Schluss mit dem Scheitern! – Seite 1

Ashley Good will uns das Scheitern lehren. Das gute Scheitern, das richtige. Sie hat eine Firma gegründet mit dem Namen FailForward, was so viel bedeutet wie "nach oben scheitern". Denn scheitern ist gut. Wenn daraus Erfolg erwächst.

Fröhlich und straff sitzt Ashley Good in ihrem Büro in Toronto, morgen wird sie einen Triathlon absolvieren, die 30-Jährige hat sich einen neuen persönlichen Rekord auf der Laufstrecke vorgenommen. "Nur wenn wir an die Grenzen unserer Fähigkeiten stoßen, können wir lernen", sagt sie heiter.

Für FailForward hat Ashley Good den Innovate Innovation Award erhalten, also einen Preis für die Innovation der Innovation, was in diesem Fall vermutlich angemessen ist, denn die Idee, aus Fehlern zu lernen, ist ja nicht gerade eine brandheiße Neuerung – sondern bestenfalls eine, die man erneuern könnte.

Im Hauptberuf betreut Ashley Good das Scheitern bei Engineers Without Borders (EWB), den Ingenieuren ohne Grenzen, einer kanadischen Entwicklungshilfeorganisation mit 65 Mitarbeitern und mehr als 3.000 Freiwilligen. Dort verantwortet sie den jährlichen Failure Report, den Scheiterbericht, eine anmutig gestaltete Broschüre, in der Mitarbeiter der EWB über ihre Niederlagen berichten: über versandete Projekte, interkulturelle Zerwürfnisse, frustriertes Personal, politische Intrigen oder schlicht über persönliches Versagen.

Die Menschheit hasst Scheitern. Sie will es nicht. Sie hat Angst davor, sie tut alles, um es zu vermeiden

Die Idee wird bejubelt, die New York Times spricht davon, dass endlich Fehlschläge als unabdingbarer Teil der Entwicklungshilfe akzeptiert würden und nur so "die Verbesserung der Welt ihr volles Potenzial erreiche". Der englische Guardian lobt, dass "Ehrlichkeit über Fehler der Schlüssel ist, um sich zu steigern", und sogar die weltgrößte Stiftung, die des Milliardärs Bill Gates, ließ verlauten, "dass die Lektionen, die aus Fehlern stammen, oft die wichtigsten sind".

Die Sache hat nur einen Haken: Die EWB stehen nach wie vor nahezu allein da mit ihrem Scheiterreport. Von zwei, drei Organisationen sind zögerliche Geständnisse über Fehler bekannt, alle anderen loben den Mut zur Offenheit – und halten den Mund.

Diese Lektion lernte Ashley Good, als sie ein weiteres Projekt ins Leben rief, Admitting Failure – Fehler zugeben. Auf der Website sollten möglichst viele Organisationen von ihren Fehlschlägen berichten. Eine Enzyklopädie des Misslingens sollte es werden, ein globaler Scheiterbericht, öffentlich, auf dass alle Welt daraus lerne. Doch in drei Jahren wurden bloß 30 nichtssagende Geschichtchen eingestellt. "Ich muss zugeben, damit sind wir gescheitert", sagt Good tapfer.

Aber vielleicht ist das gut so. Vielleicht wird nichts so überschätzt wie die Annahme, Fehler seien ein besonders gutes Lernfeld. Und vielleicht wird nichts so falsch verstanden wie die "positive Kraft" der Fehler.

Eigentlich müsste das offene Scheitern längst ein rauschender Erfolg sein. Ashley Goods Versuch ist ja nicht der erste, Fehlschlägen einen Platz in der Geschäftswelt und im Leben der Menschen einzuräumen. Nach dem Platzen der Internetblase Anfang der 2000er, als auch die Elite sich übte im Absturz, gab es eine erste Welle von "Mut zum Scheitern"-Appellen.

Nun bemüht sich eine zweite Generation von Fiasko-Projekten um den klügeren Umgang mit der Niederlage. Aus dem Silicon Valley stammen die Failure Conferences, die Scheiterkonferenzen. Ein koreanisch-finnisches Team will den 13. Oktober als internationalen Tag des Scheiterns etablieren und sucht dafür derzeit Unterstützung. Es entstehen Design-Fail-Institute und FailFests, sogar die Weltbank zelebriert einen (internen) "FailFaire"; Bücher tragen Titel wie Gescheiter scheitern oder Die Kraft des Scheiterns, Personal Coaches konzentrieren sich darauf, den Menschen endlich ein positives Verhältnis zu ihren Fehlschlägen einzuimpfen.

Die Botschaft lautet stets: Aus Fehlern kann man mehr lernen als aus Erfolgen, aber nur wenn man sie ehrlich und offen analysiert. Dann sind sie sogar bereichernd. Und machen uns reifer, irgendwie menschlicher.

