Die Deutschen haben für alles ein Museum, für Skateboards und Elfenbein, für Currywurst, Comics, sogar für Panzer. Nur für Fälschungen hat wunderlicherweise noch niemand ein Museum gegründet. Dabei ließe sich dort eine fantastisch wilde Sammlung präsentieren, mit täuschend echten Werken von Vermeer, Rembrandt oder Pollock, mit Sondersälen für kühne Fälscher wie Wolfgang Beltracchi. Und der besondere Reiz läge natürlich darin, dass so ein Museum nicht nur die Geschichte der Kunst, sondern auch die Geschichte der Habgier zeigen könnte, lauter schöne Artefakte, die zugleich von menschlicher Raffinesse und Boshaftigkeit erzählen. Nachschubschwierigkeiten gäbe es keine. Regelmäßig kämen neuen Exponate hinzu, dieser Tage eines der wichtigsten überhaupt: der Sidereus Nuncius, der berühmte Sternenbote, ein 60-seitiger Studienband, erstmals 1610 veröffentlicht. Sein Autor: Galileo Galilei.

Über 80 Exemplare dieses kostbaren Buches, das einst Galileis Ruhm als Astronom und Physiker begründete, gibt es heute noch. Doch erst vor einigen Jahren tauchte in New York eine Ausgabe auf, angeblich aus Südamerika stammend, die neben vielen Radierungen auch fünf Tuschezeichnungen des Wissenschaftlers enthält. Erstmals veröffentlicht wurden sie 2007 von dem weltweit geachteten Kunsthistoriker Horst Bredekamp – damals eine Sensation, in allen Feuilletons gefeiert. Heute, sagt Bredekamp, "ein Albtraum, der nicht enden will". Der Sternenbote, dessen Wert noch vor Kurzem auf 10 Millionen Dollar geschätzt wurde, hat sich als Fälschung erwiesen.

Blamiert ist damit nicht nur ein einzelner Professor der Humboldt-Universität Berlin. Anders auch als bei vielen Kunstskandalen der jüngsten Zeit trifft es diesmal nicht einige leichtgläubige Sammler und raffgierige Experten. Nein, in diesem Fall leidet der Ruf einer ganzen Kohorte angesehener Forscher, der Skandal zielt ins Zentrum der deutschen Wissenschaft. Denn Bredekamp hatte sich Hilfe geholt, um die Echtheit des Galilei-Bandes zu beglaubigen, gleich 14 Berliner Institutionen unterstützten ihn, die Max-Planck-Gesellschaft ebenso wie die Alexander von Humboldt-Stiftung und die Bundesanstalt für Materialforschung. Ihnen allen muss der Sternenbote heute als ein Dokument ihres Versagens erscheinen. Sie haben sich betrügen lassen – und viele verstehen noch immer nicht, wie das eigentlich geschehen konnte.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Sicherlich lag es daran, dass es sich um eine brillante Fälschung handelt, über Jahre geplant, von emsigen Tüftlern und mit erheblichen Kosten erstellt, ein "Meisterwerk", wie Bredekamp heute mit grummelnder Anerkennung meint. "Es ist wie beim Doping. Da sind die Kriminellen auch immer allen Kontrolleuren voraus." Zudem hegten die Experten keinen allzu schweren Verdacht, da es nur sehr selten vorkommt, dass ganze Bücher gefälscht werden. Der Aufwand ist gewaltig, der Verkaufspreis meist vergleichsweise bescheiden.

Am Ende aber war es wohl vor allem die Kunst selber, ihre erhabene Aura, die viele der Wissenschaftler blind machte für Skepsis und Einwände. Bredekamp erzählt, er habe schon bei einem ersten flüchtigen Blick auf die fleckigen Tuschezeichnungen gewusst, dass es sich um Werke von Galilei handelte. Diese "Mischung aus Fahrigkeit und Präzision", das konnte nur er, der geniale Meister, gemalt haben.

Bredekamp war überglücklich, endlich hielt er ein Beweisstück in Händen, das wichtigste überhaupt, um seine These zu belegen, dass Galilei nicht nur ein großer Wissenschaftler, sondern auch ein großer Künstler war. Ohne seine zeichnende Hand, ohne die künstlerische Ader wäre er nie zu einem Naturforscher geworden. Erst die Kunst begabte ihn zur Erkenntnis, das wollte Bredekamp zeigen.

