Ist das wirklich die richtige Adresse? Auf der Fahrt durch die Krasnaja Sosna am Rande eines riesigen, aber etwas unsortiert wirkenden Industriegebiets im Norden Moskaus kommen einem schon Zweifel. Eine Autowerkstatt, noch eine, dann ein Reifenhandel; keines der neuen Schilder macht die schäbigen Gebäude schöner. Auch nicht das Birkenwäldchen, das links von der Straße liegt. Den Ort von Putins Stollenfabrik hat man sich irgendwie glamouröser vorgestellt.

Ludmila Aljoschina leitet diese Stollenfabrik. Es ist, genauer gesagt, die Moskauer Dependance der Dresdner Stollenbäckerei Scholze. Aljoschina wartet vor einem mehrstöckigen Verwaltungsgebäude am Ende der Straße. Sie ist Mitte 50, hat die forsche Art jener Moskauer Frauen, die übernehmen, wenn auf die russischen Männer kein Verlass mehr ist. Resoluter Händedruck. Eiliger, aufrechter Gang. Wir begleiten sie ins Büro, das voll von Akten und Nippes ist.

Schon nach ein paar Fragen ist es mit ihrer aufrechten Haltung vorbei. Die Frage, die Ludmila Aljoschina irritiert, ist eigentlich ganz harmlos; bewusst vorsichtig formuliert: "Herr Putin mag doch auch Dresdner Stollen?" Aljoschinas Augenlider flattern. Ihr Blick irrlichtert durch das Büro. Sie knetet die Finger, schaut zum Dolmetscher, der jetzt auch keine Hilfe ist. Schließlich sagt sie, zögernd: "Nein, das glaube ich nicht." Dann blickt sie unsicher zum Übersetzer und zurück, ihr Blick scheint zu fragen: richtige Antwort?

Ein anderer Tag, in Dresden. Der Bäcker Johannes Scholze, der vor neun Jahren in Moskau die Fabrik eröffnete, versteht die Verunsicherung seiner russischen Direktorin. "Die haben alle Angst, den Namen in den Mund zu nehmen. Dabei weiß doch jeder, dass Putin dahintersteckt", sagt Scholze. "Dahinterstecken", das klingt irgendwie nach großer Politik und noch größerer Verschwörung. Verstehen kann die Sache wohl nur, wer das Russland von heute kennt und Putins Rolle darin. Und wer um Putins Dresdner Jahre weiß. Von 1985 bis 1990 war Wladimir Putin als KGB-Agent in der DDR, an der Elbe stationiert gewesen. Er lernte damals nicht nur das Radeberger Bier schätzen, sondern auch das sächsische Weihnachtsgebäck. Andere würden sich Pakete schicken lassen mit der begehrten Leckerei, aber Putin ging die Sache ganz anders an. Sagen wir mal: nach Zarenart.

Irgendwann um das Jahr 2000, erzählt Scholze, wurde Wladimir Putin bei einem Besuch in Hamburg etwas vorgesetzt, das Dresdner Stollen sein sollte, es seiner Meinung nach aber nicht war, zumindest war es wohl nicht der beste. Er war Präsident. Ihm stand das Beste zu. Damals, nach diesem Hamburg-Besuch, soll die Idee entstanden sein, eine Dresdner Bäckerei in Moskau zu eröffnen. Eine Bäckerei, in der der allerbeste Dresdner Stollen gebacken wird.

Eine geheimnisumwobene Bäckerei. Niemand soll je die ganze Wahrheit erfahren. Beinahe hat man das Gefühl, Putins Stollenfabrik sei eine Art Staatsgeheimnis. Aber man kann sich diesem nähern.

Der Bäcker musste Stollenproben nach Moskau schicken. Kostete Putin selbst?

Bäcker Johannes Scholze war ein wenig erstaunt, als er 2003 einen Brief von der russischen Botschaft in Berlin erhielt. Darin wurde er gebeten, Stollenproben einzuschicken. Wofür genau, das wurde aus den Zeilen nicht klar. Aber Scholze tat es. Wie andere Dresdner Bäcker auch, die das Schreiben bekommen hatten.

Stellen wir uns nur einmal vor, was danach geschah: Ein mächtiger Mann (vielleicht gemeinsam mit seiner Noch-Ehefrau) sitzt in Moskau bei Kaffee oder Tee. Gerade hat er sich noch mit dem Irakkrieg beschäftigt, wir schreiben schließlich das Jahr 2003. Aber nun isst er Gebäck, er probiert davon. Er nimmt einen Happen, schüttelt den Kopf und nimmt den nächsten. Bis er "Mmh" macht, das Procedere beendet ist und die eigentliche Mission beginnen kann. "Mmmh", das seufzte er wohl beim Stollen von Johannes Scholze.

Als vor zehn Jahren der große schwarze Wagen mit Diplomatenkennzeichen vor dessen Laden auf der Wurzener Straße in Dresden-Pieschen hielt, dachte Scholze zunächst nicht an sein Stollenpaket, das er der Botschaft geschickt hatte. Drei Männer stiegen aus, kamen in die Bäckerei und sagten: "Es gibt in Moskau einen Mann, der mehrere Jahre lang in Dresden gelebt hat. Und er hat einen Wunsch." Ob er, Scholze, seinen Stollen auch in Moskau backen wolle?

Scholze war also der Auserwählte. Man hatte ihn, das erfuhr er nun, auch schon überprüft, als gelte es, ihn für einen Geheimdienstposten zu rekrutieren. "Die wussten schon vor unserem Gespräch mehr über mich als ich selbst", sagt der Bäcker – und meint seine drei Besucher von damals. Hätte er den Sicherheitscheck, dessen Kriterien man nur erahnen kann, nicht bestanden – es wäre wohl der zweitbeste Stollen gewesen, den Putin künftig serviert bekommen hätte. Aber Scholze hat bestanden. Vielleicht, vermutet er, auch deshalb, weil er Sorbe ist. Ein Jahr nach dem bizarren Besuch eröffnete Scholze also gemeinsam mit einem russischen Kompagnon seinen Zweigbetrieb in Moskau.