ZEITmagazin: Herr Popow, Sie sagten einmal, dass Sie es nicht mögen, wenn das Publikum über Sie lacht. Stimmt das?

Oleg Popow: Ich mag es, wenn Menschen lachen, und es ist mir auch recht, wenn sie über mich lachen. Mit Maske und Kostüm werde ich ein anderer Mensch, und ich mache Dinge, die ich ungeschminkt nicht fertigbringen würde. Ein Clown darf nicht böse sein, das würde das Publikum sofort spüren. Ich versuche, gut zu sein, aber man geht das ganze Leben über Dornen, bis man zur Blume kommt. Ich bin noch auf dem Weg. Erst wenn die Blumen auf meinem Grab liegen, bin ich angekommen.

ZEITmagazin: Mit vierzehn Jahren gingen Sie 1944 auf die Schule des Staatszirkus in Moskau. Ihre Kindheit davor war von Armut und Verlusten geprägt.

Popow: Mein Vater war 1937 verhaftet worden und gestorben. Meine Großmutter hat mir später erzählt, dass er in einer Fabrik an einer Uhr für Stalin gearbeitet habe, und weil der überhaupt nicht zufrieden damit gewesen sei, seien alle Beteiligten verhaftet worden und nie mehr aufgetaucht. Aber ich glaube das nicht. Mein Vater hat sehr gern Witze gemacht und oft einen über den Durst getrunken, und ich denke, dass er deswegen eine sehr lose Zunge hatte und verhaftet wurde, weil er etwas Falsches gesagt hatte.

ZEITmagazin: Es heißt oft, dass Clowns eine tiefe Traurigkeit in sich tragen.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Popow: Wir Artisten können nicht immer fröhlich sein. Aber wir dürfen unsere Traurigkeit nicht zeigen, weil das Publikum kommt, um sich zu freuen. Als meine Mutter gestorben ist, hat mir ein nicht sehr intelligenter Mensch die Nachricht ausgerechnet in der Pause überbracht. Ich musste die Vorstellung zu Ende bringen, und mir sind die Tränen runtergerollt.

"Ich liebe meinen Beruf über alles"

ZEITmagazin: Als Ihre erste Frau Alexandra 1990 in Moskau starb, mussten Sie beim Zirkus bleiben, der gerade in Hamburg gastierte, damit die Aufführungen nicht platzten. Wie hielten Sie das aus?

Popow: Ich bin zum Zirkusdirektor gegangen und habe gesagt, dass ich zur Beerdigung fahren möchte. Er meinte: "Wie stellst du dir das vor? Es ist Wochenende, und wir sind ausverkauft." Ich habe mich für das Publikum entschieden, aber die ganze Zeit an das russische Lied Lache, Bajazzo, auch wenn du innerlich traurig bist gedacht. Es war eine furchtbare Situation für mich, und nur ein Gedanke hat mich gerettet: Meine Frau war sehr schön, und meine Tochter hat mir erzählt, dass sie sich in ihren letzten Tagen furchtbar verändert hatte. Wenn ich sie auf dem Totenbett gesehen hätte, wäre dieses Bild mir ewig in der Seele geblieben. So bleibt sie mir als wunderschöne Frau in Erinnerung.

ZEITmagazin: Ihre heutige Frau Gabriela, eine Deutsche, ist Ihnen bei einer Vorstellung in den Niederlanden im Publikum aufgefallen. Weshalb?

Popow: Als ich in die Manege kam, stand da eine junge Frau ohne Sitzplatz, und ich habe meinem Assistenten gesagt, dass er ihr einen Stuhl aus meiner Garderobe holen solle. Später kam sie dann, hat sich bedankt und mich um ein Autogramm gebeten, das ich ihr im Tausch für ihre Telefonnummer gegeben habe. In der nächsten Stadt habe ich sie angerufen und noch mal in den Zirkus eingeladen. Es gab damals die schwierige Situation, dass der Impresario mit den Gagen abgehauen war. Ich musste einen Monat überbrücken, und Moskau war weit weg. Da habe ich Gabi um ihre Gastfreundschaft gebeten, und sie hat mich nach Franken gebracht.

ZEITmagazin: Sie sprechen bis heute kein Deutsch. Wie haben Sie sich verständigt?

Popow: Es gibt dieses gelbe Buch, Langenscheidts Wörterbuch. Da blättert man und sucht das Wort, das man gerade sagen will, und zeigt es dem Partner. Man kann sich sogar streiten auf diese Weise. Es ist mir schon peinlich, dass ich nach zwanzig Jahren immer noch der deutschen Sprache nicht mächtig bin. Aber Gabriela hat sehr schnell Russisch gelernt. Auch die Schimpfwörter, bei den Kosakenreitern des Zirkus.

ZEITmagazin: Aus Ihrer Frau wurde eine Artistin, Sie treten gemeinsam auf.

Popow: Sie hat damals in einer Apotheke gearbeitet und dort mit den Fläschchen und Medikamentenpackungen jonglieren gelernt. Sie hat mich zu neuen Nummern inspiriert und mir wieder Schwung gegeben. Ich liebe meinen Beruf über alles, aber mittlerweile kann ich es mir auch leisten, nur dann zu arbeiten, wenn ich Lust habe. Mein Schlafzimmer liegt so, dass mir die Sonne morgens ins Bett scheint, und wenn sie nicht rauskommt, bleibe ich einfach liegen. Die Sonne ist das Leben – und ein Lächeln ist wie das Licht der Sonne. Solange der Mensch noch etwas lieben kann, hat er wache Augen.