Am 1. Januar 1913 notierte Xavier Mertz: "Das Hundefleisch scheint mir nicht ganz zu bekommen, denn gestern war ich etwas flau." Der letzte Tagebucheintrag des Abenteurers, der sich vor einem Jahrhundert mit dem australischen Geologen Douglas Mawson aufgemacht hatte, um den noch unbekannten Kontinent Antarktika zu vermessen, ist ein typischer Satz von Mertz: strotzend vor Untertreibung.

Das Schlittenhundefleisch hatte dem harten Kerl tatsächlich nicht gutgetan. Vor allem die Innereien nicht. An polare Verhältnisse angepasste Tiere wie Eisbären oder eben Schlittenhunde speichern viel Vitamin A in ihrer Leber. Deren Verzehr führt zu Hypervitaminose. Das Haar fällt aus, die Haut löst sich auf. Mertz und sein Begleiter hatten beim Versuch, der Eishölle lebend zu entkommen, die Hunde verspeisen müssen – nun zeigten sich die typischen Symptome einer solchen Vergiftung. Und die Feststellung, dass er sich "etwas flau" fühle, beschreibt nichts anderes als den eigenen Todeskampf. Nach dem finalen Tagebucheintrag fiel Mertz ins Delirium. Am 7. Januar war sein Leben zu Ende.

Der Zufall, dass dem Journalisten Jost Auf der Maur die Aufzeichnungen in die Hände fielen, verhinderte, dass die dramatische Geschichte des ersten Schweizers in der Antarktis vergessen blieb. Als sie sich ereignete, überlagerte eine schlagzeilenträchtigere Polarheldengeschichte die Nachricht vom Tod des Baslers: Die Welt nahm Notiz davon, dass der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol erreichte und der Brite Robert Falcon Scott dasselbe versucht hatte. Diesem tödlichen Wettrennen galt die Aufmerksamkeit – nicht der wissenschaftlichen Eroberung des Kontinents.

Auf der Maur ging gründlich ans Werk. Er recherchierte sogar die innerfamiliären Schwierigkeiten im Hause Mertz, die nachvollziehen lassen, warum der Sohn sich unbedingt dem australischen Geologen Mawson anschließen wollte. Den waghalsigen Trip nutzte der 29-jährige Spross eines psychotischen Vaters, um auf "klärende Distanz" zu den Verwandten zu gehen.

1911 legte die Aurora in London ab. Via Australien gelangte das Schiff an den Nordrand der antarktischen Küste. Mertz, begnadeter Alpinist und Skirennfahrer, wurde dank seines Geschicks, seiner Ausdauer und seiner umgänglichen Art zu einem der wichtigsten Akteure dieser Expedition.

Wohl deshalb nahm Mawson – nachdem sie ein Jahr lang in Cape Denison ausgeharrt hatten – aus der 18-köpfigen Mannschaft ihn und den Briten Belgrave Ninnis mit auf jene Exkursion, von der als Einziger der Australier lebend zurückkehren sollte. Am 10. November 1912 brachen die drei mit Hundeschlitten auf, um das König-Georg-V.-Land zu erforschen. 507 Kilometer vom Basislager entfernt verschwand Ninnis plötzlich in einer tiefen Gletscherspalte, mitsamt dem Schlitten, auf den fast alle Essensvorräte gepackt waren.

Als die Hunde verspeist sind, ziehen die Männer selbst die Schlitten

Der Tod des Kollegen ließ Mawson und Mertz umkehren. Mit dem kargen Rest der Vorräte versuchten sie, nach Cape Denison zurückzukommen. 1.000 statt der in dieser Kälte nötigen 8.000 Kalorien standen pro Kopf und Tag zur Verfügung. Als alle Hunde, samt Augen und Hirn, verspeist waren, zogen die Männer selber den Schlitten – als Mertz nicht mehr gehen konnte, schleppte der Chef allein tagelang das Gefährt mit dem Sterbenden durch die Eiswüste. Es sei anzunehmen, ist im Anhang zu lesen, dass Mawson "nicht überlebt hätte, wenn Xavier Mertz nicht gestorben wäre. Für zwei hätte die Nahrung nicht gereicht."

Dem Autor ging es nicht darum, einen Schweizer posthum zum Helden zu machen – wenngleich er natürlich die rührenden Momente auskostet. Etwa dann, wenn Mertz in dunkler Polarnacht, während draußen Blizzards toben, die Angelsachsen den 1. August feiern lässt: an der Decke neben dem Union Jack die Schweizer Fahne, auf dem Tisch Saucissons de Berne; als Nachtisch Basler Leckerli.

Mehr noch nutzt Auf der Maur das Leben des Mertz, um minutiös den Alltag damaliger Eroberer zu beschreiben. Von den Schwierigkeiten der Körperhygiene ist zu lesen, vom Fetten der Kufen, dem Schlachten der Pinguine (die oft zu Tausenden in der Gegend herumstehen). Er beschreibt bankartige Tauschgeschäfte mit dem Zahlungsmittel Schokolade und lässt Planungsfehler nicht unerwähnt: Die Enge auf dem zu kleinen Schiff, die unzulängliche Betreuung der Schlittenhunde, die zu knappen Vorräte sind mitverantwortlich dafür, dass die Expedition zwei Männern das Leben kostete und wenige wissenschaftliche Erkenntnisse brachte.

Xavier Mertz zog es auf eine Reise, die ihm körperliche und psychische Extremerfahrungen bieten konnte. Besser hätte er es nicht treffen können. Die Truppe schlug ihr Basislager zufällig am vielleicht garstigsten Ort des Planeten auf. Die besondere Geografie rund um Cape Denison beschleunigt die Böen oft auf bis zu 320 Stundenkilometer. Bei sehr tiefen Temperaturen. Wochenlang. Da möchte man schon mal hin.