Selten war ein großes Durcheinander (frz.: le grand bordel) so amüsant zu lesen wie der Stoff, den Judith Stoletzky mithilfe von Stephan Hippe und Boris Krivec zusammengetragen hat. Letztere betreiben in Hamburg-Ottensen die Brasserie La Provence. Ihrer Freundschaft zum französischen Gastronomenpaar Nicolas und Jany Polverino sind eine Menge der verrückten Geschichten zu verdanken, die sie nun zusammen mit 73 Rezepten in einem opulenten Band versammelt haben. Der Held des Buches ist Nicolas Polverino. Er ist nicht nur ein bekannter Gastronom, der Roger Vergé, dem Erfinder der Nouvelle Cuisine, die Frau ausgespannt und mit dieser im provenzalischen Künstlerdorf Mougins bis 1999 ein Restaurant betrieben hat. Er ist auch der Neffe von Pablo Picassos Köchin Inès und der Sohn von Jeanne, die in etlichen illustren Haushalten gekocht hat – von Christian Dior, von Stiletto-Erfinder Roger Vivier und der kapriziösen Herzogin von Windsor Wallis Simpson. Zudem ist Nicolas Enkel und Cousin zweier lupenreiner Mafiosi. Dass er in jungen Jahren an der Filmhochschule in Paris von Sartre unterrichtet wurde, gerät da fast zur Nebensache.

Man liest sie mit Freude, diese "gut abgehangenen Erinnerungen" Polverinos. Sie sind gewürzt mit einer ordentlichen Prise Surrealismus, der hier und da die Wörter aus dem Satzspiegel springen lässt. Eines wird bei der Lektüre klar: Ohne Träume kommt man nicht unversehrt durchs Leben. "Ist das, woran man sich erinnert, das, was man sich vorstellt, und das, was man träumt, nicht ebenfalls wahr?", heißt es an einer Stelle. Und so schreiten wir in die Küche, machen uns an die Zubereitung der Dorade au four et son fenouil confit – und stellen uns vor, wie Polverinos Tante Inès einst die mit confiertem Fenchel aromatisierte Dorade aus dem Ofen genommen und sie noch dampfend vor den hungrigen Picasso gestellt hat. Eine schönere Liebeserklärung an die Provence als dieses Buch kann man sich kaum vorstellen.