Eigentlich hatte Levent Kavur ganz andere Pläne, als sein Leben in einem Kiosk zu verbringen. "Ich wollte etwas Großartiges machen", sagt er und klingt dabei ein bisschen wehmütig. In der Türkei wollte er eine Buchhandlung eröffnen oder ein Philosophencafé. Daraus ist nichts geworden. Seit 20 Jahren betreibt er nun einen Kiosk in Köln.

Aber Levent Kavur hat aus dem Büdchen, wie die Rheinländer sagen, etwas Großartiges gemacht. Man kann es nicht sehen zwischen den Zeitschriften, Schnapsflaschen und Zigarettenpackungen, man kann es nicht kaufen. Für das, was sein Kiosk mehr bietet, braucht Kavur seinen Kopf und keine Kasse. Aus Geld macht der 59-Jährige sich ohnehin nicht viel, seine Kunden hat er noch nie als Umsatzbringer gesehen, sondern als Menschen mit Problemen und Erfolgen. Levent Kavur weiß Bescheid über ihre Familien, er weiß, wie die Kinder in der Schule klarkommen, wer Arbeit hat und wer nicht. Er kennt alle Leute im Viertel – und alle kennen ihn.

Von früh bis spät steht er in seinem Büdchen. Morgens kommen die Rentner, um sich die neuesten Zeitschriften anzuschauen, mittags die Schüler, um Süßigkeiten für 50 Cent zu holen, abends die Studenten, um ein Bier für den Weg zur Party mitzunehmen. Doch für die meisten ist der Kiosk mehr geworden als eine Verkaufsstelle. Wer hierherkommt, will oft nicht nur einen Kaffee oder eine Flasche Wasser kaufen, sondern mit dem gebürtigen Türken über das Leben reden. Die einen brauchen Rat, weil sie Liebeskummer oder Streit mit den Eltern haben. Andere möchten über Religion und Politik diskutieren oder über einen Film, den sie gesehen haben. "Levent kann sich auf jedes Alter einstellen, er kann mit jedem reden und dich dabei noch bereichern", sagt Mustafa, ein junger Kurde, der jeden Tag im Kiosk vorbeischaut.

In seinem Schaufenster hat Levent Kavur ein großes Plakat aufgehängt, vor dem die Menschen immer wieder neugierig stehen bleiben. "Das kleine Ratespiel für Humboldt-Gremberg" steht darauf. Darunter sind drei Notenzeilen zu sehen und die Fragen "Wer war der Komponist?", "Wer hat den Text geschrieben?" und "Wie heißt dieses Werk?".

Dieses Bildungsquiz für die Leute im Viertel hat Kavur vor einiger Zeit erfunden. Alle paar Wochen hängt er ein solches Plakat in sein Schaufenster. Zu sehen sind darauf große Denker wie Denis Diderot, türkische Revolutionäre oder eine Skulptur von Michelangelo. Wer das Rätsel löst, erhält als Belohnung eine Getränkekiste seiner Wahl.

Levent Kavur ist mit der Zeit so etwas wie ein Bildungspate für die Jugend in seinem Stadtteil geworden. Er regt sie zum Denken an, zum Lesen und zum Zweifeln. Wie es dazu kam, weiß keiner mehr so genau. Es hat sich rumgesprochen, dass da jemand ist, zu dem man gehen kann, wenn es Probleme in der Schule gibt. Die Schüler kommen in sein Büdchen, weil sie wissen, dass Kavur sie unterstützt. Er hilft ihnen bei Referaten über Bach und Max Ernst und bei ihren Hausaufgaben, er gibt ihnen Gitarrenunterricht, leiht ihnen CDs mit klassischer Musik oder Bücher aus. "Aber ich missioniere nicht, ich gebe nur Denkanstöße", betont er. Kürzlich konnte er ein junges Mädchen für Mozart begeistern, so sehr, dass sie loszog, um sich eine CD zu kaufen. Ein schönes Kompliment für ihn.

Levent Kavurs Büdchen steht in Humboldt-Gremberg, einem rechtsrheinischen Stadtteil, auf der "schäl Sick", wie es die Kölner nennen, der "falschen Seite". Humboldt-Gremberg ist das, was Politiker und Medien häufig als sozialen Brennpunkt bezeichnen. Es gibt viele Alleinerziehende, viele Migranten, viele Arbeitslose. Doch für Kavur ist Humboldt-Gremberg der Ort, an dem er sein will, an dem er gebraucht wird. Er selbst wohnt nur 100 Meter von seinem Kiosk entfernt.

Er lehnt sich in seinem schweren Schreibtischstuhl zurück, zieht genüsslich an seiner Zigarette und lauscht auf die Klingel, die das Erscheinen eines neuen Kunden ankündigt. In dem kleinen Büro stapeln sich leere Getränkekisten, Plakate und Unterlagen. Durch die offene Tür kann er sehen, wer seinen Laden betritt.