Vielleicht sollte man nun zu Jahresbeginn das politische Geschehen abdrehen so wie das Fernsehgerät an einem öden ORF-Abend. Man erspart sich dadurch fünf bleierne Jahre, eine Zeit, in welcher die Paralyse sämtlicher systemrelevanter Organe der Republik in den Todeskampf der ausgemergelten Regierungskoalition von Sozialdemokraten und Volkspartei mündet. Rot-Schwarz wird allerdings nicht sanft entschlafen. Die Koalition wird, bevor sie stirbt, viele Scheintode erleiden. Sie wird auch noch ein, zwei Regierungsumbildungen überleben, ehe der Wähler ein Einsehen hat. Wenn man dann wieder die Schwurbelmaschine der österreichischen Politik anwirft, brechen jedoch aufregende Zeiten an. Nach diesem politischen Erdrutsch vom Herbst 2018 könnte nur noch ein fragiles Vierparteienbündnis gegen die freiheitlichen Wahlsieger regieren. Die Bundespräsidentin wird dann, ob sie will oder nicht, schweren Herzens den Chef der übel beleumundeten Partei mit der Regierungsbildung beauftragen müssen.

Der Mann grinst breit, als er sich in der Hofburg das entsprechende Mandat abholt. Er hat nun alle Zeit der Welt. "Nach Weihnachten sehen wir weiter", verkündet er. Eine Zeit lang lassen die Freiheitlichen nun erst einmal das ganze Land zappeln. Alle Sondierungsgespräche verlaufen im Sand. Die Bundespräsidentin unternimmt den verzweifelten Versuch, die übrigen vier Parteien doch noch unter ein gemeinsames Regierungsdach zu zwingen. Allein alle beharren darauf, möglichst wenige Zugeständnisse zu machen. Das ganze Unterfangen ist zum Scheitern verurteilt. Während die Sozialdemokraten letztlich doch damit zufrieden wären, hauptsächlich den Kanzler zu stellen, und die Grünen allem zustimmen, nur um endlich mitregieren zu dürfen, stellt vor allem die Volkspartei Bedingungen, die in keiner Relation zu ihrem Wähleranteil stehen. Nun, da ihr die bürgerliche Konkurrenz der Neos gefährlich nahe gerückt ist, versucht die heillos zerstrittene Partei, auf diesem Weg die schwarze Schmach zu lindern.

Tatsächlich stellt sich viele Wochen lang nur eine Frage: Welche der bisherigen Regierungsparteien wird es billiger geben, um wenigstens noch einen Zipfel von Verfügungsmacht über die öffentlichen Ressourcen in der Hand zu behalten? Werden sich die Interessen der streikerprobten Beamtenschaft oder jene der hartgesottenen Gewerkschaftsvertreter von Post und Bahn durchsetzen können?

Vorläufig sind jedoch sowohl Sozialdemokraten wie Volkspartei nicht handlungsfähig. Bei beiden tobt ein Streit um die Parteiführung. Bei den Genossen kristallisiert sich relativ rasch heraus, dass eine Seilschaft von Industriegewerkschaftern die Oberhand gewinnen wird.

Weit turbulenter verläuft die Suche nach einer Führungskraft bei der Volkspartei. Die einstige Nachwuchshoffnung, der frühere junge Außenminister, hatte sich gemäß seiner Ankündigungen schon vor Jahren von der Politik verabschiedet, weil er des ewigen Gezänkes überdrüssig geworden war. Er hatte fertig studiert und begonnen, in der Kanzlei eines führenden Wirtschaftsanwaltes zu arbeiten. Zunächst beansprucht nun der Beamtenbund, der als logische Konsequenz der parteiinternen Entwicklung aus dem Arbeiter- und Angestelltenbund hervorgegangen war, diesen Posten. Davon wollen natürlich Bauern und Wirtschaftsvertreter nichts wissen. Tiroler streiten mit Niederösterreichern um die Vormacht, Steirer überlegen, eine eigene Organisation zu gründen, mehrmals steht die Partei vor der Spaltung. Schließlich einigen sich die schwarzen Alphamänner auf einem Versöhnungsparteitag auf eine Verlegenheitslösung und übertragen einer zuverlässigen Parteisoldatin das Kommando. Sie, die in früheren Jahren bereits im Innen- und Finanzministerium die Kohlen aus dem Feuer geholt hatte, verkündet nun, der einzige Mann in der Partei zu sein.

An dieser eisernen Lady beißen sich allerdings auch die Freiheitlichen schon bei den ersten Koalitionsverhandlungen die Zähne aus. Auch die stahlblauen Arieraugen des Parteichefs können die schlagfertige Parteichefin nicht beeindrucken, vielmehr kanzelt sie ihn vor seinem Kameraden von den Burschenschaften wie einen vorlauten Pfeifendeckel ab. Es kommt zu Schreiduellen, man beschließt eine Abkühlungsphase.

Da nutzen einige steirische Gewerkschafter die Gunst der Stunde. Sie überrumpeln ihre Wiener Genossen mit einem Geheimabkommen, in dem sie mit den Freiheitlichen eine Regierungskoalition verabredet haben. Nun wachse wieder zusammen, was zusammengehört, sagen beide, als sie den blau-roten Pakt präsentieren. Allerdings stellt der freiheitliche Parteichef plötzlich noch eine überraschende Bedingung: Auch der Wiener Bürgermeister, der so lange wie kein anderes europäisches Stadtoberhaupt regiert, müsse das Abkommen unterschreiben. Zu dieser Unterwerfungsgeste vor seinem langjährigen Rivalen ist das rote Urgestein jedoch nicht bereit. Der Pakt platzt in letzter Minute. Nun sind Neuwahlen kurz nach Ostern 2019 unvermeidlich geworden. Erste Meinungsumfragen verheißen den Freiheitlichen, sie würden an der Grenze zur absoluten Mehrheit kratzen. Im ganzen Land werden Koffer gepackt.