Die Volkswirtin sah eine Katastrophe auf sich zurasen, obwohl es eigentlich ein Glücksfall war: Ihr Wunscharbeitgeber hatte sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen. "Ich habe Angst, es zu versemmeln", sagte sie im Coaching, "eine solche Chance kommt nicht wieder."

Sämtliche Versuche, sie auf bessere Gedanken zu bringen, schlugen fehl. Je mehr ich sie ins Positive ziehen wollte, desto heftiger strebte sie ins Negative. Warum also nicht den Geist, der stets verneint, als Partner gewinnen? Ich sprach ihre Fantasie an, die "schönste Tochter der Wahrheit" (wie sie der Schweizer Autor Carl Spitteler bezeichnet): "Bitte malen Sie sich einmal aus, was schlimmstenfalls bei Ihrem Vorstellungsgespräch passieren könnte. Übertreiben Sie nach Herzenslust, als wären Sie eine Hollywoodregisseurin, die einen Katastrophenfilm dazu drehen soll."

Erst zögerlich, dann mit immer mehr Freude, ließ sie ihre Fantasie zum Leben erwachen: "Vielleicht würde mich ein Erdbeben davon abhalten, dass ich pünktlich komme. Und die Chefs stehen vor ihrem zusammengebrochenen Firmengebäude und machen mich, sobald ich aufkreuze, für die Katastrophe verantwortlich." Weiter ging die Geschichte damit, dass sie vor lauter Stottern kein Wort herausbekam, deshalb wie ein Drache Feuer spie und dem Personalchef die Haare versengte. Natürlich wurde sie als Hochstaplerin entlarvt, vor ein Gericht gestellt und verurteilt zu "15 Jahren Zuchthaus wegen schwerer Bewerbungslügen". Dieses Urteil wurde in der Tagesschau verkündet und blamierte sie auf alle Ewigkeit.

Während sie das erzählte, entspannte sich ihr Gesicht immer mehr, am Ende schmunzelte sie sogar. Was sie amüsierte, wollte ich wissen. "Dass es so schlimm bestimmt nicht kommen wird", sagte sie. "Wahrscheinlich übertreibe ich es mit meinen Sorgen. Ich bekomme das schon hin!"

Diese Strategie funktioniert fast immer: Wer sich den allerschlimmsten Fall ausmalt, mit ganz viel Fantasie, verabreicht sich eine Art Gedankenmedizin, die immunisiert gegen die realen Gefahren, zumindest aber gegen die negativen Vorstellungen davon.

Als die Volkswirtin ihr Gespräch hatte, war sie entspannt, denn kein Erdbeben zerstörte das Firmengebäude, kein Richter verurteilte sie, und ihr Mund spie auch kein Feuer. Locker und souverän trat sie auf. Verglichen mit dem, was sie sich ausgemalt hatte, konnte die Realität sie nur positiv überraschen.