Die Wochen rund um Weihnachten sind eine Zeit der Besinnung. Wer sollte darüber besser Bescheid wissen als die Volkspartei. Das stellt die christliche Gesinnungsgemeinschaft immer wieder aufs Neue unter Beweis. Beispielsweise fordert jetzt die Schutzpatronin der Wiener Innenstadt ein Demonstrationsverbot für ihre City, weil schlichtweg auf Straßen und Plätzen inmitten alter Bausubstanz zu wenig Platz sei für Menschenansammlungen. Entweder Fiaker oder Protestler, beides kann’s nicht geben. Da fällt die Wahl freilich nicht schwer: Weniger Platz für Demokratie heißt mehr Bewegungsfreiheit für Touristen. Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, da der Fremdenverkehr immerhin Geld einbringt, während die Demokratie nur kostet. Die stillen Tage hin zum Jahreswechsel bieten aber auch Gelegenheit, Stress zu vermeiden, der geschundenen Psyche Erholung zu gönnen und es etwas gemütlicher angehen zu lassen. Es gibt einige Personen in dieser Republik, die das bitter nötig haben. Eine Regierungsangelobung etwa ist eine sehr anstrengende Veranstaltung. Da muss Sekt getrunken und die Hand des Präsidenten geschüttelt, da müssen Eide abgelegt und nichtssagende Antworten auf fürwitzige Reporterfragen gefunden werden. Eigentlich müsste diese Mühsal unter die Schwerarbeiter-, vulgo Hacklerregelung fallen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der neue Finanzminister zwei Tage nachdem er "eingeschworen" worden war, wie das sein deutscher Kollege nannte, bei einem EU-Gipfel noch nicht einsatzfähig war. Das will der Herr aus Berlin partout nicht begreifen. Er, der nur einen Tag vor dem Gipfel angelobt worden war, kann leicht lachen. Erstens ist so eine Angelobung in Berlin bei Weitem nicht so Kräfte zehrend wie in Wien. Und zweitens war der gute Mann ja schon bisher Finanzminister, während der Österreicher noch ein Frischling in dieser Materie ist. Auch als Außenminister war er nicht allzu viel in der Welt herumgekommen, er vertrat eher die Schule der zurückgezogenen Diplomatie, bei der die Weichen im eigenen Antichambre gestellt werden. Nun, da er im Reich der Staatsquote tätig ist, muss er sich erst vorsichtig ans Reisen gewöhnen. Genug Zeit dafür hat er ja die nächsten Jahre.