Die Frage: Fred war ein scheuer, in seiner Wissenschaft aufgehender Assistent an einer großen Universität, als er sich in Susanne verliebte – seine begabteste Studentin, die schönste Frau im Seminar, und er konnte kaum glauben, dass sie an ihm interessiert sei. Zwölf Jahre später ist Fred Professor und Vater von zwei Kindern, die er sehr liebt. Er hat eine grausame Scheidung hinter sich und erklärt auch dem, der es nicht hören mag, Susanne sei eine dumme Pute und akademische Versagerin, die ihm auf der Tasche liege und ihm das bisher gemeinsam bewohnte Haus mit juristischen Tricks abgeluchst habe. Wenn er jetzt ein Wochenende mit den Kindern verbracht habe, verlange sie von ihm, diese nicht etwa zu Hause, sondern vor der örtlichen Polizeiwache zu übergeben. Soll er einen Anwalt einschalten?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Intelligenz ist leider kein Garant für eine gelungene Kränkungsverarbeitung. Im Gegenteil, wer gewohnt ist, dass er anderen geistig viel voraus hat, tut sich oft besonders schwer, mit den Grenzen seiner Einflussmöglichkeiten umzugehen und in Ehekrisen auf Augenhöhe zu verhandeln. Fred hat nicht begriffen, dass er in der Entwertung Susannes auch sich selbst entwertet und eine von unterdrückter Wut geprägte Situation schafft. Susannes Geste zeigt, dass auch bei ihr das Ende der Beziehung Aggressionen ausgelöst hat, die sie auf Fred projiziert. So macht sie ihn bedrohlicher, als er ist. Die Nähe der Gesetzeshüter ist Schutz und willkommene Demütigung. Fred sollte sich den Anwalt sparen. Dann wird sich vielleicht auch Susanne daran erinnern, wie fruchtlos Rachemanöver sind.