Betörend wäre eigentlich nicht ganz das richtige Wort, aber wie sonst will man diese großartige Stimme in einem umfassenden Sinne charakterisieren? Faszinierend, verführerisch, ganz allgemein anziehend? Aber eben auch lustig, koboldartig, burschikos, grob oder auch heiser, zugleich zart und traurig, immer durchdringend: Die 1961 geborene österreichische Schauspielerin Sophie Rois ist in den neunziger Jahren im Ensemble von Frank Castorfs Berliner Volksbühne berühmt geworden; bald kamen auch der Erfolg in Kino und Fernsehen. Seit vielen Jahren ist sie darüber hinaus auch eine Großmacht unter den Hörbuch- und Hörspielstimmen hierzulande. Sie verdankt das einer seltenen Vielfalt und ihrer schillernden Intensität – und vielleicht, pardon, ab und an einem besonders geschickten Kiefereinsatz, durch den hinreißende Lautverschiebungen und Nuancen in der Betonung möglich werden. Zahlreiche Preise hat Sophie Rois gewonnen, auch den Deutschen Hörbuchpreis. Von ihr gibt es bezaubernde Kinderhörbücher ebenso wie Flauberts Madame Bovary zum Hören. Dieser markante Facettenreichtum erinnert von Ferne an Katharina Thalbach, die im Frühjahr den Deutschen Hörbuchpreis für ihr Lebenswerk erhalten wird: Beide können sowohl sehr jung als auch ziemlich reif klingen.

Es ist dabei interessant zu beobachten, welche Farben ihre Stimme im Laufe der Jahre hinzugewinnt. Das kann man jetzt in zwei Hörbüchern erleben. Zusammen mit Christian Brückner, einem anderen Star der Sprechkunst, hat sie jetzt den neuen Erzählband der Nobelpreisträgerin Alice Munro eingelesen, in dem es einige autobiografische Reminiszenzen gibt (Rezension S. 45). Rois gelingt hier ein Ton, der zwischen naiv-staunendem Erinnern und einem gleichzeitig rückblickendem Verstehen dessen, was da in der Kindheit in der kanadischen Provinz ablief, changiert. Man hört in ihrer Stimme immer zwei Figuren parallel, in einem besonderen Mischungsverhältnis: das Mädchen und die ältere Frau (Alice Munro: Liebes Leben. Erzählungen, gelesen von Sophie Rois und Christian Brückner, Edition Parlando, 6 CDs, 420 Min., 24,99 €). Ganz anders hingegen klingt Rois in Virginia Woolfs Skizze der Vergangenheit: Sie gibt eine etwas distanzierte, englische Upperclass-Intellektuelle, die sich noch einmal über ihre Herkunft klar werden möchte – wir hören weniger Virginia Woolf als eine Virginia-Woolf-Darstellerin, denn womöglich war die Schriftstellerin, die sich 1941 im Fluss Ouse das Leben nahm, ein wenig innerlicher im Ausdruck. Bei Rois ist Verwunderung und untergründiger Humor dabei, kühle Analyse und Empörung sowie noch einmal empfundene Angst längst vergangener Tage. Erkenntnis und Emotionen gehen hier Hand in Hand, was wiederum gut zu diesem so starken Text von Virginia Woolf passt, den sie vor ihrem Tod nicht mehr veröffentlichen konnte. Hier taucht das gefährdete Kindheitsglück der 1882 geborenen, zeitlebens mit psychischen Lasten ringenden Autorin auf, das Leben mit acht Geschwistern, die den frühen Tod der Mutter erleben – ein Trauma für Virginia, die sich scharf an den tyrannischen Vater erinnert. Und sie schildert ihren Stiefbruder George, der sich an ihr sexuell verging: nicht anklagend, sondern sezierend, um Genauigkeit gegenüber dessen Charakter bemüht. Diese Virginia Woolf von Sophie Rois ist auf beeindruckende Weise gelungen.