Rekord! Rekord! Rekord! Wer zum Jahresende über den Zustand des Kunstmarktes nachdenkt, kommt um dieses Lieblingswort der Auktionshäuser nicht herum. Mit Rekorden meinen die Auktionshäuser stets Geldsummen, Summen, wie sie nie zuvor erreicht wurden. Dutzende, ja Hunderte solcher Rekorde wurden 2013 aufgestellt, überall auf der Welt. Eine der eindrucksvollsten Summen hatte im Mai das Auktionshaus Christie’s in New York gemeldet: 495 Millionen Dollar waren an einem Abend für zeitgenössische Kunst ausgegeben worden, es war die größte Auktion in der Geschichte des Kunstmarkts. Die Auktion verhalf dem Unternehmen Christie’s dann auch gleich zu einem Umsatzrekord für ein erstes Halbjahr: 2,4 Milliarden Britische Pfund hatte man bis Ende Juni insgesamt umgesetzt, so viel Geld wie nie zuvor.

Doch diese größte Auktion wurde dann einige Monate später gleich noch einmal getoppt, als am 12. November – wieder bei Christie’s in New York – 691,6 Millionen Dollar allein für die sogenannte zeitgenössische Kunst ausgegeben wurden. Zu den dort versteigerten Zeitgenossen wird auch der 1992 verstorbene Francis Bacon gezählt, dessen Triptychon Three Studies of Lucien Freud (1969) an jenem Abend für 142.405.000 Dollar (alle Preise inklusive Aufgeld des Auktionshauses) versteigert wurde – das teuerste jemals versteigerte Kunstwerk.

Auch das zweite globale Auktionshaus, Sotheby’s, konnte im November wieder zahlreiche Rekorde vermelden, die umsatzträchtigste Auktion in der Firmengeschichte etwa oder den höchsten Preis, der jemals auf einer Auktion für ein Werk von Andy Warhol gezahlt wurde: gut 105 Millionen Dollar für Silver Car Crash (Double Disaster, 1963). Auch der Umsatzzuwachs für das Jahr 2013 war ein Rekord, er stieg 2013 um 19 Prozent auf 5,2 Milliarden Dollar. Christie’s meldet seine Umsatzzahlen erst Ende Januar.

Interessant ist jedoch, dass der Gewinn der Auktionshäuser nicht zwangsläufig mit den Spitzenpreisen wächst: Gerüchten zufolge hat Christie’s an der ebenfalls für einen Rekordpreis – Kategorie: lebender Künstler – von 58 Millionen Dollar verkauften Balloon Dog (Orange) kein Geld verdient. Angeblich bekam der Einlieferer, der bekannte Sammler und Kunstspekulant Peter Brant, vom Auktionshaus nicht nur die Einliefergebühr erlassen, sondern auch noch die eigentlich dem Auktionshaus vorbehaltene Käuferkommission zugesprochen. Nur wenn Koons’ Hund, für den Christie’s massiv Werbung gemacht hatte, mehr als 60 Millionen eingebracht hätte, wäre, so heißt es, das Auktionshaus wie sonst üblich beteiligt worden.

Solche Gerüchte verdeutlichen, dass der Kampf um die sogenannten Ikonen des Kunstmarkts heiß gelaufen ist, die Auktionshäuser auf der Jagd nach Rekorden sogar wirtschaftliche Risiken eingehen. Gibt es also eine Blase auf dem Markt für zeitgenössische Kunst? Die Auktionshäuser und die Megagaleristen bestreiten das selbstverständlich. Doch wie soll man es nennen, wenn Preise sich in wenigen Jahren verzigfachen? Wer zahlt diese Preise, die auch von Kunsthändlern gern mit dem Wort "Irrsinn" verbunden werden?

Die Spitzenpreise des Kunstmarkts sind nicht unbedingt ein Barometer für den Zustand der Weltwirtschaft, sie erzählen aber viel über die Lage der globalen Schicht der Superreichen. Auch auf dem Kunstmarkt öffnet sich die Schere zwischen den Armen und der Mittelschicht auf der einen Seite und den Superreichen auf der anderen Seite immer weiter. Die kleine Schicht der Superreichen prosperierte in den vergangenen Jahren enorm, und umso höher stiegen auch die Preise im obersten Segment des Kunstmarkts. Man muss sich nur die wirtschaftliche Entwicklung der Kunsthandelsmetropole New York vor Augen halten: Unter der Regentschaft des Bürgermeisters Michael Bloomberg stieg von 2005 bis 2013 nicht nur die Zahl der Milliardäre, es verzigfachte sich zugleich auch deren Vermögen. Acht New Yorker besitzen heute mehr als 10 Milliarden Dollar, Bloombergs eigenes Vermögen wuchs in den vergangenen acht Jahren von 5 auf geschätzte 31 Milliarden Dollar. Er könnte sich von diesem Geld viele Gemälde von Francis Bacon leisten.

Die Kunst eignet sich zudem wie sonst keine andere Ware für den symbolischen Konsum, mit dem man nicht nur die eigene Kunstsinnigkeit, sondern auch gegenüber anderen Superreichen seine finanziellen Möglichkeiten demonstrieren kann – für einen läppischen Kunstscherz werden gigantische, auf Normalverdiener sogar obszön anmutende Summen ausgegeben.

Solange also die Superreichen genug Spielgeld übrig haben, um sich bei Auktionen zu messen, wird die Kunstmarktblase auch im kommenden Jahr weiter wachsen. Als Investition oder Spekulationsobjekt empfiehlt sich die Kunstware deshalb noch lange nicht. Insider wie der Großsammler und Balloon Dog-Verkäufer Peter Brant oder Galeristen wie Larry Gagosian können den Markt zum Teil mitgestalten und so unerhörte, oft steuerfreie Profite machen. Doch manchmal fällt der Wert eines Künstlers auf dem Markt so schnell, wie er gestiegen ist. Der Hedgefund-Milliardär Steven Cohen ließ im November mehrere Kunstwerke im Wert von insgesamt 88 Millionen Dollar versteigern, aber keiner wollte die auf zwei bis drei Millionen Dollar geschätzte Installation Spermini von Maurizio Cattelan aus seiner Sammlung kaufen. Ein abstraktes Gemälde von Gerhard Richter, das Cohen erst im Juni 2012 auf der Art Basel erworben hatte, brachte mit gut 26 Millionen Dollar wohl zumindest den Kaufpreis wieder rein.