Es ist stockfinster. Gefühlte minus zehn Grad. Bruno Monflier gräbt die Hände tiefer in die Taschen seiner grauen Wolljacke, zieht die Schultern bis zu den Ohren hoch und wirft den Kopf in den Nacken. Mit zusammengekniffenen Augen sucht er den endlos über ihm aufgespannten Sternenhimmel ab. Hoch über dem Horizont, in Richtung Südosten, bleibt sein Blick hängen, fokussiert auf eine markante Anordnung leuchtender Punkte. "Das Wintersechseck", erklärt Bruno mit warmer Stimme, "mit Rigel, links davon Sirius, und den anderen: Prokyon, Pollux, Kapella und Aldebaran!" Sein Atem ist in der Nachtluft deutlich sichtbar. "Auch der Sternenhimmel hat die Jahreszeit gewechselt. Im Sommer hätten wir diese Formation nicht gesehen."

Um den schmächtigen 66-Jährigen herum gruppieren sich Schatten, die ebenfalls gebannt das Leuchten weit, weit oben betrachten. Die eingemummelten Gestalten sind Gäste des astronomischen Bauernhofes La Ferme des Étoiles in den französischen Pyrenäen. Sie stehen im Garten zwischen schemenhaft erkennbaren Kuppeln und verfolgen die Linien, die der Hausherr jetzt mit der Hand in den Himmel zeichnet.

Bruno Monflier liebt die Sterne. Für den besten Blick auf sie ist er schon weit geflogen, ob in die Wüste nach Namibia oder in die Berge Brasiliens. Heute muss er das nicht mehr; er hat sich alles, was er braucht, nach Hause geholt. Vor 20 Jahren kaufte er ein Gehöft mit großem Grundstück am Rand von Mauroux, einem 140-Seelen-Dorf im Departement Gers. Gerade dass in der Region wenig los ist, macht sie für eine besondere Art von Reisenden interessant. Das Magazin Ciel et Espace hat ihr den Titel "Bester Himmel des französischen Festlands" verliehen, denn die Sterne und Planeten sind hier deutlicher zu sehen als anderswo. Die Luft ist klar, und Städte, die mit ihrem Lichtschein keine rechte Dunkelheit aufkommen lassen, liegen weit weg. "Es heißt, dass man in der Stadt ungefähr dreißig Sterne am Nachthimmel sehen kann", erklärt Bruno und fügt stolz hinzu: "Bei mir in Mauroux sind es dreitausend!"

Mit seinem Gehalt als Manager eines Ölkonzerns rüstete er die Farm astronomisch auf, kaufte Ferngläser und Kameras, installierte im Garten zehn Teleskope. Eine Pension mit zehn Zimmern kam dazu. Vor fünf Jahren eröffnete sein Mini-Planetarium, denn auch der beste Himmel ist nicht immer sternenklar. Nicht nur bei Wolken und Nebel, sondern auch in hellen Vollmondnächten können die Gäste das Firmament lichtverstärkt auf der Innenkuppel betrachten. Als die Sternfarm eingerichtet war, hängte Bruno seinen Job an den Nagel, um sich ganz seinem Himmel zu widmen. Er gründete einen Verein zum Kampf gegen Lichtverschmutzung. So setzte er durch, dass nachts in Mauroux die Straßenbeleuchtung abgeschaltet wird.

Vom Taschengeld kaufte er sich als Kind im Supermarkt das erste Fernrohr

Das alles hat sich herumgesprochen, und mittlerweile ist seine Pension gut besucht. Es kommen Hobbyastronomen und Fotografen; Familien, die mit ihren Kindern ein paar Ferientage verbringen; Manager, die ihre Teams im Sternenlicht zusammenschweißen wollen. Sogar ein paar Astrologen. Bruno freut sich, wenn die Gäste auf seiner Farm miteinander ins Gespräch kommen. Eigens dafür hat er einen langen Holztisch anfertigen lassen, an dem gemeinsam gegessen wird. Da kann dann jeder dem anderen erzählen, was ihm das Flimmern, Flirren und Funkeln dort oben bedeutet.

Für Bruno bedeutet es Schönheit. Und obwohl es zur Sterneguckzeit in seiner Herberge dunkel wird, merkt man schnell: Der Mann ist ein Ästhet. Antike Möbel, moderne Uhren, gemütliche Sessel mit Ornamenten bringen Stil in das alte Bauernhaus. Etwas Verschmitztes, Schelmenhaftes verrät sich hier aber auch. Im ausladenden gläsernen Foyer stehen nebeneinander drei Personenwaagen: eine Mondwaage, die zweite für den Jupiter, die dritte für die Erde geeicht. Bevor er seine Gäste zum Wiegen bittet, steigt er selbst rauf, beginnend mit der irdischen Waage: "Hier wiege ich 60 Kilo. Auf dem Jupiter sind es 170. Und die Mondwaage pendelt sich bei 10 Kilo ein. Die mag ich besonders nach den Weihnachtstagen."

Schon als Kind sammelte Bruno Monflier Bilder von Planeten und Galaxien. Er kaufte sich vom Taschengeld ein Fernrohr im Lebensmitteldiscounter und stellte es auf den Balkon der elterlichen Pariser Wohnung. "Immerhin, ein paar Sterne waren zu erkennen", erinnert er sich, "die genügten mir, um meine Träume auf etwas richten zu können."

Das Bestaunen des Universums wurde zu seiner Passion – bis er sich entschied, einen Lebensinhalt daraus zu machen. Den Anstoß gab ein Ausflug auf den 2.877 Meter hohen Pic du Midi de Bigorre. Er schaute durch das wuchtige Teleskop der Sternwarte dort, das zu den größten Frankreichs gehört. Und er sah zum allerersten Mal deutlich das Band der Milchstraße! Der Anblick ließ ihn nicht mehr los. So gab er schließlich sein Doppelleben als Manager am Tag und Sternenfänger in der Nacht auf.