Martin Walsers Romanhelden haben oft einsilbige Nachnamen: Halm, List, Fink, Horn, Zürn, Dorn. Sind das noch Namen, oder sind es schon Befehle? Sie klingen wie: Los, Ab, Hopp, Hü, Schluss, Aus! Der einsilbige Name bei Walser lässt darauf schließen, dass sein Träger eine zuckende Marionette ist, ein Unmündiger im Bann höherer Mächte.

Waren in früheren Walser-Romanen oft (aufgestiegene) Kleinbürger die Protagonisten, gepeinigt von Schuldgefühlen gegenüber der verlassenen Heimat, gegängelt vom eigenen Über-Ich, so haben wir es im neuen Walser-Roman Die Inszenierung mit einem Einsilber namens Baum, im Ganzen: Augustus Baum, zu tun, der eigentlich ein freier Geist sein müsste. Denn Baum ist Künstler, Theaterregisseur, laut eigener Überzeugung einer der größten. Ein Mann, der wurde, was er werden wollte. Jedoch, Walser lässt uns schnell merken: Auch Baum befolgt nur Befehle. Der Mann wird von Furien getrieben. Ihn hetzen der Kunstwille und der Eros. Wobei sein erotischer Hunger, genau genommen, nur eine Unterfunktion seines Kunstwillens ist.

Was Baum in seine Inszenierungen fließen lässt, muss ihm vorher zugestoßen sein, er ist ein Ausbeuter seiner Mitwelt und der eigenen Biografie. Er ist ganz wie Trigorin, der Schriftsteller aus Anton Tschechows Tragikomödie Die Möwe: ein Mann, der alles, was er erlebt, in Kunst verwandelt, ja der überhaupt nur lebt, um ein Werk daraus zu machen. Letzten Endes ist auch Baums Liebesleben, ja selbst die Ehe, die er führt, ein offenes, nach Vollendung strebendes Kunstwerk.

Und nun hat dieser Mann, während er ausgerechnet Die Möwe inszenierte, einen Schlaganfall erlitten. Also wird ihm das Krankenzimmer zur Bühne, auf der die wesentlichen Figuren und Motive seines Lebens aufmarschieren. Sofort beginnt er mit der Nachtschwester eine Affäre, welche er aber, so hat es den Anschein, nur inszeniert, um sie seiner Frau offenbaren zu können. Baums Ehe ist ein endloses Spiel von Täuschung und Wahrhaftigkeit, Betrug und Beichte: Baum "begeht" Ehebruch, damit er "nackt" vor seiner Frau stehen kann: "Für eine Frau nicht mehr nackt sein ist überhaupt nicht mehr nackt sein. Und nicht mehr nackt sein ist ein Todesurteil."

Walsers Roman hat den Charakter eines selbstgewiss abschnurrenden Konversationsstücks, das hier eben nicht im Salon, sondern im Patientenzimmer stattfindet. Seine Figuren sind in ihren besten Momenten wahre Aphorismus-Zentrifugen, die mit Selbsterkenntnissen um sich ballern. "Die Wände knistern, wenn du eintrittst, und sie weinen, wenn du gehst." So spricht Augustus Baum, ein Stehgeiger der Liebespoesie, und die aktuelle Geliebte gibt ihm Gelegenheit, sich selbst mit Worten lüstern zu überschütten: Im Reden vermag er sich noch "nackt" zu fühlen, er entblößt sich dauernd symbolisch. Alles Leben sitzt in seinem Sprachzentrum.

Je älter Walser wird, desto mehr wird er zum Schauspieler seiner selbst

So ist es offenkundig auch bei Walser. Bisweilen nerven der Überschuss, der jauchzende Genuss an den eigenen Formulierungen, der Begriffsfindungsjubel in seinen Sätzen. Dagegen hilft beispielsweise: nach einer Stunde Walser zehn Minuten Georges Simenon lesen, jenen Mann, dessen Methode darin bestand, alle "schönen" Sätze aus seinem Manuskript zu streichen. Aber so, dass man noch spürt, dass sie da gestanden haben; eben so, dass der Leser die Illusion haben darf, die eigenen inneren Bilder seien ihm unabhängig von Simenon gekommen.

Diese großzügige Illusion lässt einem Walser nie: Zum stoischen Weglassen, zum Nichtaussprechen ist dieser Dichter der Nacktheit schlicht unfähig. Baum sagt, wenn in einer Ehe zwischen den beiden Eheleuten kein Bedürfnis mehr bestehe, einander im Bad mal kurz "anzulangen", dann sei diese Ehe tot, und Baums Stenograf, Chronist, Belauscher – Martin Walser – tut alles, damit in seinem Text unbedingte Nacktheit, Lebensnacktheit herrscht; seine Figuren stehen unter dem Zwang, einander, wenn auch nur rhetorisch, immer und überall "anzulangen".

Alle Stimmen, alle Figuren dieses Romans haben denselben Duktus, das triumphal Junggebliebene, wenn ihnen ein neues Wort einfällt für die alte Sache. Letztlich sind alle Dialoge camouflierte Teile eines großen Walser-Monologs. Der Mann, der da spricht, will auf zweierlei hinaus: Er beharrt im hohen Alter auf der Unschuld seines Handelns, und er feiert den eigenen Lebenshunger. Im Schauspieler erkennt der Schriftsteller einen Bruder in derselben Not: "Der Schauspieler ist der zutiefst Gehemmte, der sich danach sehnt, endlich aus sich herausgehen zu können. Von anderen unterscheidet er sich nur dadurch, dass er sich danach sehnt, aus sich herausgehen zu können. Und wenn nicht alle Menschen oder doch viele Menschen diese Hemmung hätten, die uns auf der Bühne aus uns herausgehen lässt, gäbe es kein Theater. Wir spielen nicht nur etwas vor. Wir zeigen, wie wir unsere Hemmungen überwinden. Der Zuschauer erlebt, wie wir gegen unsere Hemmungen kämpfen, und dadurch erlebt er sich selbst."

Das gilt auch für ihn, Walser, und seinen theaterhaften Roman. Der Autor erlebt sich im Moment der überwundenen Hemmung, und er gefällt sich dabei. Je älter Walser wird, desto mehr wird er zum Schauspieler seiner selbst, desto mehr gefällt er sich als der Held seiner Literatur.

Wir sehen ihm staunend zu, einem jungen Mann, der unentwegt das Projekt verfolgt, schreibend (liebend) in die Freiheit zu entkommen. Walser bannt sein Publikum. Hierin unterscheidet er sich dann doch von seinem Protagonisten Augustus Baum, den die eigene Ehefrau erbittert zurechtweist: "Mach aus deinem Alleinsein keinen solchen Zirkus. Du bist dein einziger Zuschauer."