Das Jahr 2014 wird die Hölle. Noch nie in der Geschichte der Menschheit drängelten sich so viele Gedenk- und Aktionstage auf so engem kalendarischen Raum. Wir feiern den Jahrestag der deutschen Erstaufführung von Brechts Kaukasischem Kreidekreis (1954), die Erfindung des Gummireifens und den 100. Geburtstag des Rhein-Herne-Kanals. Der 300. Geburtstag der Bach-Kantate Mein Herze schwimmt im Blut fällt zwar nicht auf den "Tag der Blockflöte", dafür aber auf den "Tag des Schwertschluckers". Im zeitlichen Umfeld des Muttertages hat der Dampfkochtopf (mit Sicherheitsventil) Geburtstag, den der Tausendsassa Denis Papin vor 300 Jahren erfand und der den gefürchteten Explosionsdampfkochtopf ablöste (ohne Sicherheitsventil). Der Schnelle Brüter in Japan wird zum Glück erst zwanzig.

Generell gilt: Doppel- und Dreifachbelegungen sind im Premiumbereich leider unvermeidlich. Die Feiern zum Berliner Mauerfall stehen in Memorialkonkurrenz zum bügelfreien "Tag der Jogginghose", während die Traumhochzeit von Antonius und Kleopatra vor 2050 Jahren auf das 60. Jubiläum der Parkuhr fällt, das inhaltlich schöner mit der Erfindung des Quecksilberthermometers oder dem 30. Jubiläum der Anschnallpflicht harmoniert hätte. Ungereimtheiten ergeben sich auch bei den personenbezogenen Feierlichkeiten. Der 125. Geburtstag des Schwarzwälder Philosophen Martin Heidegger konkurriert 2014 datierungstechnisch mit den kugelrunden Geburtstagen von Liselotte Pulver, Brigitte Bardot und Rosamunde Pilcher. Großes Glück hat dagegen der hochalpine Volksmusiker Hansi Hinterseer. Er feiert zeitgleich mit einer bodenständigen Herzensdame, der Weltfrauenzeitschrift Brigitte, ganz ungeschminkt seinen Sechzigsten, der wiederum – Gott weiß, warum – mit dem Geburtstag der gleichaltrigen ARD-Sendung Das Wort zum Sonntag zusammenfällt, übrigens neunzig Jahre nach der päpstlichen Enzyklika gegen Liberalismus und Sozialismus als "hauptsächliche Irrtümer unserer Zeit". Glückwunsch auch von hier aus.

Völlig zu Recht beklagen Zeitgenossen, ein Kalender betreibe üble Gleichmacherei. Während die Gesellschaft immer weiter in Arm und Reich auseinanderfalle, herrsche im Reich des Kalenders ein zynischer Egalitarismus, der den Ausbruch des Ersten Weltkriegs (vor hundert Jahren) auf dieselbe Stufe stellt wie das Abfackeln Roms durch Kaiser Nero (vor 1950) Jahren.

Die Wahrheit gibt den Kritikern recht: Im Jahr 1974 leimt Ikea in Eching bei München seine erste Niederlassung in Deutschland zusammen, und die Bundesrepublik wird mit links Fußballweltmeister, während der Hochseil-Tanzkünstler Philippe Petit sinnlos zwischen den Türmen des World Trade Center herumturnt, Mohammed Ali unaufgefordert Boxweltmeister wird, deutsche Kinder nicht mehr mit Holz-, sondern mit Playmobil-Autos spielen müssen und bei Volkswagen in Wolfsburg der Golf I vom Band hoppelt. Wie aus gewöhnlich gut abgerichteten Kreisen verlautet, planen ARD und ZDF zu diesem Spitzenjubiläum eine nationale Golf-Gala-Sondersendung aus der Gläsernen Manufaktur im rostfrei restaurierten Dresden (am Mikrofon: der Goethe-Biograf Rüdiger Safranski). Eine glückliche Fügung will es, dass die Sendung auf den Tag des "Europäischen Notrufs" fällt; Erste Hilfe leistet gern auch der 150. Jahrestag der Gründung des Internationalen Roten Kreuzes.

Rein gar nichts hat dagegen der Beginn des Wiener Kongresses unter Regie des finsteren Fürsten Metternich mit der Einführung der gasbetriebenen Londoner Straßenbeleuchtung zu tun. Sie versetzte 1814 Europas Schriftsteller in helle Aufregung, doch ihre flammenden Aufrufe gegen den "Terror der Transparenz" blieben genauso ungehört wie die Telefontöne, die das verkannte Genie Philipp Reis fünfzig Jahre später seinen Kollegen echolos zu Ohren brachte. Das erste New Yorker Telefonbuch kam dann aber schon 1889 auf den Markt.

