Von wegen Aufbruchstimmung! Im deutsch-französischen Verhältnis schien sich durch den Antritt der Großen Koalition rein gar nichts verbessert zu haben. Streit um Reformen. Streit um die Bankenunion. Streit um Militäraktionen in Afrika. Von Festtagsharmonie keine Spur.

Frankreichs Präsident François Hollande habe es satt, sich von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel als "kranker Mann Europas" vorführen zu lassen, verlautete es aus Kreisen des Élysée-Palastes. Paris würde dafür sorgen, dass Berlin nicht weiter seinen "ökonomischen Dynamismus in politische Dominanz verwandele". So oder ähnlich lauteten die französischen Willkommensgrüße an die neue deutsche Regierung. Die Kanzlerin warnte im Europarat in Brüssel daraufhin vor einer "Explosion der Währung" und davor, sich nicht wie zu Zeiten des Kommunismus zu benehmen. Das ging nicht zuletzt an die Adresse der aus ihrer Sicht reformunwilligen Franzosen.

Geht es nicht etwas freundlicher? Denn bei allen deutsch-französischen Meinungsverschiedenheiten hätten die Partner zum Jahresausklang durchaus Anlass zur Zufrieden- und Bescheidenheit. Frankreich und Deutschland haben sich in diesem Jahr mit großen Schritten aufeinander zubewegt. Nur gestehen sich die Verantwortlichen das nicht gerne ein, weil es so aussähe, als hätten sie der anderen Seite nachgegeben.

Das "Nachgeben" auf deutscher Seite war der Mindestlohn. Er galt über Jahrzehnte als deutsches Tabu – während er in Frankreich seit den siebziger Jahren als große soziale Errungenschaft gefeiert wird. Deutschland mochte es in den vergangenen Jahren wirtschaftlich viel besser gehen als Frankreich, doch solange die Deutschen keinen Mindestlohn hatten, zählte das für die Franzosen nicht. Für sie sah es lange so aus, als seien die Deutschen nicht erfolgreicher, sondern ließen sich nur leichter ausbeuten. Mit diesem tief verwurzelten Vorurteil dürfte die Große Koalition nun endgültig aufräumen, wenn sie den Mindestlohn auch in Deutschland einführt.

Für viele weniger wohlhabende Menschen dies- und jenseits des Rheins ist die Angleichung der Löhne ein überzeugenderer Akt der deutsch-französischen Freundschaft als all die gemeinsamen Finanzbeschlüsse der vergangenen Jahre. Endlich werden Putzfrauen, Zeitarbeiter und Erdbeerpflücker in beiden Ländern ähnlich viel verdienen. "Wir haben uns damit Frankreich angenähert", sagte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble. Schäuble lobte Frankreich frei heraus. Warum auch nicht?