9.2. [1973] [...]

Einer der vermeintlichen Grunde, warum ich nicht (oder nie lange) in Zürich wohne: weil dort zuviele mich kennen auf der Strasse, in einer Wirtschaft. Kaum eingetroffen in Berlin (Hotel Steinplatz), spricht ein Leser mich an, Beton-Ingenieur, der eben das frühe Tagebuch gelesen hat, alles übrige schon kannte; am andern Tag in der Bank für Handel und Industrie warte ich auf eine Telex-Antwort, aber zuvor kommt ein Herr, entschuldigt sich, dass man mich nicht sofort erkannt habe; kein Telex nötig. Danach ein junger Schlosser; als ich ihm den Namen anzugeben habe, fragt er: Sind Sie denn der Schriftsteller? Zum Lesen komme er ja nicht, sagt er, vielleicht später einmal. Dasselbe in einem Lampengeschäft, wobei [ich] immer den Namen umgekehrt angebe: Frisch, Max; erst als er das notiert hat, stutzt er: Der Verfasser von Gantenbein? Und in einem Antiquitäten-Laden setzt sich der Mann, ruft seine Frau, um ihr zu sagen: Das ist Max Frisch. Woher er den Namen denn kenne? Hören Sie mal, sagt er, wir lesen Sie. Der Mann kann sich kaum erholen, bedankt sich für meine leibhaftige Gegenwart in seinem überfüllten Laden. Ein Tapezierer fragt: Kommt wieder ein Stück von Ihnen? [...] Es freut mich zu sehen, wohin die Bücher gehen.

14.2. [...]

Kampf gegen den Alkohol, keine Woche ohne Niederlagen diesbezüglich. Der ärztliche Leberbefund (Januar) ist tadellos; kein Arzt findet heraus, warum mir die Aasgeier auf der Schulter sitzen. Jeder Arzt, ob in Zürich oder in New York, zeigt mein Elektrokardiogramm mit wahrem Entzücken. Betreffend Alkohol: ich besitze nicht einmal mehr den Willen, ehrlich zu sein, nicht einmal mir selbst gegenüber.

17.2. [...]

Ich habe schon öfter geträumt, dass der JAGUAR (Anschaffungspreis: 31.000 Franken) gestohlen worden ist, noch nie geträumt, dass etwa die Schreibmaschine gestohlen worden ist. Dabei wäre ich ohne Schreibmaschine in einer wirklichen Verlegenheit.

[...]

Die Rechnung andersherum. Eine Frau von 38 hat noch die volle Möglichkeit mit einem zweiten Partner. Das wäre in vier Jahren. Keine Ahnung, ob M[arianne] auch diese Rechnung anstellt; sie auch nur ein einziges Mal auszusprechen wäre lächerlich. Dabei liegt sie zwischen uns auf dem Küchentisch, während wir geniessen.

17.4.

