Es war die vorletzte Novemberwoche, die Tage wurden grau, als die Deutsche Bank Anleger mit einer rabenschwarzen Prognose schockierte: Noch vor Weihnachten werde Deutschlands Leitindex Dax auf Talfahrt gehen und zu Silvester bei gerade mal 8.400 Punkten stehen, sagten die Experten aus Frankfurt voraus. Auch für 2014 zeigten sich die Auguren des größten deutschen Kreditinstituts nicht sonderlich optimistisch: Zum Ende des kommenden Jahres könne ein Dax-Stand von gerade mal 9.700 Punkten erwartet werden, lautete die Prognose.

Tempi passati. Längst haben bei den Deutschbankern die Bullen wieder das Sagen: Vom vorweihnachtlichen Absturz des Leitindex war schon zwei Wochen nach der pessimistischen Prognose keine Rede mehr, und für Ende 2014 wurde inzwischen ein Dax-Ziel von 11.000 Punkten ausgegeben. Damit ist die Deutsche Bank gegenwärtig so optimistisch wie sonst niemand. Die Rolle der Schwarzseher dagegen haben die Prognostiker der Helaba übernommen. Sie glauben, dass der Dax am Silvestertag 2014 bei nur noch 8.900 Punkten liegen wird.

Prognosen, vor allem für die Zukunft, seien eine schwierige Sache, fand schon Mark Twain. Dass sie so weit auseinanderliegen wie nun wieder beim Dax-Stand, ist aber eine Spezialität der Börsen-Auguren. Dabei berufen sich Optimisten und Pessimisten meist auf das Gleiche, ziehen daraus dann aber die unterschiedlichsten Schlüsse. Anders gesagt: Beide Lager benutzen den gleichen Kaffeesatz. Nur lesen sie ihn jeweils anders.

Beim Dax geht das gegenwärtig ungefähr so: Weil die Geldpolitik weltweit locker ist und die Zinsen damit niedrig sind, gehen die Anleger verstärkt ins Risiko, um noch einen Ertrag für ihr Geld zu erzielen. Die Optimisten sagen: Sie kaufen Aktien, das treibt die Kurse. Die Optimisten meinen auch, dass Europa seine Krise überwunden hat, dass die deutsche und die globale Wirtschaft wachsen und dass davon gerade die international gut aufgestellten Dax-Konzerne profitieren werden. Also steigen die Gewinne, damit auch die Kurse, der deutsche Leitindex legt zu.

Weil die Geldpolitik lax ist und die Zinsen niedrig sind, steige die Gefahr der nächsten Finanzblase, sagen die Pessimisten. Die Hausse nähre die Hausse, lautet eine alte Börsenweisheit – aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt. Dann folge unweigerlich der Crash. Für diesen reiche oft fast jeder beliebige Anlass: die Rückkehr der europäischen Krise, ein Stottern der Weltwirtschaft, sinkende Gewinnmargen oder irgendein anderes Ereignis, von dem noch niemand etwas weiß und das jetzt keiner vorhersagen kann. Die Pessimisten nennen Zahlen: etwa, dass die US-Börsen bereits historische Höchststände erreicht hätten, dass der Dax binnen zwei Jahren von etwa 5.000 auf 9.400 Punkte geklettert sei und dass im deutschen Index der mittelgroßen Unternehmen das Verhältnis zwischen Kursen und Gewinnen im Durchschnitt erneut luftige Höhen erklommen habe.

All das bietet enormes Rückschlagspotenzial. Also Hände weg von Aktien – und das Geld auf einem Konto parken, das nicht einmal zum Inflationsausgleich taugt? Ihr Kolumnist denkt so: Für größere Wertpapierkäufe sollte man eine Korrektur abwarten, die – Achtung: Prognose! – im ersten Halbjahr 2014 kommen könnte. Ist die vorbei, sind dividendenstarke Aktien großer europäischer Unternehmen (auch aus den Ländern des Südens) eine gute Wahl, aber dies auch nur, wenn man sich mit dem Wiederverkauf notfalls ein paar Jahre Zeit lassen kann. Überdies sollte man lernen, wie man mit sogenannten Bonus-Zertifikaten oder Discountern bei vergleichsweise geringem Risiko eine Jahresrendite von vier oder fünf Prozent erzielt.

Sie wollen wissen, wie ich mit dieser Strategie 2013 beendet habe? Bitte schön: rund neun Prozent plus, nach Steuern. Den Dax sehe ich an Silvester 2014 übrigens bei 9.932 Punkten.

Und nun ein gutes neues Jahr!