Doch vielleicht ist es an der Zeit, sich einzugestehen: Die Menschheit will keinen sensiblen Umgang mit dem Scheitern. Sie hasst Scheitern. Sie will es nicht, sie hat Angst davor, sie tut alles, um es zu vermeiden.

In Wirklichkeit führt sie das Scheitern in abschreckenden Beispielen vor, wie es das deutsche Fernsehen in unzähligen Serien tut und daran Unsummen verdient: von Raus aus den Schulden bis zur Super-Nanny, vom Restauranttester zum Frau suchenden Bauern – die Stunden werden gefüllt mit gescheiterten oder scheiternden Existenzen, an denen das Publikum vor allem eines lernen soll: wie man es nicht machen darf, wenn man weiterkommen will. Lernen durch Abschreckung, Schulfernsehen von der Schattenseite.

Die Gesellschaft will, ach, seien wir ehrlich: Wir wollen Guttenberg, Hoeneß, Hera Lind abstürzen sehen – Häme, Niedertracht, mahnende Zeigefinger: Kinder, schaut euch an, so ergeht es euch, wenn ihr scheitert! Von wegen sensibler Umgang, eine gute Lernumgebung schaffen, einen artigen Scheiterreport schreiben.

Doch wenn man genauer hinschaut, halten es auch die hehren Propagandisten des glorifizierten Scheiterns nicht anders. Nur hassen sie das Scheitern schlauer und versteckter. Diesen Eindruck jedenfalls erhält, wer versucht, jenen Scheiterkonferenzen zu lauschen, die seit 2009 aus dem Silicon Valley wuchern. Ihr ehrenwertes Anliegen: Unternehmer erzählen von ihren Fehlschlägen, damit andere Unternehmer daraus lernen mögen.

Feierstunden für die Kämpfernatur

Die Konferenzen schwelgen in der positiven Macht des Scheiterns, sie sind Feierstunden für die Kämpfernatur des Menschen. Also treten bei den Scheiterkonferenzen ausschließlich höchst erfolgreiche Menschen auf, Musterschüler des Scheiterns gleichsam, begabt sogar mit der Fähigkeit, die Logik zu ihren Gunsten zu verbiegen: Weil sie erfolgreich sind, müssen sie früher wohl irgendwie gescheitert sein.

Das ist sehr unterhaltsam. Travis Kalanick, CEO von Uber, einem Start-up, das jüngst mit knapp 360 Millionen Dollar finanziert wurde und damit einen vorderen Platz in der Coolness-Hierarchie einnimmt, erzählt totkomisch, wie er mit früheren Firmen zehn Jahre lang am Bankrott vorbeischrammte – oder was man so nennt im Silicon Valley: Denn immer rechtzeitig tauchte ein neuer Finanzier mit einem Bündel Geld auf, um die endgültige Pleite zu verhindern. Auch fand Kalanick in tiefster Verzweiflung noch die Zeit, zwei Monate am Strand von Thailand zu arbeiten. ("Wenn du schon scheiterst, dann hab wenigstens Spaß dabei!")

So schlug er munter fehl, bis er eine Firma doch noch verkaufen konnte: für 23 Millionen Dollar. Travis Kalanick stockt nicht einen Wimpernschlag lang, als er die Summe nennt. Und schließt die Geschichte mit den Worten: "Wegen all dieser Erfahrungen bewerbe ich mich um den Titel als glücklosester Unternehmer des Jahres." Er sagt es ohne jede Ironie. Brausender Applaus.

Hier, in den Höhenlagen des globalen Software-Adels, wird das Scheitern neu definiert. Ein Hauch Ruin ist unverzichtbar für alle, die ihn sich leisten können. Und wer sein Leben nicht auf früheres Scheitern umfrisieren kann, erweckt den Verdacht, sich womöglich vormals nicht genug angestrengt zu haben.

Ein solches Scheitern öffentlich zu machen – no big deal. Nur hat diese desinfizierte Variante nichts gemein mit dem miesen, elenden, schmerzhaften Scheitern am Ende einer Liebe, beim Absturz in die Arbeitslosigkeit, im Strudel des Offenbarungseides, im Untergang eines Lebenstraums. Vielmehr betreibt die Scheiterkonferenz im Gewand des Scheiterns dessen Abschaffung. Und echte Loser – oder auch: echte Schmerzen – kommen nicht einmal in die Nähe der Bühne.

