ZEIT: Die Herausgeber des gerade in Paris erschienenen Heidegger-Wörterbuches behaupten, es gebe in den bisher erschienenen 84. Bänden der Gesamtausgabe "nicht einen antisemitischen Satz". Bereits die Veröffentlichung der berüchtigten Rektoratsrede von 1933 wollte man in Paris verhindern. Worauf gründen diese Reaktionen in Frankreich?

Faye: Es stimmt, dass zahlreiche französische Publikationen über Heidegger die historische Realität ausblenden. Mit dieser Haltung beruft man sich auf Heidegger selbst, der zwischen dem "geschichtlichen Schicksal" des "Daseins" und der "historischen Wissenschaft" unterschieden hat. Das hat zahlreiche Generationen dazu verführt, die Augen vor der realen Geschichte zu verschließen. Auch die Fälschungen, die Heidegger an seinen eigenen Texten vorgenommen hat, spielen hier eine Rolle. Ich kann ein Beispiel nennen, das Franck Jolles entdeckt hat: Eine bisher unbekannte Mitschrift der furchtbaren Vorlesungen aus dem Winter 1933/34, in denen es um die "völlige Vernichtung" geht, besagt, dass Heidegger am 30. Januar 1934 40 Minuten zu spät zur Vorlesung erschienen sei, weil er noch eine Führerrede zu Ende habe hören wollen. Diese Vorlesung beginnt dann damit, dass Heidegger sagt, er "werde in Zukunft dafür sorgen, daß die gesamte Studentenschaft und Dozentenschaft innerhalb der Universität eine Gelegenheit findet, gemeinschaftlich das Wort des Führers zu hören". Er fügt hinzu: "Heute jährt sich zum ersten Male der Tag, da der vormalige Deutsche Staat sein eigenes Sein aufgeben mußte und versetzt wurde in eine neue Wirklichkeit des Volkes […] Die nationalsozialistische Bewegung ist seit diesem Tage der tragende Grund und der eigentlich führende Bereich für den Deutschen Staat geworden. Dies verbraucht unverbrauchte Kräfte einer Generation." Heideggers Vortrag enthält keinerlei Kritik, im Gegenteil, er wünscht dem Nationalsozialismus ein langes Leben: "Es handelt sich nicht darum, nur für die nächsten Jahre etwas zu bauen, sondern wir müssen auch noch in 50 und 100 Jahren ein gemeinsames geschichtliches Geschehen unseres Volkes sichern." Statt dieser manifesten Lobrede auf die nationalsozialistische Bewegung findet man in der Gesamtausgabe unter diesem Datum, der "Jahresfeier der nationalsozialistischen Revolution", einen Vortrag über den Schriftsteller Guido Kolbenheyer, den Heidegger auf gar keinen Fall an jenem Tag gehalten hatte.

ZEIT: Wird man die Philosophiegeschichte nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte neu schreiben müssen?

Faye: Auch wenn Heidegger die Absicht hatte, das gesamte abendländische Denken in einer mythischen "Seinsgeschichte" zusammenzufassen, repräsentiert er doch nicht die gesamte deutsche Philosophie. Wirklich neu ist die Tatsache, dass wir jetzt sicher sein können, dass Heideggers zentrale Begriffe wie "Boden", "Welt" und "Geschichtlichkeit" unmittelbar politisch zu verstehen sind. Wenn man sieht, wie er die Ablehnung des "Weltjudentums" metaphysisch verbrämt, wird man seiner ständigen Verwendung des Wortes "metaphysisch" gegenüber sehr misstrauisch. Man kann also berechtigterweise vermuten, dass der apologetische Umgang mit Heidegger, der die Rezeption lange bestimmte, bald von einer sehr viel kritischeren Haltung abgelöst wird. Wir haben jetzt eine neue Ausgangslage, die es uns gestattet, die bisherige Heidegger-Rezeption neu zu beurteilen.