Das wohl berühmteste Foto des Jahres: Der Kanzlerkandidat zeigt den Stinkefinger

1 Als die Kanzlerin ihrem General das Deutschlandfähnchen abnahm

Auf diesen Sonntagabend haben alle in Berlin gewartet. Es ist der 22. September, fast 22 Uhr, die Bundestagswahl ist entschieden, im Adenauer-Haus feiert die CDU sich und ihre Kanzlerin. Aus den Lautsprechern schallt Tage wie diese von den Toten Hosen, im brechend vollen Saal tanzen junge Helfer in CDU-Orange und mit Deutschlandfahnen, auf der Bühne steht CDU-Prominenz. Die meisten wippen eher unbeholfen zur Musik, auch die Kanzlerin ist nicht wirklich locker, nur Fraktionschef Volker Kauder schnappt sich ein Mikrofon und grölt mit. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe lässt sich von unten eine der Deutschlandfahnen auf die Bühne reichen, er will eigentlich nur nett sein zu den vielen Helfern, die für die CDU gekämpft haben. Aber das gefällt der Kanzlerin nicht, Angela Merkel eilt zu ihm und nimmt Gröhe die Fahne aus der Hand. Er ist verdutzt, es ist eine harte, unfreundliche Geste in einer ausgelassenen Situation. Warum ist Angela Merkel so streng? Hat sie Angst, die falschen Bilder zu produzieren? Momentaufnahmen eines Landes, das sich selbst besser gefällt als früher? Gröhe hat die Szene nicht geschadet. Er ist mittlerweile Gesundheitsminister. Elisabeth Niejahr

2 Als den Grünen das vegetarische Essen nicht bekam

Als die Grünen am 27. April ihr Wahlprogramm beschließen, ist die Welt noch in Ordnung. Man hat sich ein bisschen über die Steuerpolitik in die Haare gekriegt, aber dass die Grünen bei der Wahl im Herbst das beste Ergebnis aller Zeiten feiern werden, gilt als sicher. Nicht nur Grüne erwarten das, auch die meisten Umfragen. Dass im Wahlprogramm ein Sprengsatz schlummert, der die Träume zunichtemachen wird, weiß noch niemand. Es dauert ein paar Wochen, bis Bild die Schlagzeile bringt: Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten! Das ist der Wendepunkt. Von nun an muss sich die Partei, die gerne die großen, die alles entscheidenden Zukunftsfragen stellt, gegen den Vorwurf verteidigen, sie wolle den Deutschen per Dekret das Fleischessen abgewöhnen. Der Vorschlag, in deutschen Kantinen ein Mal pro Woche auf Fleisch zu verzichten, gilt als Einstieg in die Öko-Zwangsrepublik Deutschland.

Lange will die Parteiführung nicht wahrhaben, wie sehr das Thema zündet. Doch der grüne Trend ist gebrochen, die Partei gerät in die Defensive. Dann zünden noch ein paar andere Sprengsätze, die Steuerdebatte, die Pädophiliedebatte, die Wie-links-sind-die-Grünen-Debatte. Doch am Anfang der Abwärtsspirale, die in einen für die Grünen enttäuschenden Wahlabend 2013 mündet, steht der Veggie-Day. Er hat grüne Geschichte geschrieben. Matthias Geis

3 Als Rainer Brüderle den Tiefpunkt markierte

16. September, 13.40 Uhr: In der FDP-Zentrale in Berlin stellen Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle das Motto für die letzten Tage des Bundestagswahlkampfs vor. Neben ihnen prangt auf einer Plakatwand das Porträtfoto eines lächelnden Brüderle. Dazu der Slogan: "Jetzt geht’s ums Ganze. Zweitstimme FDP". Am Vortag sind die Liberalen aus dem bayerischen Landtag geflogen. Die FDP steckt im Überlebenskampf.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Die Journalisten stellen Fragen. Einer will vom Spitzenkandidaten wissen, warum man FDP wählen solle. "Wer Merkel haben will, wählt FDP", antwortet Brüderle. Rösler steht wenige Meter von Brüderle entfernt – und versteinert in diesem Moment. Weil er weiß, was diese Aussage für ihn bedeutet: Wenige Jahre zuvor hatte Rösler auf einem Parteitag die Zweitstimmenkampagne der FDP zur Bundestagswahl 1994 als "beschämend" bezeichnet. Diese Situation, ein Tiefpunkt in der FDP-Geschichte, solle sich "nie mehr wiederholen". Bloß: Jetzt wiederholt sie sich. Es ist der Augenblick, in dem die FDP ihre Würde verliert. Sechs Tage später fliegen die Liberalen auch aus dem Bundestag. Peter Dausend