Berlin, Hotel Adlon. Ich treffe auf Michail Borissowitsch Chodorkowski, den Mann, der mich seit acht Jahren politisch beschäftigt. Mein letzter Versuch, ihn zu treffen, liegt mehr als ein Jahr zurück. Seine Eltern hatten ihr Besuchsrecht auf mich übertragen. Nach monatelangem Hin und Her mit der Lagerleitung machte ich mich einfach auf den Weg, hoch ins ferne Segescha an der finnischen Grenze. Ich kam nur zu den Toren des Lagers. Als ich auf das gesetzlich verbriefte Besuchsrecht pochte, erklärte mir der Lagerleiter, er habe nun das Recht, über dieses Ansinnen zwei Wochen lang nachzudenken. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzureisen.

Nun stehe ich in seinem Hotelzimmer und spüre keine Fremdheit, obwohl ich noch nie auch nur ein Wort mit ihm gesprochen habe.

Häufig habe ich ihn im Gericht in Moskau gesehen, als Chodorkowski und sein Kollege Platon Lebedew in Handschellen hereingeführt wurden. Ich saß auf dem Bänkchen neben Chodorkowskis traurigem altem Vater und seiner energischen Mutter Marina Filipowna, um mich herum Getreue aus dem Management von Chodorkowskis früherem Konzern Yukos, sofern sie noch frei waren. Dazu Richter Viktor Danilkin – immerzu aus dem Fenster starrend. Es war nicht dieser kleine Amtsrichter, der etwas zu entscheiden hatte. Das Verfahren war eine Provokation, man hätte schreien mögen: Hört auf mit der Farce!

Doch einer ließ sich nicht provozieren: Michail Chodorkowski. Fast mitleidig intervenierte er hier und da im Verfahren. Am Ende wünschte er dem Richter Mut und wusste doch, dass der keine Macht hatte.

Wie Milliardäre sahen die beiden Männer nicht aus. Platon Lebedew in Trainingshose, Chodorkowski in Lederjacke und T-Shirt. Saßen da zwei Gauner, die den Goldrausch der 1990er Jahre skrupellos ausgenutzt hatten, um ein Imperium aufzubauen? Deren Reichtum immer märchenhaftere Formen annahm, Privatjet und Zugang zum innersten Kreis der Macht inklusive? Hatten diese Männer den Staat um Steuern geprellt und, wie im zweiten Prozess behauptet, die eigene Firma um Öl betrogen? Außerdem: Gab es nicht bedürftigere Menschen in Russlands Lagern als gerade jene beiden, die sich gute Anwälte leisten konnten?

Es war Juri Markowitsch Schmidt, ein unbeugsamer Menschenrechtsanwalt, der mich in den Fall Chodorkowski hineingezogen hat. Der feine, alte Herr hatte die Verteidigung übernommen. Sein Urteil war klar. Die Aktenlage belege, dass Yukos unter Chodorkowski nach damaliger Rechtslage keine Gesetze verletzt habe. Wenn Russland ein Rechtsstaat sei, müsste Chodorkowski freigesprochen werden.

Die Jahre lehrten uns, dass Putin das anders sah.

Das erste Urteil: neun Jahre, später auf acht gekürzt. Dann: Vorbereitung eines zweiten Prozesses in Tschita, nahe an der Grenze zu China. Wenn die Anwälte zu dem Häftling fliegen wollten, hatten Flugzeuge technische Schäden, Flüge wurden gecancelt. Wenn es ihnen gelungen war, nach Tschita zu kommen, waren Prozesstermine kurzfristig abgesagt worden.

Juri Schmidt, Sohn einer deutschstämmigen Akademikerin aus der Intelligenzija und eines Vaters, der 26 Jahre im Gulag überlebt hatte, wurde zum Kopf und zur Seele der Verteidigung. Er war ein glühender Verteidiger des Rechts – voller Hoffnung, als das Sowjetsystem zusammenbrach und der Rechtsstaat sich zu formieren schien. Viele setzten sich für Chodorkowski ein und überzeugten mich, richtig zu handeln: So auch Arseni Roginski, Historiker vom Zentrum "Memorial" und Anfang der 1980er Jahre selbst noch im Lager inhaftiert. Er wurde zu meinem zweiten Begleiter und zu einem väterlichen Berater von Chodorkowski. Arseni war nicht kritiklos gegenüber den Goldgräbern im Durcheinander der Jelzin-Zeit. Aber er hat früh verstanden, dass es Michail Chodorkowski schon damals nicht mehr um noch mehr Reichtum ging. Er sah, dass dieser begabte junge Mann zu verstehen begann, dass ein korruptes Russland, in dem wenige sich den Reichtum aufteilten, in den Ruin getrieben würde.

Existenzielle Not bringt Menschen enger zusammen als unbekümmerter Alltag. Ich litt mit Juri Schmidt, als der Krebs ihn immer stärker zu zeichnen begann und er dennoch weiter gegen Putins Unrechtsjustiz kämpfte. Seine Gestalt immer schmaler, seine Wut immer dringlicher, so nahm Juri Schmidt die Tiefschläge von vergeblichen Berufungen und Revisionen hin. Er kämpfte um jeden Tag seines Lebens – ich wusste, er wollte Michail Chodorkowski wenigstens einen Tag in Freiheit erleben.