Der Kutscher schaut wie ein blasierter Aristokrat von seinem Bock herab. Graf Koks von der Gasanstalt, wie die Berliner sagen. Neben ihm eine aufgetakelte Dame mit verächtlich gespitzten Lippen. Die Szene ist eine fast zufällig wirkende Momentaufnahme, wie ein fotografischer Schnappschuss. Aber natürlich ist hier nichts dem Zufall überlassen. Das konnte der große Thöny nämlich perfekt: die Sitten und Laster, die Gesichter und Fratzen der rasant dahinstürmenden Epoche um 1900 lässig und zugleich ätzend-entlarvend einfrieren. Der Zeichner und Karikaturist Eduard Thöny (1866 bis 1950) war einer der bedeutendsten und prägendsten Mitarbeiter des Simplicissimus. Auch die Kutschfahrt erschien in der Satirezeitschrift; 1899 zierte die Szene unter dem Titel Klassenjustiz das Titelblatt von Heft 20. Von dem Mann im Fond, dem wahren Herrn der Karosse, erkennen wir nur vage Gesichtszüge. Im Untertitel legen ihm die Redakteure die Worte in den Mund: "Mit Preußen geht es faktisch abwärts, jetzt ist die sächsische Justiz uns schon an Schneidigkeit über."

Worauf angespielt wird: Im Jahr zuvor hatte sich der Simplicissimus über die Palästinareise Kaiser Wilhelms II. lustig gemacht. Ein Leipziger Gericht verklagte die Wochenschrift dafür wegen Majestätsbeleidigung; der Schriftsteller Frank Wedekind und der Zeichner Thomas Theodor Heine kamen für ein halbes Jahr in Festungshaft, der Verleger Albert Langen floh ins Ausland. Doch die Redaktion in München ätzte weiter gegen die kaisertreue Berliner Oberschicht, die beharrlich an ihrem reaktionären Dünkel festhielt.

Der Münchner Kunsthändler Alexander Kunkel bietet das mit Aquarell, Tusche, Spritztechnik und Deckweiß gearbeitete Blatt für 12.000 Euro an. Ein stolzer Preis, aber durchaus gerechtfertigt, denn es ist eine von Thönys schönsten und auch schärfsten Sozialbeobachtungen. In dieser Qualität kommt das nur alle paar Jahre auf den Markt.