Fast wie die europäischen Kabinette vor hundert Jahren, die "Schlafwandlern" gleich (so der Historiker Christopher Clark) auf den Ersten Weltkrieg zusteuerten, bewegen sich heute die Regierungen Ostasiens auf Kollisionskurs. Sie alle rüsten auf, stecken ihre Einflusszonen ab, streiten um menschenleere Felsen im Meer, propagieren alte Größe und neue Stärke. Demonstrativ beordern sie Flugzeugträger in umstrittene Seegebiete, schicken Militärflugzeuge durch einseitig ausgerufene "Luftverteidigungszonen".

Neue politische Führungen sind in Peking, Tokio, Seoul (auch in Pjöngjang) an der Macht. Sie rühren die Trommel des Nationalismus, als hätten sie aus der Vergangenheit nichts gelernt. Auch Japans Ministerpräsident Shinzo Abe ist in Gefahr, ein solcher asiatischer Schlafwandler zu werden.

Jedes zweite Gespräch über Abe beginnt mit seinem Großvater. Nobusuke Kishi, Japans Premierminister von 1957 bis 1960, saß nach dem Zweiten Weltkrieg drei Jahre lang im Gefängnis. Vor dem Krieg hatte er sich als Ministerialbeamter an der Ausplünderung der japanisch besetzten Mandschurei im Nordosten Chinas beteiligt. Dem Kriegskabinett von General Tojo gehörte er als Industrie- und Rüstungsminister an. Die Amerikaner sperrten Kishi als einen der Hauptkriegsverbrecher ein. Heiligabend 1948 wurde er aus der Haft entlassen.

"Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft!", gab der Premier als Parole aus

Großvater Nobusuke Kishi ist das politische Vorbild des heutigen Premierministers. Was Kishi in den fünfziger Jahren nicht gelang – die pazifistische Nachkriegsverfassung zu verändern, in der Japan dem Krieg abschwor –, das möchte der Enkel ein gutes halbes Jahrhundert später schaffen.

"Abe bewundert seinen Großvater sehr", sagt Koichi Nakano, Politikwissenschaftler an der Sophia-Universität in Tokio. Als Abe nach seiner ersten, gescheiterten Amtszeit als Regierungschef (2006 bis 2007) gefragt wurde, was er im Rückblick am meisten bedauere, erwiderte er: Dass er den Wunsch seines Großvaters nicht erfüllt habe, die Verfassung zu revidieren.

Vor sechs Jahren zwang ihn eine schwere Magenkrankheit, sein Amt aufzugeben. Aber ihm gelang ein Comeback. Seit einem Jahr steht der heute 59 Jahre alte Abe wieder an der Spitze der Regierung. Und gerade jetzt wirft die nicht vergangene Geschichte einen tiefen Schatten; lange schon stand es nicht so schlecht um die japanisch-chinesischen Beziehungen.

Allerdings ist es nicht Abe, der im Streit um die Senkaku-Inseln, die in China Diaoyu heißen, zündelt. Vielmehr hat Chinas Verteidigungsministerium Ende November ein großes Gebiet im Ostchinesischen Meer zur "Luftverteidigungszone" erklärt, das kein ausländisches Flugzeug ohne Anmeldung bei den chinesischen Behörden durchfliegen dürfe. Eine Provokation. Das meinten nicht nur die Japaner, sondern auch die Amerikaner. Demonstrativ ließen sie B-52-Langstreckenbomber durch die Zone fliegen.

Seitdem er wieder im Amt ist, hat sich Shinzo Abe nationalistischer Rhetorik weithin enthalten. Die von ihm gewünschte "Neuinterpretation" der Verfassung ist erst einmal vertagt. Ohnehin ist höchst ungewiss, ob er sie durchsetzen könnte, auch wenn er in beiden Häusern des Parlaments über die Mehrheit verfügt. Aber er benötigte eine Zweidrittelmehrheit in Unter- und Oberhaus. Die hat er nicht. Und schließlich müsste Abe ein Referendum gewinnen – eher unwahrscheinlich in dem immer noch pazifistisch gesinnten Japan.

In seiner zweiten Amtszeit setzt Abe die Prioritäten anders. Schon im Wahlkampf 2012 hatte er die Parole ausgegeben: "Wirtschaft! Wirtschaft! Wirtschaft!" Und das aus gutem Grund. Nach fünfzehn Krisenjahren hatten sich Ideenlosigkeit und Selbstzweifel über das Land gelegt; nichts war geblieben vom himmelstürmenden Optimismus der sechziger und siebziger Jahre, als Japan auf dem Weg zur ökonomischen Nummer eins der Welt zu sein schien.

Der anhaltenden Deflation im Land setzten Abe und Zentralbankchef Haruhiko Kuroda ein Inflationsziel von zwei Prozent entgegen. Die Politik des billigen Geldes, mit der dies erreicht werden sollte, war einer von "drei Pfeilen" der neuen Wirtschaftspolitik, der "Abenomics", die Abe aus dem Köcher zog. Ein eher konventionelles Konjunkturprogramm war der zweite Pfeil. Strukturreformen waren der dritte.