Wie kein anderer Kunsthistoriker strebte er in den letzten Jahren danach, die eigene Zunft neu zu erfinden. Mit großer Emphase und nicht selten mit dem Willen zu "ekstatischem Eklektizismus" (Hans Ulrich Gumbrecht) wollte er nachweisen, dass Bilder mehr sind als nur schöner Zeitvertreib. Er wollte belegen, dass sie uns die Welt erschließen – und also Bildwissenschaftler mindestens so gewichtige Arbeit leisten wie Naturwissenschaftler. In vielen Büchern ging es Bredekamp nicht zuletzt darum, den Kunsthistorikern im Kampf um Aufmerksamkeit und Drittmittel zu einer neuen, strahlenden Bedeutung zu verhelfen. Und kein anderes Beispiel für "visuelle Denkformen" schien schlagender als Galileis Himmelskunde.

Wenn es doch vereinzelt Zweifel gab, dann wurden sie zur Seite gewischt

Als einer der Ersten war Galilei mit einem Teleskop losgezogen, um den Himmel zu erkunden, und was er entdeckte, beunruhigte viele Zeitgenossen. Die Gestirne waren nicht, wie Aristoteles behauptet hatte, glatt und eben, sondern schrundig und uneben. Selbst der Mond, der immer als Ebenbild der unbefleckten Maria gesehen worden war, erwies sich als fürchterlich unrein, versehrt von Kratern, durchzogen von Schluchten. Das Bild des Himmels verdüsterte sich in Galileis Zeichnungen, und wie ihm das gelang, wie er dabei vorging, zeigte sich für Bredekamp auf den Tuschezeichnungen des Mondes besonders eindrucksvoll. Er wollte, dass sie echt sind. Und also waren sie echt.

Wenn es doch vereinzelt Zweifel gab, dann wurden sie zur Seite gewischt. Es habe sich bei dieser Ausgabe des Sternenboten, so die Annahme, um einen Korrekturabzug für Galilei gehandelt. Folglich erschien es ganz normal, dass es vereinzelte Sonderlichkeiten gab, die in anderen Exemplaren des Bandes nicht vorkommen. Nur einer war von Anfang an skeptisch und blieb es auch: der Historiker Nick Wilding, beheimatet an der Georgia State University in Atlanta. Ohne die Hilfe teurer Spezialisten, ohne aufwendige Materialanalysen gelang es ihm, die Fälschung als Fälschung zu entlarven.

"Eigentlich wollte ich nur eine Rezension über Bredekamps Veröffentlichung schreiben", erzählt er in einem Gespräch mit der ZEIT. Doch schon als er las, der neu aufgetauchte Sternenbote sei angeblich Galileis Korrekturabzug gewesen, in den dieser seine Tuschezeichnungen auf leer gelassenen Seiten eingefügt hätte, damit später die Stecher aus diesen Vorlagen ihre Radierungen fertigen könnten, wurde Wilding misstrauisch. Die Geschichte kam ihm nicht plausibel vor. Und also tat er, was für jeden Historiker das Naheliegendste ist, was aber die Berliner Forscher in ihrem Überschwang nicht genau genug getan hatten: Er prüfte die Herkunft des Bandes.

Und siehe da, etwas stimmte mit dem Stempel nicht, der belegen sollte, dass der Band einst zur römischen Bibliothek des Federico Cesi gehört hatte. Der Stempel zeigte einen Luchs, das war richtig, doch im Detail sah er anders aus als bei Cesi üblich. Daraufhin konsultierte Wilding das Inventar der Bibliothek und stellte fest: Einen Sternenboten hatte es dort nie gegeben. Mit diesen und weiteren Warnhinweisen wandte sich Wilding an Bredekamp und dessen Mitarbeiter, er wollte seine Erkenntnisse nicht ohne Rücksprache veröffentlichen. "Doch Bredekamp reagierte mit großer Arroganz. Er wollte von meinen Einwänden nichts wissen und meinte, meine Befunde seien lächerlich." Wilding erzählt das ungerührt; er habe seinen Kollegen ja verstehen können, man will sich seinen Fund nicht kaputtreden lassen – "ein ganzes Theoriegebäude, eingestürzt binnen weniger Sekunden". Falls es sich bei dem Buch tatsächlich um eine Fälschung handele, so ließ Bredekamp wissen, dann könne "die Wissenschaftsgeschichte ihren Laden dichtmachen".