Treffen mit Christa Wolf und Gerhard Wolf im Opern-Café, Ost-Berlin, fünf Jahre nach der Begegnung auf der Wolga. Ihre neue Art, offen zu reden, ohne Zweifel loyal gegenüber dem System, kritisch-offen, ohne dass der Besucher dazu nötigt; aber bald ist die DDR natürlich doch das Thema. Nicht aufdringlich, nur ebenso offen ist ihre Überzeugung, dass die Leute hier humaner sind, Menschen. Dies ohne Polemik gegen den Westen. Unser Gespräch, auch bei Sympathie, bleibt sorgsam, nicht ohne Scherz. Beiläufig erfahre ich immer irgendetwas, ohne gefragt zu haben, z. B. die hohe Selbstmordziffer in der DDR, offiziell nicht bekannt gegeben. Gespräch über Peter Huchel, über Uwe Johnson, dessen Werk sie kennen und verehren. Für mich noch immer merkwürdig: die Kenntnis verbotener Bücher, die Bewunderung für das eine und andere, "was hier nicht möglich ist", ohne Entrüstung über die Zensur. Ihr Buch NACHDENKEN ÜBER CHRISTA T., das hier veröffentlicht worden ist, aber den Oberen missfallen hat: nicht übersetzt ins Tschechische, ins Ungarische, ins Polnische, weil die dortigen Verlage, die es haben wollten, nicht gegen den diplomatischen Wunsch der DDR drucken; die Folge davon: das Buch der DDR-Autorin erscheint nicht im Osten, aber vielenorts im Westen, was gegen das Buch spricht. Frau Wolf beklagt sich nicht; sie bedauert. Ich erfahre über ihre neue Arbeit. Schwer zu wissen für den Autor, wie weit er gehen darf, wie weit heute, wie weit morgen. Das gibt ihnen nichts Kriecherisches, aber etwas Besonnenes, eine Haltung, die man aus pfiffigen Vorworten aus der Feudalzeit kennt. Denken und Veröffentlichen sind zweierlei; das schärft vielleicht das Denken. Und immer die Charakter-Frage. Sie verachten die feilen Anpasser, ohne sie geradezu anzuprangern; gerade die können gefährlich werden. Christa Wolf träumt von London, aber keinesfalls möchte sie die DDR verlassen, die Gesellschaft, die auf dem richtigen Weg ist. Hic Rhodos. Schade nur, dass es hier keine Kneipen gibt, dann geht es immer in ein Hotel-Restaurant mit Pseudo-Eleganz, mit Kantine-Bedienung, mit massigen Gala-Speisen; niemand fühlt sich hier in seinem Land. [...]

12.5.

Er will nicht verblüffen, und es verblüfft mich nicht, dass sein natürlicher Charme (kann Charme anders als natürlich sein, auch wenn er taktisch verwendet wurde) mich von Mal zu Mal betört; zumindest habe ich in seiner Geselligkeit keinerlei Bedürfnis, H. M. Enzensberger zu stellen, H. M. Enzensberger auf seine politische Verbindlichkeit zu testen. Kommt es im heiteren Gespräch doch dazu, so weicht er keineswegs aus, aber er wird auch nicht aggressiv, wenn ich mich lustig mache über seinen berühmten Brief aus der W[esleyan].-University [1968 gegen die US-Außenpolitik – Anm. d. Red.], sogar sage, wie wir uns damals über H. M. Enzensberger geärgert haben. Völlig krampflos, weder rechtfertigt er seine Aktion damals noch gibt er klein bei. Wie sonst bringt es ein Schriftsteller auf die erste Seite der NEW YORK TIMES? Sagt er und lacht über sich. Leicht könnte er mich durch sein grösseres Wissen überrennen, tut es nicht. Wir sahen uns zuletzt 1968 bei der schwierigen Sitzung in Frankfurt [im Suhrkamp Verlag, Anm. d. Red.]: Sozialisierung des Verlags, wofür er sich eingesetzt hat, ein Revolutionär der Praxis. Unrealistisch bezeichnet er heute seine Forderungen damals. Ohne Reue. H. M. Enzensberger ist weiter. Er spricht von Phasen, und ich sehe, sie haben ihm nichts angetan; keine Narben. Wie kaum einer in der Gegend geht er auf Ironie jeden Grades ein, lacht sofort und unbeflissen, man hat seine Freude an einander. Sein Verhältnis zu dem öffentlichen H. M. Enzensberger: kein Zerwürfnis, nur nimmt er’s nicht bierernst. So scheint es. Ein Zyniker? Er gedenkt Spielzeuge zu machen in nächster Zeit. Kein Eifrer, aber Radikalismen machen ihm Spass, und wenn man ihn eine Nacht lang sieht (bis M. sagt: Draussen wird es hell!), so gönnt man ihm den Spass wie den Vögeln das frühe Zwitschern. [...] Der Autor als Agent der Massen? Ein fröhlicher Intellekt. Von Phase zu Phase. Er bleibt an seinen Irrtümern nicht kleben, sie lassen ihn frei. Ein angenehmer Mensch, der sich selber nichts nachträgt.