Däumelinchen ist eine Märchenfigur. Es ist aber auch der Name, den der französische Philosoph Michel Serres in seinem neuen Buch den Menschen gibt, die sonst gerne als Digital Natives bezeichnet werden – weil sie ihre Daumen benutzen, um auf den neuen Geräten herumzutippen. Auf Französisch heißt das Sachbuch denn auch La Petite Poucette, während der deutsche Titel Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation schon zum ersten Missverständnis beiträgt. Der 83-jährige Serres richtet sich nämlich nicht an besagte Generation, stattdessen beschreibt er sie, er lobt und preist sie geradezu. Der Adressat des Buches bleibt ungeklärt.

Der Grund für den teils überschwänglichen Optimismus von Serres ist natürlich das Internet. Ausgerechnet dieser Großintellektuelle, der immer schon auf Papier publiziert, stimmt nun eine Hymne auf das Netz an. Däumelinchen, das Serres mit dem heiligen, sein abgeschlagenes Haupt tragenden Dionysius vergleicht, trägt seinen Kopf nicht mehr auf seinen Schultern, da all sein Wissen sich in dem Laptop befindet, den es vor sich hat. An die Stelle des Wissens kann nun die "helle Erfindungsfreude" treten, so Serres. Der Wandel, den er antizipiert, ist durchaus wünschenswert: das Verschwinden von ideologischen Zugehörigkeiten, die Demokratisierung des Wissens, ein interdisziplinäres Universitätssystem, der Triumph der Neuen Medien über die Gesellschaft des Spektakels und mehr direkte Partizipation der Bevölkerung. Aber nicht nur ist es längst ideologisch, das Internet als die Lösung aller Probleme zu sehen (streckenweise erinnert das Buch an Cyberutopien der frühen neunziger Jahre), es ist geradezu hinderlich.

Serres beschreibt ein "Hintergrundrauschen", ein "Durcheinander privater und öffentlicher, realer oder virtueller Rufe und Stimmen". Letztendlich ist es das Chaos, dem er die Macht zur Veränderung zuspricht. So präzise Serres’ Analyse der gegenwärtigen und vergangenen Missstände ist, so vage drückt er sich aus, wenn er von den heilsbringenden Technologien spricht. "Die Suchmaschine kann, zuweilen, die Abstraktion ersetzen", und Däumelinchen besucht "eine kluge Seite im Internet". Dadurch vermeidet Serres, allzu genau hinzusehen. Wenn besagte Suchmaschine nämlich Google ist, so dürfte ja kein Zweifel daran bestehen, dass Däumelinchens Wissen von einer großen Firma geordnet, priorisiert und zensiert wird und dass somit die "kluge Seite" nicht zufällig aus dem Chaos der "Stimmen" erschienen ist.

Als das Buch 2012 in Frankreich erschien, wusste die Welt noch nichts von Prism. "Codierung reicht aus, um die Anonymität zu wahren und zugleich freien Zugang zu gewähren." Solche Sätze, die heute naiv anmuten, sind daher verzeihlich. Data-Mining, die unsägliche "Quantified Self"-Bewegung und die Übernahme des Internets durch Giganten wie Google, Facebook und Apple gab es allerdings damals schon. Serres stimmt ein Lob des Codes an und vergisst dabei, wie wenige der "kleinen Däumlinge" ihn tatsächlich beherrschen. Er preist die Interaktion und bezeichnet uns alle als "Fahrzeuglenker". Dass dies aber eine Illusion ist, solange der Nutzer an der Oberfläche bleibt, darauf geht er nicht ein.

Ein bisschen gleicht Serres’ Sprache solch einer Oberfläche: Sie ist elegant, bildhaft, unterhaltsam und bisweilen sogar verführerisch. Seine Intentionen sind mit Sicherheit die besten, aber den Schattenseiten des Internets kommt man nicht bei, indem man Märchen erzählt.