Der Generalsekretär von Amnesty International war deutlich: "Die europäischen Staatschefs sollten sich schämen, nur so wenigen Flüchtlingen aus Syrien Schutz in ihrem Land zu bieten." Er hat recht: 2,3 Millionen Menschen sind bisher wegen des mörderischen Bürgerkriegs aus Syrien geflohen, etwa die Hälfte davon Kinder. Viele sind Waisen. Nur die allerwenigsten fanden Aufnahme in Europa: Europa will sie nicht. Die Kinder sollen doch bitte in und um Syrien gegen den Erfrierungstod kämpfen, meinte sinngemäß ein CVP-Politiker aus dem reichen Zug.

Die Schweiz befindet sich also in schlechter Gesellschaft. Sie war kleinmütig und hat die Aufnahme von bloß 500 Flüchtlingen angekündigt – verteilt auf drei Jahre und ausdrücklich als Pilotprojekt im Rahmen des UNHCR-Neuansiedlungsprogramms. Mit anschließender Evaluation, die an bürokratischen Finessen keine Wünsche offenlassen wird.

Auch die groß angekündigte und später kleinlaut eingestellte erleichterte Aufnahme von syrischen Familienmitgliedern hinterlässt einen schalen Beigeschmack: Wer ein Gesuch stellte, musste beweisen, in der Schweiz drei Monate lang ohne finanzielle Unterstützung durchzuhalten. Heute bleibt nur noch der direkte Familiennachzug innerhalb der Kernfamilie möglich. Und was ist mit den Waisenkindern?

Das erinnert an die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge war für die Schweiz damals günstig – denn die Kosten trug zu einem großen Teil die jüdische Gemeinschaft.

Alles halb so schlimm, sagt Bern: Humanitäre Visa-Gesuche seien nach wie vor möglich. Was davon zu halten ist, sagt die Flüchtlingshilfe: Das Bundesamt für Migration habe vor einem Jahr bestimmt, dass es für ein solches Visum eine unmittelbare, ernsthafte und konkrete Gefahr für Leib und Leben brauche – was alles nicht zutreffe, wenn sich die bedrohte Person in einem Drittstaat befinde. Das muss sie aber, um ein solches Gesuch zu stellen, da es gar keine Botschaft mehr in Syrien gibt: Die Schweiz hat ihre Botschaft in Damaskus und ihr Konsulat in Aleppo geschlossen. Und das nicht nur über die Feiertage.

In Syrien tobt nicht nur ein brutaler Bürgerkrieg, sondern auch eine Kältewelle mit Schneestürmen – die Berner Herzen lässt das auch zur Weihnachtszeit kalt. Das Boot mag zwar nicht voll sein, die Schotten aber sind dicht.

Man muss das Herz nicht links tragen, um das unmenschlich zu finden. Kürzlich verschaffte der Wirtschaftsanwalt Paolo Bernasconi sich und seiner Wut Luft. Prostituierte kämen einfacher ins Land als syrische Flüchtlinge, donnerte er. Und lancierte eine Petition zur Aufnahme von 20.000 syrischen Flüchtlingen in der Schweiz. Recht hat der Mann. Und er weiß, dass sich die Mehrheit der Politiker nur bewegt, wenn sich die Zivilgesellschaft einmischt. Sie können ihm helfen: www.change.org/it/petizioni/governo-svizzero-accogliere-20-000-profughi-siriani-2.

Im Übrigen: Auch Jesus war ein Flüchtlingskind aus dem Nahen Osten. Seine Eltern, Maria und Joseph, mussten mitten im Winter aus dem eigenen Land fliehen. Gerade in diesen besinnlichen Tagen sollten wir das nicht verdrängen.