Sogar die Partei Die Grünen, die echt nichts zu lachen hat, kommt 2014 auf ihre Kosten. Nachdem Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier so anmutig mit den Grünen Schlitten gefahren ist, dürfen die Grünen am garantiert fleischfreien "Welttag des Schneemanns" gemeinsam mit der abschmelzenden Parteibasis feierlich Händchen halten. Auch das traditionelle Sommerfest mit aromafreiem Kamilletee und veganer Käsetorte (bitte rasch in die aushängende Liste eintragen!) findet im Freien statt und steht unter dem schönen Motto "Die keimfreie Gesellschaft". Unter Schirmherrschaft von Alice Schwarzer feiern die Grünen die Erfindung der ersten vollbiologischen Kläranlage, die auf den Tag genau vor einhundert Jahren im englischen Manchester das Licht der Welt erblickte. Die Jubiläumskläranlage wird maßstabsgetreu von grünen Nachwuchskräften unter Anleitung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus gebrauchten, aber naturbelassenen Umzugskartons feierlich nachgebaut. Dazu singt unfallfrei der Knabenchor der Stuttgarter Pfarrgemeinde "Zum guten Hirten", deren Gotteshaus 2014 nun schon fröhliche 60 Jahre alt wird, genauso wie der ehemalige grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin.

Fassen wir zusammen: Während die Zahl denkwürdiger Ereignisse täglich in den Himmel wächst, bleibt der Platz im jährlichen Kalender auf überschaubare 365 Tage begrenzt. Damit wird das nächste Jahr selbst zum Jubiläum: 2014 ist seit Menschengedenken das erste Jahr, das zu kurz ist, um alle fälligen Ehrentage gebührend abzufeiern. Sogar dann, wenn die Bevölkerung wider Erwarten auf den "Tag der männlichen Körperpflege" verzichtet, wahlweise auf die Feierlichkeiten anlässlich der Absenkung des Ehemündigkeitsalters (1974) oder den "Tag des Bunsenbrenners".

Zeit-Philosophen erwarten mit Sorge einen chronischen Gedenkstau. "Nichts anderes bedroht die Historie als ihre eigene Lethargie gegenüber der Zeit, die sie hervorgebracht hat." Obwohl der 225. Jahrestag der Französischen Revolution unaufhaltsam heranmarschiere, vergeude die Menschheit ihre Zeit mit dem Abfeiern sinnloser Gedenktage. "Die Gespenster der Vergangenheit schnappen nach den Lebenden." Wie die Zeitschrift Capital berichtet, haben handelsübliche Ökonomen und Wirtschaftslobby-Forscher scharf widersprochen. "Linke Gesellschaftskritik verrät eine alarmierende Fehlanpassung an unser erfolgreiches Wirtschaftssystem." Deutschland gehe es prächtig, das Land könne sich kostenlose Gedenktage leisten, sofern der Bürger sein Daseinspensum weiterhin zügig ableiste und nach Ablieferung der veranschlagten Lebensarbeitsleistung rentenkassenneutral in die Ewigkeit abtrete, wo Gott ihn bereits erwarte.

Richtig daran ist: Das kommende Jahr wird zu Ende gehen, noch bevor alle fälligen Gedenktage ordnungsgemäß abgefeiert wurden. Gleichwohl ist es für Alteuropäer eine Frage der Ehre, dass alle in 2014 verpassten Festtage ungefragt in die Folgejahre verschoben und dort im Livestream der Vergangenheit originalgetreu nachgefeiert werden.

Theologen weisen in diesem Zusammenhang allerdings darauf hin, dass bis zum Jüngsten Gericht schon rein rechnerisch nicht alle Feiertagsüberhänge pünktlich abgebaut werden können. Sie schlagen deshalb vor, die Weltgeschichte durch eine eschatologische Zugabe über ihr natürliches Ende hinaus gratis zu verlängern. "Die Menschheit braucht eine Bonuszeit und muss in die Verlängerung gehen." Der kosmische Schiedsrichter, so die Theologen, schenkt den verspäteten Nationen nach dem großen Abpfiff eine kleine Nachspielzeit und verschafft ihnen Gelegenheit, ihre Überhangserinnerungstage in Würde und ohne Säumniszuschlag nachzufeiern.

Langsam klingt danach die Geschichte aus. Es kehrt Ruhe ein, der Wind legt sich, und auf der Weltbühne geschieht nichts, was nachfolgende Generationen in Gestalt von Gedenktagen erinnern müssten. Der Weltgeist kifft, Hochhäuser tanzen, Drohnen fallen vom Himmel, Dünen wandern, Blumen singen, Smartphones blinzeln, und die Autobahnen sind frei, frei, frei. Das weckt Erinnerungen. 1814 trat Ludwig van Beethoven zum letzten Mal am Klavier öffentlich auf. 1939 feierte der Film Vom Winde verweht Premiere, und im Jahr 1964 begann der Hessische Rundfunk, Verkehrsstörungen im Radio zu melden, für alle Menschen, die hier auf Erden unterwegs sind. Dreimal am Tag, lang und länger, bis zum

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