ZEIT ONLINE: Frau Bienert, seit fünf Jahren zeigen Sie regelmäßig ukrainische Filme in Berlin. Hat das Gründen Ihres Kinoklubs etwas mit der Orangenen Revolution zu tun?

Oleksandra Bienert: Während der Orangenen Revolution lebte ich noch in der Ukraine und protestierte mit. 2005 zog ich für mein Studium nach Berlin und stellte fest: Die Berichterstattung in Deutschland über die Ukraine ist nicht sehr differenziert. Die meisten Deutschen können mit meinem Heimatland nicht viel anfangen. Gleichzeitig entdeckte ich das Medium Film. Die Filme, die ich  vorführe, zeigen verschiedene Facetten des ukrainischen Lebens. Damit nehme ich die Angst vor dem Unbekannten und weise auf gesellschaftliche Verhältnisse hin.

ZEIT ONLINE: Wie sieht ein Kinoabend in Ihrem Klub aus?

Bienert: Meistens sind wir im Panda Kino in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. Unsere Veranstaltungen bestehen nicht nur aus einer Filmvorführung, oft schließt sich eine Diskussion an und die Regisseure sind anwesend. Über das, was gezeigt und gesehen wurde, muss diskutiert werden! Anders kann man kein Bewusstsein schaffen und keinen Anstoß zur Veränderung geben.

ZEIT ONLINE: Welche Kriterien muss ein Film erfüllen, damit Sie ihn zeigen?

Bienert: Ich zeige Dokumentar- und Spielfilme von neuen ukrainischen Filmemachern, die sich kritisch mit den Zuständen in der Ukraine auseinandersetzen.

ZEIT ONLINE: Die Glanzzeit des ukrainischen Films waren die sechziger und siebziger Jahre, als der poetische Film maßgeblich von Sergej Parajanow geprägt wurde. Was macht den neuen ukrainischen Film aus?

Bienert: Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Ukraine auf der Suche nach einer neuen Identität. Das spiegeln unabhängigen Filmemacher wie das Kollektiv Babylon 13 wider, die die Reihe Cinema of Civil Protest konzipiert haben. Während der kommenden Berlinale zeigen wir ein paar Filme daraus.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen Unterschied zwischen jungen und älteren Filmemachern?

Bienert: Die ältere Generation interessiert sich nicht für die jüngere. Sie ist sowjetisch geprägt und sagt: "Zeigt die schöne Landschaft und die reiche Natur unseres Landes!" Den Nachwuchs stoßen diese Filmemacher ab, sie pfeifen sie bei Veranstaltungen aus, sie akzeptieren die Form des kritischen Kurzfilms nicht. Dass es die jungen Filmemacher sind, die international beachtet werden, spielt dabei keine Rolle. Leider bedeutet das auch, dass die Jungen in der Ukraine wenig rezipiert werden. Die Möglichkeit, über das Medium Film eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ist-Zustand der Ukraine anzustoßen, ist so stark eingeschränkt. 

ZEIT ONLINE: Wie finanzieren die jungen Filmemacher ihre Filme?

Bienert: Es gibt eine staatliche Förderung, aber die ist gering und schwierig zu bekommen. Privat passiert hingegen viel: Durch neue Kameras und Techniken haben Filmemacher die Möglichkeit, ohne großen finanziellen Aufwand gute Filme zu drehen. Die Berlinale hat schon zweimal den Regisseur Miroslaw Slaboschpitskij eingeladen, dessen Kurzfilmproduktionen teilweise nur 300 Euro kosteten. In der Ukraine muss sich gutes Filmemachen neu entwickeln.