Doch Wilding blieb hartnäckig, er fahndete weiter und entdeckte einen Katalog des Auktionshauses Sotheby’s von 2005, in dem ein Exemplar des Sternenboten angeboten wurde. Seltsamerweise wies es dieselben verzerrten Buchstaben, sogar dieselben Tintenkleckse wie das Exemplar auf, das Bredekamp als Korrekturfahne deklariert hatte. Es konnte nicht anders sein: Auch dieses Buch stammte aus der Fälscherwerkstatt. Bredekamps These war damit kollabiert, was einer seiner engsten Mitarbeiter, der renommierte Bibliothekar Paul Needham aus Princeton, auch umgehend und öffentlich eingestand. "Bredekamp aber blieb stur", sagt Wilding. "Er sträubte sich, er wollte seinen monumentalen Fehler nicht zugeben."

Dabei hatte Wilding sogar wichtige Hinweise auf den Betrüger gegeben, einen ungemein findigen, sehr gebildeten Verbrecher in Neapel, der dank politischer Helfershelfer dennoch zum Direktor der traditionsreichen Girolamini-Bibliothek aufsteigen konnte. Marino Massimo de Caro plünderte die Regale, stahl Hunderte Ausgaben, und nebenher ließ er etliche Fälschungen produzieren, die er an Auktionshäuser und Antiquariate in aller Welt verkaufte. Unterdessen wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt, im Moment steht er unter Hausarrest. Dem Magazin The New Yorker erzählte de Caro unlängst, dass er auch Galileis Sternenboten fälschen ließ, aber absichtlich einige Unrichtigkeiten einschmuggelte, um die Kenner zu prüfen und die eigene Überlegenheit zu beweisen. Bei den Berliner Forschern gelang ihm das aufs Beste. Und wohl auch deshalb will Bredekamp in dem Fälscher nun den genialen Künstler sehen. Bei einem wie diesem, so die Botschaft, wäre jeder hereingefallen.

Wilding findet das seltsam. Er nennt vor allem zwei Ursachen für das Versagen der Forscher: "Bredekamp war zu enthusiastisch und die wissenschaftliche Arbeit einfach nicht sorgfältig genug." Seltsam sei aber auch, dass in Deutschland nicht längst über diesen Fall diskutiert werde. In den USA sind über de Caro schon im vorigen Jahr große Artikel erschienen, die hiesige Öffentlichkeit wurde erst durch die Reportage des New Yorker aufgeschreckt. Auch das also hatten die Berliner Wissenschaftler versäumt: frühzeitig und offensiv mit dem Debakel umzugehen. Statt sich öffentlich zu fragen, warum ihr teurer Apparat der Experten und Labore versagt hatte, wollten sie vor allem gründlich sein und begutachteten abermals den einst so teuren Band, um diesmal festzustellen, dass sie doch einiges übersehen hatten. Die Ergebnisse sollen demnächst in einem eigenen Buch dargelegt werden.

Wilding scheint das nicht ausreichend. Was, fragt er, wird jetzt aus dieser Art von Kunstgeschichte, für die Bredekamp steht? Was wird aus seiner Theorie der "denkenden Hand"? Darüber solle jetzt debattiert werden. Mehr noch: Gerade weil der Computer das Fälschen von Bildern und Büchern immer einfacher mache, müsse sich die Wissenschaft auf einheitliche, strenge Methoden verständigen. "Es reicht nicht, den Connaisseur zu spielen. Es reicht nicht, dem eigenen Augenschein zu trauen und anschließend ein paar Materialproben zu entnehmen."

Zu oft haben sich in jüngster Zeit angesehene Kunsthistoriker täuschen lassen. Werner Spies stellte mehreren Fälschungen ein Echtheitszeugnis aus und ließ sich dies fürstlich bezahlen. Neil MacGregor wollte nicht wahrhaben, dass der gerühmte Warren Cup des British Museum ein Fake ist. Und nun zählt auch Bredekamp zu jenen, die in ihrer Begeisterung für Galileis Tuschezeichnungen von der Wahrheit lange nicht zu überzeugen waren. Die Kunst, so hat er oft gesagt, sei ein Mittel der Erkenntnis. Ein Mittel der Selbsttäuschung aber, so zeigt sich jetzt, ist sie ebenfalls.

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