Es müssen Hunderte sein: Filme, die vom Zusammentreffen verstreut lebender Familienmitglieder am Tisch der Eltern erzählen. In der Regel geht es an der Garderobe noch zivilisiert, beim Aperitif noch halbwegs kontrolliert zu. Spätestens beim Hauptgang aber kennt das Drehbuch nur noch eine Richtung: Eskalation. Schweigetabus werden gebrochen, Wahrheiten ans Licht befördert, die jahrzehntelang im Dunklen lagen. Es wird gebrüllt, geheult, wenn nicht geprügelt. Das entgleiste Familientreffen ist ein Filmgenre für sich und Thomas Vinterbergs Das Fest aus dem Jahr 1998 sein Paradebeispiel. Drei erwachsene Kinder machen sich an die Austreibung des Patriarchen, der sich in der Vergangenheit an ihnen versündigte. Eine Geschichte aus der tiefsten Tiefe der Psyche, eine Tragödie von antiker Wucht.

Drei Kinder, die kleine Clara und ihre zwei großen Geschwister, kommen auch in Ramon Zürchers Film Das merkwürdige Kätzchen an einem Samstag in der Berliner Altbauküche des elterlichen Haushalts zusammen. Sie erzählen, kochen, essen, trinken, wundern sich über die durchweg schlafende Großmutter, danken dem Onkel, der nebenbei die Waschmaschine repariert. Und es gibt das Elternpaar, Karin und Simon. Mehr als dieses Knochengerüst aber lässt der junge Schweizer Regisseur (Jahrgang 1982), der noch an der Berliner Film- und Fernsehakademie studierte, als sein Debüt auf der letzten Berlinale als Überraschungshit gefeiert wurde, von Genre und Konventionen nicht übrig.

Zürcher macht vor allem eines: Er verlagert den Film konsequent vom Terrain der Psychologie auf das der Phänomenologie. Wir erfahren nicht, wie es in der Seelentiefe und in der Vergangenheit dieser Familienmitglieder aussieht. Aber wir hören das Gebrumm der Spülmaschine, das Kreischen der Kaffeemaschine, wir erleben die Flächen der normalen Alltagswelt, sehen die Gegenwart von Hund und Katze und all der gewöhnlichen Dinge, zwischen denen sich die Familie bewegt.

Oder ist es umgekehrt? Sind es die Dinge, die sich beleben und bewegen, während die Menschen wie erstarrt, häufig in horizontalen oder vertikalen Bildanschnitten, im Türrahmen stehen und dem choreografierten Treiben der Dinge zusehen? Das Originelle an Ramon Zürchers Film ist, dass er das dramaturgische Gesetz der Eskalation durchaus einhält.

Nur spielt sie sich nicht zwischenmenschlich, sondern gleichsam zwischendinglich ab. Es fängt recht harmlos an: Vor dem Küchenfenster wird ein Einkaufsnetz aus dem oberen Stockwerk nach unten abgeseilt, der Hund jagt seinem Ball hinterher, die älteste Tochter wirft die Schale einer Orange Stück für Stück zu Boden, die Männer ziehen nacheinander ihre Oberhemden aus, um sie in die Trommel der frisch reparierten Waschmaschine zu legen. Dann geht es zu Tisch. Beim Hauptgang ereignet sich der erste ernst zu nehmende Zwischenfall. In hohem Bogen spritzt das Fett aus einer dicken Wurst, die von der ältesten Tochter mit dem Messer bearbeitet wird.

Nach einer Stunde Film kommt es in der Dingwelt schließlich zum Eklat, in Gestalt einer Kettenreaktion: Kohlensäure treibt den Korken aus dem Flaschenhals, der Korken schießt raketengleich nach oben, trifft die Glühbirne der Deckenlampe, die Sicherung fliegt raus, die Elektrik des Haushalts bricht zusammen, die Familie sitzt verstummt im Dunklen. Auch so, auf dem Nebenweg des Gegenständlichen, lässt sich ein Familiendrama darstellen, das aber, und dies ist der Clou des Films, niemals thematisiert wird. Die rot getigerte Katze, die durch die Szenerie schleicht, weiß garantiert mehr. Die Großaufnahmen ihres Gesichts und ihrer undurchdringlichen Augen machen sie zum geheimen Zentrum der Geschichte. Aber die Katze spricht ja nicht. Sie sieht nur zu. Sie ist gleichsam die ideale Kamera.

Es ist nicht leicht, den poetischen Zauber, die Lebendigkeit, die Wärme und den Humor des Films zu schildern. Er hätte auch zum intelligenten, aber kühlen Konzeptfilmwerk geraten können. Genau das ist das Merkwürdige Kätzchen eigenartigerweise aber nicht. Ramon Zürcher hat in der Schweiz Videokunst studiert, bevor er nach Berlin ging und dort, was unübersehbar ist, in die Werkstatt der sogenannten Berliner Schule eintrat. Aber er ist kein Epigone. Er besitzt eine ganz und gar eigene Handschrift. Den Psychotragödien des entgleisten Familientreffens setzt er den Minimalismus des verrutschten Alltagskosmos entgegen. Und der antiken Wucht das zart Unheimliche.

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