DIE ZEIT: Herr Kucholl, Herr Veillon, was ist das eigentlich, die Schweiz?

Vincent Veillon: (räuspert sich und verstellt die Stimme) Das ist ein kleines Land …

Vincent Kucholl: … mit acht Millionen Einwohnern, fünf Nachbarländern, die längste Grenze zu Italien …

Veillon: … 41.290 Quadratkilometer groß, was etwa 6.000.000 Fußballfeldern entspricht …

ZEIT: … okay, okay, ich habe verstanden. Sie haben Ihren Text gelernt.

Veillon: Nach 62 Aufführungen sollte man ihn auswendig können.

ZEIT: Also, ich frage anders. Sie beide haben eine tägliche Radioshow auf Couleur 3, wo Sie in einem fiktiven Experteninterview aktuelle Themen diskutieren, und seit einem halben Jahr touren Sie mit ihrem Bühnenprogramm 120 secondes présente la Suisse durchs Land. Was fasziniert Sie an der Schweiz?

Kucholl: Die Unterschiede. Ein Urner Bergbauer hat dieselbe Nationalität wie ein Genfer Bankier, obschon er weder dieselbe Sprache spricht noch denselben Glauben hat oder denselben kulturellen Hintergrund.

Veillon: Ist der Urner nicht auch ein Protestant wie der Genfer?

Kucholl: Nein, ich glaube nicht. Aber nehmen wir einen Luzerner Bauern aus dem Entlebuch, dann sind wir auf der sicheren Seite.

Veillon: Unglaublich ist, dass man all dies auf einem so kleinen Raum findet. Wir haben anfangs Dezember in Winterthur gespielt. Nach zweieinhalb Stunden Zugfahrt ist man zwar noch immer in der Schweiz, aber fühlt sich eigentlich im Ausland.

Kucholl: Bereits Sitten oder Siders oder Genf sind ganz anders als Lausanne, wo wir beide wohnen. Die Schweiz ist hyper riche an Kultur.

ZEIT: Was eint denn dieses Land der unzähligen kleinen Unterschiede?

Kucholl: Das Geld, die Piktogramme für die Behindertenparkplätze und die Farbe Orange.

ZEIT: Orange?

Kucholl: Ja, das ist unsere eigentliche Nationalfarbe. Migros, Coop, die Umleitungsschilder, die Arbeitskleidung der Straßenarbeiter – alles ist orange.

ZEIT: Wieso orange und nicht rot?

Veillon: Rot ist zu aggressiv.

Kucholl: Orange sieht man besser. Orange schreit "attention!".

ZEIT: Zurück zu den kleinen Unterschieden. Wenn wir Deutschschweizer von der Westschweiz sprechen, dann scheren wir alle über einen Kamm: Walliser, Waadtländer, Jurassier oder Genfer, das sind für uns alles Welsche.

Kucholl: Dies Kategorien "Welsche" oder "Deutschschweizer" sind unbrauchbar. Ein Lausanner hat viel mehr mit einem Zürcher gemeinsam als mit einem Jurassier.

Veillon: Schließlich behauptet doch jeder Schweizer, er sei einzigartig. Nicht einmal mit dem eigenen Nachbarn möchte er verglichen werden.

ZEIT: Trotzdem sind in Ihren Auftritten alle, die auf der anderen Seite des Röstigrabens leben, Deutschschweizer.

Veillon: Stimmt. Unsere Deutschschweizer tragen alle einen Schnauz und sind etwas paternalistisch. Wir können sie einfach nicht auseinanderhalten.

Kucholl: Und ich kann nur einen deutschschweizerischen Akzent imitieren. Aber es geht doch um ein viel grundsätzlicheres Problem. Um eine Bevölkerung zu organisieren, muss man sie aufteilen und eine künstliche Identität für sie erschaffen. Nach dem Motto: Wir sind anders, besser als die anderen. Aber wenn man sich das mal genauer anschaut, steckt dahinter viel Bullshit und Blabla.