Der Berliner Himmel war um die Wintersonnenwende von einer wesenlosen Wolkendecke leicht bedeckt, sein Blau schimmerte durchs Grau hindurch wie ein jederzeit einlösbares Versprechen. In den Restaurants waren wieder Tische frei, Lücken auch in den Parkspuren an den Straßenrändern. So entgeistert, ähnelte die Stadt einem Filmset der zwanziger Jahre. Belebt waren nur noch die Bars, in The Liberate konnten sich Spätaufsteher sogar mit Geschenken eindecken. Zwischen effektvoll arrangierten Seidenfoulards, Designerkerzen, Lederetuis und Flaschen mit Hochprozentigem lockten hübsche Aluminiumboxen mit einer erotischen Spielausrüstung für den Weihnachtsabend: Selbsthaftende Brustpailletten, kitzelnde Federbüsche, perlenbesetzte Handschellen und all das, was im Rokoko der sexuellen Emanzipation sonst noch Verwendung findet. "Ein Hotel ohne Zimmer" nennt der auf seinen Rundumservice stolze Wirt die Bar mit dem endlos mäandernden Tresen, an der sich die Straßenbahn vor den Fenstern auf Armeslänge vorbeischlängelt. "Enryo" lautet sein Ethos, ein Wort, das in Japan für zurückhaltende Aufmerksamkeit im zwischenmenschlichen Umgang steht. Das von legendären Bars in New York, Hongkong und Buenos Aires inspirierte Interieur soll den Besuch zum mythischen Erlebnis machen. Diskrete Beleuchtung und Kurvenarchitektur sind auf tangentiale Begegnungen angelegt: das temperierte Nebenbei zwanglos geknüpfter Gespräche als Kur für die konfrontative Arbeitswelt. "Denn in den heutigen Systemen entwickelt sich schnell eine sehr unterkühlte Kultur."

Eine attraktive Französin, die seit Jahren in der Hauptstadt lebt, kann ein Lied davon singen. Das dekolletierte Couturekleid, in dem sie in die Neue Odessa Bar kommt, löst nirgends Flirtreflexe aus. Dabei ist es schon Mitternacht, die Bar heiß umkämpft und der DJ bestens in Form. "In Deutschland gibt es keine Spannung zwischen den Geschlechtern", sagt sie, "hier ist alles so gleich. Die Gesichter der Männer sind ausdruckslos. Ich war länger mit einem Berliner zusammen, aber ich habe ihn nie verstanden. Gegen französische Männer kann man viel sagen, doch sobald ich in Paris bin, fühle ich mich als Frau." Von diesem Selbstbewusstsein ist nicht mehr viel übrig. Ein verwirrender Befund, denn die Elektrizität in der Neuen Odessa Bar ist durchaus zu spüren. Augenpaare treffen sich, Körper gleiten sanft aneinander vorbei. Doch letztlich sind die Gäste an rechteckige Tische sortiert wie in den Berliner Traditionslokalen türkischer Familienväter. Man spricht Unbekannte nicht an, bewegt sich durchs Fluidum der Fremdpräsenzen und hält dabei mental Distanz. "Die Menschen sind einsam", sagt die Angestellte einer Partnerbörse nach dem zweiten Santa-Fizz. "Unsere Fragebögen sehen trostlos aus. Familie? Nein. Freunde? Negativ. Freizeitkontakte? Nicht vorhanden. Am Ende nutzt man die Sehnsucht nur aus. Die Hoffnung scheitert regelmäßig nach dem ersten Treffen."

In der Bonbon-Bar wenigstens sollen die Callgirls am Tresen sitzen. Doch der ist vor allem von Getränken überschwemmt, die glücklose Kontaktjäger mit erlahmender Hand hinunterkippen. "Man kommt zu zweit und geht allein, das ist die Idee", erklärt mein Begleiter. "Wer um drei noch neben seinem Kumpel hockt, hat etwas falsch gemacht." Draußen fröstelt der Türsteher unter einem Heizpilz, der den Geist aufgibt. Prostituierte an der Theke? "Nein", sagt er, "das wird oft verwechselt, ihr meint die Bon Bon Bar am Stuttgarter Platz", vulgo Stuttifrutti. Die gute Nachricht des Abends ist, dass Wolfgang Joop nun doch nicht nach Kalifornien auswandert. "Bin ab Samstag back in town", textet er aus L. A.

Hier lesen Sie im Wechsel die Kolumnen "Berliner Canapés" von Ingeborg Harms, "Jessens Tierleben" von Jens Jessen, "Männer!" von Susanne Mayer sowie "Auf ein Frühstücksei mit ..." von Moritz von Uslar