Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume? Ich habe einen Baum, zu Weihnachten zwei. Im Jahr 2000 waren es drei, in meiner Kindheit viele, denn ich stamme vom Wald. Mein Baum hütet mein Fenster. Eichhorn und Ringeltaube schauen mir aufs Schreibpapier, was mich zu einer gewissen Politikferne befähigt. Ein altes Foto zeigt mein Haus vor hundert Jahren. Da war mein Baum schon fast so groß wie jetzt.

Alljährlich im Herbst bricht in meinem Viertel Terror aus. Überall kreischen Motorsägen. Grünamtliche Gewalttäter zerfletschen Bäume, lebendigen Leibs. Das heißt Baumsanierung oder genehmigte Fällung, doch ich spüre Vernichtungslust. Mein Baum sollte vor vier Jahren fallen. In letzter Stunde erstellte ein Naturgelehrter ein resistografisches Gutachten. Das ist eine Art Baum-EKG – teuer, aber jeden Euro wert. Mein Baum durfte weiterleben.

Ja, auch ich zähle zu den Barbaren, die behufs christfestlicher Gemütlichkeit ein jung gemordetes Nordmanntännchen schmücken. Dafür bleibt es bis zum Februar bei mir, und ich bleibe bei ihm. Dann endet es doch wie Hans Christian Andersens Märchen Der Tannenbaum : "Die Jungen spielten im Hof, und der Kleinste hatte den goldenen Stern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte. Nun war der vorbei und die Geschichte auch! Vorbei, vorbei, und so geht es mit allen Geschichten!"

Traurig ist das Schicksal der unverkauften, sinnlos abgeholzten Weihnachtsbäume. Solch ein Unglücklicher begegnete mir Anfang Januar 2000 auf dem Heimweg von der Schänke. Ich nahm ihn mit. Meine Frau öffnete uns die Tür und erstarrte. Sich fassend, rief sie: Das ist nicht lustig! Mein Söhnchen jubelte. Ich verstand sie beide.