Aber vielleicht sind die Scheiterkonferenzen in ihrer Verlogenheit wieder sehr ehrlich. Oder besser: klug. Denn die Ideologie, dass uns Fehlschläge besonders weit brächten, hat einen entscheidenden Fehler: Ihr mangelt es an Evidenz. Bislang fehlen schlicht Belege dafür, dass wir aus Fehlern schlauer werden als aus Erfolgen. Ja dass wir überhaupt mit einiger Zuverlässigkeit aus Fehlern lernen. Der Gescheiterte ist stets der Gescheitere – schön wär’s.

Ökonomen um Paul Gompers von der Harvard-Universität haben untersucht, ob Unternehmer, die mit Firmen Schiffbruch erlitten, später erfolgreicher sind, und stellten fest: ganz im Gegenteil. Gescheiterte Firmengründer agieren bei späteren Versuchen nicht besser als Anfänger und deutlich schlechter als zuvor erfolgreiche Unternehmer. Der Erfolg gebiert den Erfolg, nicht der Fehler.

Die Lernblockade hängt auch damit zusammen, dass meist unklar ist, wer oder was überhaupt einen Fehlschlag verursacht hat: Wir leben in einer Welt der kausalen Dichte, in der alles Einfluss auf alles andere hat. Wo im Gewirr der Ursachen die wahren Gründe liegen, ist eine knifflige Frage.

Bei diesem Spiel agieren wir zudem mit der charakteristischen Überheblichkeit des Homo sapiens. 90 Prozent aller Autofahrer, das haben Umfragen gezeigt, glauben, sie führen überdurchschnittlich gut, 94 Prozent der Professoren halten ihre eigene Forschung für überdurchschnittlich wichtig – und genauso gehen wir auch an die Fehlersuche heran: Die meisten Menschen nehmen an, die genaue Ursache für einen Fehlschlag zu finden.

Zu dieser Fehleinschätzung trägt bei, dass wir meist nur die Daten heranziehen, die unsere Meinung stützen, jenes Feedback bevorzugen, das uns gelegen kommt, und die Grenzen unserer Eindrücke bereits für die Grenzen des Problems halten. Eine solche Analyse von Fehlern trägt zu deren Verfestigung bei. Leute, die sich blind in ihre Fehlschläge stürzen, lernen oft am wenigsten daraus; jedenfalls sind manche Persönlichkeitstypen schlechter aufs Lernen aus Fehlern geeicht als andere.

Jene, die sich blind in ihre Fehlschläge stürzen, lernen oft hinterher am wenigsten daraus. Manche sind schlechter aufs Lernen aus Fehlern geeicht

Aber selbst wer eine sinnvolle Lektion gelernt hat, steht vor dem Problem, später den richtigen Moment zu erkennen, um sie auch anzuwenden. Es muss sich eine solche Situation ja überhaupt erst ergeben, denn wer heute lernt, geht stets das Risiko ein, das Wissen morgen nicht mehr zu benötigen.

Die böseste Ironie des gescheiten Scheiterns aber hat der schwedische Ökonom Jerker Denrell herauspräpariert, ebenfalls am Beispiel von Unternehmern. Er zeigte, dass zwischen Lernen und Erfolg kaum ein Zusammenhang besteht, dass also nicht diejenigen am erfolgreichsten sind, die durch Lernen besonders viele Fertigkeiten angehäuft haben, sondern dass sich der Erfolg eher zufällig einstellt und – nicht verwunderlich – völlig lernferne Faktoren (zum Beispiel bestimmte Charakterzüge oder die soziale Herkunft) dabei eine erhebliche Rolle spielen. Was bedeutet: Fehler, Lernen und Erfolg sind höchst lose miteinander verbunden. Und oft überhaupt nicht.

Wer nun beschließt, auf das Lernen zu verzichten, begeht allerdings einen doppelten Fehler. Zum einen können wir natürlich aus Fehlern lernen – nur eben ohne Erfolgsgarantie. Und zum anderen schaffen es viele Menschen – und Firmen –, sich kontinuierlich zu verbessern und zu verändern, auch und gerade unter Zuhilfenahme von Fehlschlägen. Aber nur wenn sie einen besonderen Dreh im Umgang mit ihren Reinfällen finden.

Lars Burmeister ist Coach, Unternehmensberater und Forscher und hat viele Unternehmen und Menschen bei ihrer Verarbeitung von Rückschlägen begleitet. Er stellt fest, dass nahezu alle Gescheiterten zunächst in den Hass-Modus wechseln: Hass auf sich selbst, die anderen, die Umstände, den Schmerz. Diese Todeszone zu verlassen ist schwer, und wenig helfen dabei Gegenmaßnahmen wie ein munteres "Lerne aus deinen Fehlern!". Wie sollte das auch gehen? Stattdessen richten Scheiterspezialisten wie Burmeister "Räume ein, in denen die Beteiligten wieder miteinander zu reden beginnen". Dabei sollen möglichst alle Betroffenen einbezogen sein und ihren Blick abwenden von der Schuldfrage – hin zu sich selbst.

