissenschaft noch 19 Angehörige von Ötzi, aber wie viele von ihnen sind im Team Stronach, der die Todesstrafe im Programm hat? Jetzt war auch Dieter Bohlen dabei und leistete seinen Beitrag dazu, dass etwa 30 Prozent aller Österreicher politische Gruppierungen mit rechtem Profil wählten.

Ja, wir erregen uns gern, selbst was uns sachlich egal sein könnte, bringt uns gefühlsmäßig auf die Palme: Wir sagen nur "Limburg" und sind schon überwärmt. Der Bischof mag ein Verschwender sein, aber bis heute hat der Staat einen Verfassungsauftrag aus dem Jahre 1919 nicht umgesetzt, nach dem den Kirchen keine Entschädigung für frühere Enteignung mehr zusteht. Knapp eine halbe Milliarde Euro jährlich werden trotzdem immer noch an die Kirchen bezahlt. Das erhitzt uns nicht. Im Bau von Tebartz-van Elst aber wird noch Wochen nach seiner Flucht herumgestochert, als ginge es um Relevanz.

Schlechte Nachrichten für Hitler

Wenn uns dann die Bischöfe ausgehen, beschäftigen wir uns mit dem Bürgermeister von Toronto, nicht weil er wichtig wäre, sondern weil er dick ist, Laster hat und einfach nicht zurücktreten will. Oder mit der Sängerin Miley Cyrus, die glücklicherweise auch Laster hat. Über sie fallen die Heuchel-Schwadronen der öffentlichen Volkserzieher her und machen sich "Sorgen".

Schließlich soll es für einen öffentlichen Teenager ja nicht nur schwer sein, seine Pubertät zu erleiden, er muss es auch noch vorbildlich tun, damit eines Tages eine Plastic Silvie aus ihm werde, die den Boulevard durch den Tropf ihrer Indiskretionen speist und mahnt, sie könne "nicht gutheißen, dass Miley auf der Bühne geraucht hat. Das sollte ein gutes Vorbild nicht tun." Sie sollte vielmehr jede Woche einen neuen liebestollen Piloten durchs Dorf und in den "Guerillakrieg" (ihre Worte) mit der Presse jagen.

Apropos Rauchen: Die Tabakindustrie muss jetzt Schockbilder auf Zigarettenpackungen zeigen, also Lungenhaschee, Blasenkarzinome oder Boris Becker, der aus seiner Autobiografie vorliest. Boris, der neue Lodda, nimmt hier den geneigten Nichtleser zum x-ten Mal mit in die Besenkammer, um dort, das ist ihm ganz wichtig, sein Privatleben zu schützen. "Privatleben"? Ist das nicht dieses Phantom aus den Neunzigern, als man noch nicht wusste, dass die NSA den Islamisten beim Porno-Gucken zusieht? Eine klassische Win-win-Situation.

Um anschließend wieder runterzukommen, nehmen sie sich dann das Kanzlerinnen-Handy vor, eine "gewöhnliche Praxis", hieß es aus den USA, wo man Merkel vermutlich auch als "Terror-Hydra" kennt und die Uckermark als das ostdeutsche Medellín, Drehscheibe internationaler Drogenkartelle. Doch wie formulierte Seine Einfältigkeit, der Innenminister, so schön: "Wollen Sie einer der ältesten Demokratien erzählen, wie sie ihre Behörden kontrollieren muss?" I wo. Es würde doch schon reichen, einer der jüngsten Behörden zu erklären, was Demokratie ist.

Demokratie ist zum Beispiel: Klimakonferenz in Warschau, alle sind erschöpft, auch das Klima. Ergebnisse gibt es kaum. Es bleibt also bei dem Ritual, dass die Konferenz mehr Klimaerwärmung schafft, als sie mindert. Gäbe es aber gar keine Ergebnisse, drohten vielleicht Proteste. Deshalb gibt es immer gerade so wenige Resultate, dass sich das Klima so wenig bewegt wie das Volk.

Demokratie eben, und das heißt auch schlechte Nachrichten für Hitler: Er ist nicht länger Ehrenbürger von Goslar. Die Entscheidung fiel einstimmig. Das war auch mal anders. Wie man dagegen über die 1400 Kunstwerke aus dem Besitz des Kunsthändlers Gurlitt urteilen soll, weiß noch kein Mensch, und über den juristischen Fragen vergaß man schlicht die Freude über all die ungesehenen Werke! Da könnte man doch mal Gefühle zeigen oder die Steigerung von Gefühlen: "Emotionen". Freude! Soeben wurden Marilyn Monroes nackteste Fotos versteigert, also ihre Röntgenaufnahmen. Jauchzet, frohlocket! Auch spekulierten Forscher: Kam Jesus in Wirklichkeit aus Schweden? Dann hieße die frohe Botschaft: Befleckst du noch, oder zeugst du schon? Hosianna! Josef war Zimmermann, erklärt das "Billy"?

Macht also hoch die Tür, Hauptsache, ihr macht die Tor nicht weit oder stellt Manuel Neuer rein. Neulich habe ich geträumt, Bundestrainer Jogi Löw habe den Fußball nie richtig leiden können und sich deshalb den deutschen ausgedacht. Da wird selbst effizient gejubelt. Doch wenigstens der "Milieu"-Geruch bleibt: Im größten deutschen Vereinsvorstand sitzt einer, der "überrascht" ist, dass man wegen Steuerhinterziehung angeklagt wird, und ein Vorbestrafter, der für 249.900 Euro Strafe Luxusuhren aus Dubai schmuggelte.

Und wo wir gerade bei der Halbwelt sind: Alice Schwarzer, der seligen Else Kling aus der Lindenstraße immer ähnlicher, keift sich mal wieder durch alle Fernsehkanäle, diesmal auf der Suche nach Huren, die ihrem Bild von Huren entsprechen – also Frauen, die sich ausschließlich leiblich prostituieren, aber nicht ihre Seele an die Bild-Zeitung verkaufen. Welch schweren Weg geht sie für all jene Unmündigen, die es noch nicht geschafft haben, sich von Alice Schwarzer zu emanzipieren! Darüber kann man hinwegkommen.

Darüber nicht: Am 20. November starb Dieter Hildebrandt. Das hätte er nicht tun sollen.