Aber Alice Munro lächelte und wollte lieber nicht. Weder zur Preisverleihung nach Stockholm reisen (gesundheitliche Gründe) noch eine Nobelpreisrede halten. Stattdessen gab sie in dem Arbeitszimmer ihres Hauses ein Interview und berichtete davon, wie es angefangen hatte, das Geschichtenerzählen. Als Mädchen las sie Die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen, doch das traurige Ende gefiel ihr nicht. Auf dem langen Schulweg erfand sie eine andere Version, mit glücklichem Ende. So hatte es begonnen. Erst schreibst du über kleine Prinzessinnen, dann über Ehefrauen und Kinder, schließlich über alte Menschen, sagte sie.

Seit einer gefühlten Ewigkeit schickt die 1931 geborene Alice Munro einen wunderbaren Band nach dem anderen aus der kanadischen Provinz. Bis auf einen schmalen Roman hat sie nichts als kurze Geschichten geschrieben und weder nach rechts noch nach links geschaut, nur immer wieder in die unergründliche Tiefe ihres Alice-Munro-Reservats rund um den Lake Huron in Ontario, in dem sich Silberfüchse, zottelige Althippies, überkandidelte Frauen und Farmerskinder mit wissendem August-Sander-Blick Gute Nacht sagen. Das ist auch in ihrem neuesten Buch so. Liebes Leben, als Dear Life im letzten Jahr auf Englisch veröffentlicht und jetzt bei S. Fischer auf Deutsch, ist ein klassischer Munro. Aber es soll ihr letztes Buch gewesen sein, denn es enthält, wie sie schreibt, "die ersten und letzten – und die persönlichsten Dinge", die "ich über mein Leben zu sagen habe".

In den hier versammelten 14 Erzählungen stehen meist Frauen im Zentrum. Frauen, die in ihre Zukunft wie in einen romantischen Film marschieren und in der Einsamkeit ihrer Illusion landen (Abschied von Maverley). Frauen, die sich fast umgebracht hätten, bis sie merken: Das Leben ist doch nicht so schlecht (Dolly). Frauen, die sich an eine frühe Kränkung erinnern und einsehen müssen: "An Liebe ändert sich nie etwas" (Amundsen). Obwohl: Eine Eigenschaft auch der neuen Erzählungen besteht darin, dass man sich über diejenige (oder das), was im Zentrum steht, nie sicher sein kann. In der ersten Erzählung Japan erreichen glaubt man zum Beispiel, es ginge um eine schicksalhafte Begegnung und das Recht auf Glück einer jungen Frau namens Greta. Die ist mit dem nüchternen Peter verheiratet und leidet unter der freundlichen Überheblichkeit ihrer Umgebung, denn sie ist Dichterin. Im betrunkenen Zustand wird sie auf einer Party fast von dem Journalisten Harry geküsst, worauf sie ihm später euphorisch einen Brief schreibt, der ihr Kommen mit den so rührenden wie hochdramatischen Worten "Dir diesen Brief schreiben ist wie einen Zettel in eine Flasche stecken und hoffen, er wird Japan erreichen" ankündigt. Daraufhin lässt Greta sich und ihre vierjährige Tochter Katy von ihrem Ehemann noch zum Zug bringen, um in ihr neues Leben aufzubrechen. Natürlich ist der fast geküsste Harry nur ein Auslöser, eine Schimäre ihrer emotionalen Bedürftigkeit, und deshalb lässt Greta sich, einmal aufgebrochen, gleich mit jemand anderem ein. Greg ist ein charmanter Clown. Er kann gut mit ihrer Tochter, und er ist so unwiderstehlich, dass die beiden bald kichernd in seinem Abteil verschwinden. Doch als Greta danach mit dem beschwingten Gefühl, das Leben mal so richtig am Schopf gepackt zu haben, in ihr eigenes Abteil zurückkommt, ist Katy spurlos verschwunden. Greta wird wahnsinnig vor Angst. Und der "Wie konnte ich nur?"-Horror beginnt auch im Kopf des Lesers zu wüten, denn Alice Munro hat Gretas Abenteuerlust, ihre hibbelige Aufgeschlossenheit zuvor so unwiderstehlich und gleichzeitig trügerisch harmlos in Szene gesetzt, dass man – wie Greta – die in ihrem Windschatten bedrohlich anwachsende Verantwortungslosigkeit übersehen hat. So inszeniert Alice Munro mit diabolischem Vergnügen Schocks der Erkenntnis, die den Figuren ins Mark fahren und den Leser mit seinen uneingestandenen Erwartungen konfrontieren. Die Erzählung geht übrigens noch zwei weitere unerhörte Wendungen weiter, und am Ende steht nicht nur die tatsächliche Hauptfigur, ein völlig verängstigtes Mädchen, auf einem Bahnsteig, es schwebt auch die unbehagliche Frage in der Luft: Bedeutet schreiben eigentlich immer Verrat?