Im Londoner Viertel Knightsbridge, nahe der großen Kreuzung, hinter der das ausladende Areal des Hyde Park beginnt, ist es oft überraschend dunkel. Seit ein paar Jahren steht dort ein moderner Wohnkomplex, One Hyde Park genannt und laut Eigenwerbung die "exklusivste Wohnadresse der Welt". Doch so schick die Gegend, so edel die Häuser auch sind: One Hyde Park wirkt regelmäßig wie ausgestorben. Kaum ein Mensch tritt aus dem Marmorfoyer auf die Straße hinaus.

Die rund 80 Wohnungen sind allesamt verkauft worden – die teuerste für 125 Millionen Pfund, die günstigste offenbar für 3,6 Millionen Pfund. Für diese Preise gibt es den Hausservice vom benachbarten Luxushotel Mandarin Oriental dazu, und unten im Haus könnte man die Straßenversion eines Formel-1-Wagens von McLaren kaufen. Aber selbst der Gipfel des Luxus scheint für viele der Besitzer kein Grund zu sein, tatsächlich in der Anlage zu leben. Sie weilen nur sehr selten in London.

Auf der Suche nach den Gründen dafür hat Nicholas Shaxson, ein Kenner globaler Geldströme, vor Monaten herausgefunden, dass rund 60 der Wohnungen gar keinen Menschen gehören, sondern Gesellschaften. Diese wiederum seien meist nicht in Großbritannien registriert, sondern in Steueroasen wie den Britischen Jungferninseln oder den Kaimaninseln. Die Besitzer der Gesellschaften seien "extrem reich", schrieb Shaxson in Vanity Fair, "die meisten von ihnen wollen nicht, dass man weiß, wer sie sind". Offenbar handelt es sich um internationale Finanzgrößen, Industrielle, Erben. Sie nutzen gern auch die Steuervorteile, die ein Kauf über den Umweg einer Steueroase ermöglicht. So fielen in derlei Fällen in London lange Zeit keine Steuern beim späteren Verkaufen oder Vererben des Besitzes an.

Auch Alexander Dibelius, der Deutschlandchef von Goldman Sachs, hat sich vor Jahren eine Wohnung in London zugelegt, nicht in One Hyde Park, aber doch mithilfe von Gesellschaften auf den Britischen Jungferninseln. Als dies jüngst bekannt wurde, war die Empörung groß. Einer der reichsten Banker Deutschlands nutze Briefkastenfirmen in der Karibik, um Steuern zu sparen! Schnell war zu erfahren, dass es sich dabei, wenn überhaupt, nur um in England anfallende Steuern handele. Vor allem aber ist diese komplizierte Art des Immobilienkaufs in London legal – und in diesen Kreisen auch völlig normal.

Die meisten Bürger geben regelmäßig ihre Steuererklärungen ab, weil sie hoffen, ein paar Euro zurückerstattet zu bekommen. Aber wer sich in die Welt der Reichen begibt, in die Finanzzentren London und New York zumal, der lernt: Ausgerechnet die Menschen, die so reich sind, dass sie Steuern ohne Probleme zahlen können, tun so gut wie alles, um Steuern zu vermeiden – sie nutzen dafür absurde, manchmal skurrile Methoden. Es ist ihre ganz eigene Form der Normalität.

Türkisfarbenes Wasser, kilometerlange weiße Sandstrände, Palmen, Jachten und Sonnenschein – das sind die Britischen Jungferninseln in der Karibik. "Kriminalität kennt man hier kaum", so wirbt die Tourismusbehörde in einem leicht seltsam anmutenden Tonfall. Hauptstadt ist Road Town auf Tortola, der größten der rund 60 Inseln. Sie sind britische Überseegebiete, die Einwohner singen God Save the Queen. Doch zugleich ist man hier wunderbar weit entfernt von London, drüben im kalten Europa. Und so werden allerlei hilfreiche Dienste in Sachen Steuern sparen angeboten. Diese haben die Britischen Jungferninseln weltweit zu einem beliebten Standort für Firmen, Stiftungen und Treuhandgesellschaften aller Art gemacht.

Stolze 480.072 Gesellschaften waren Ende September auf den Britischen Jungferninseln registriert, auf einer Fläche kleiner als Wiesbaden – und dieses kommt nur auf rund 62.000 Betriebe und Gewerbetreibende. Das Tax Justice Network, eine Nichtregierungsorganisation, die weltweit für Transparenz in Steuerfragen eintritt, bezeichnet das Paradies in der Karibik als "führenden Standort von Offshorestiftungen".