"Der Trick ist gesteigerte Selbstreflexion des Einzelnen und der Gruppe." Die ist im Prinzip nicht schwer, aber erfordert meist mehr Mut und Offenheit als üblicherweise vorhanden. Der zerschlissene Begriff "Fehlerkultur" meint vor allem: genauer und zugleich nachdenklicher hinschauen, ohne dass sich dabei gleich klare Lektionen formen.

"Klingt banal, ist aber nicht trivial", sagt Burmeister, weil extrem heikel, wenn die Verhältnisse verkrustet sind von gegenseitigen Vorwürfen. Das Erstaunliche: Der auslösende Fehler spielt bei solchen Reflexionen rasch keine Rolle mehr.

Dies bestätigen auch Forschungen des Münchner Ökonomen Holger Patzelt, der untersucht hat, wie gescheiterte Gründer mit ihrer Niederlage umgehen. Es ging nicht um Edel-Gescheiterte wie im Silicon Valley, sondern um Menschen, denen die Existenz weggekippt war: Firma pleite, Haus verloren, überschuldet, Ehe zerbrochen – "schwierigste, schmerzvolle Erfahrungen", sagt Patzelt.

Ein Unternehmer war so getroffen von seinem Fehlschlag, dass er seine Wohnung kündigte, E-Mail- und Facebook-Konto löschte, mit niemandem mehr sprach und ein halbes Jahr lang in Südamerika untertauchte. Anders hätte er es nicht überwunden.

Patzelt fand heraus, dass die wichtigste Voraussetzung für das Scheiternlernen die Verarbeitung negativer Gefühle ist – auch bei vermeintlich kühlen Managern und Ingenieuren. Denn sie haben oft eine besonders intensive emotionale Verbindung zu ihrem "Baby", ihrer Firma, ihrem Projekt. "Das Scheitern ist ein bisschen so, als würde man einen geliebten Menschen verlieren." Nur wer diese schwarze Zeit der Trauer verarbeitet, kann überhaupt lernen. Andernfalls blockieren die Emotionen alles.

Scheitern, das ist Normalfall

Was die Experten skizzieren, liegt fern von schnellen Antworten und macht deutlich, dass Firmen und Menschen nicht so sehr aus Fehlern lernen, sondern anhand von Fehlern sich selbst besser kennenlernen. Der Fehlschlag ist der Anlass, sich mit sich selbst zu beschäftigen, Ziele genauer zu fassen, auf Tuchfühlung zu gehen – mit anderen und der eigenen Person.

Was bei diesen Prozessen entsteht, wird als mindful organization bezeichnet, als achtsame Organisation. Die bildet sich gerade nicht ein, irgendetwas gelernt zu haben, sondern weiß, dass sie ständig neu lernen muss. Sie ist eifrig mit der Ausrottung aller Fehler beschäftigt, teilt also die Scheiterphobie, weiß aber auch, dass sie nur existiert, weil sie immer neue Fehler macht. Dasselbe gilt für lernende Menschen.

Fehlschläge bieten – ironischerweise – vor allem deswegen eine Chance, weil man nicht so einfach aus ihnen lernen kann. Sondern gezwungen ist, sich gründlicher mit sich und den Verhältnissen zu beschäftigen.

Zu solchen Ergebnissen trägt die Wissenschaft erstaunlich wenig bei – sie ist am Scheitern gescheitert. Es gibt keine Philosophie und keine Soziologie des Scheiterns, die Thematik irrlichtert durch die Denkgeschichte, aber kondensiert bestenfalls in einzelnen Gedanken und Studien. Das mag daran liegen, dass Scheitern – wissenschaftlich gesehen – öde ist, weil allgegenwärtig.

Wie sehr das Scheitern der Normalfall ist, immerhin dies belegen Forscher. Der britische Ökonom Leslie Hannah hat das Schicksal der hundert größten US-Konzerne aus dem Jahr 1912 verfolgt: 1995 war mit zwei Ausnahmen keiner mehr unter den Top 10, mehr noch: auch keiner mehr unter den Top 100. Und das ist noch eine prima Quote. Von jenen rund 2.000 Autofirmen, die zu Beginn der Motorisierung in den USA aufgeblüht waren, hat weniger als ein Prozent überlebt.

Mehr als 80 Prozent aller Start-ups scheitern innerhalb von drei Jahren, wird vermutet, und auch das ist noch vergleichsweise gut, gemessen am Schicksal von Ideen. Datengestützte Firmen wie Google oder Facebook testen nahezu alle Verbesserungsvorschläge für ihre Websites in sogenannten A/B-Tests: Sie zeigen zufällig ausgewählten Usern die Neuerungen und messen, ob diese häufiger geklickt oder intensiver genutzt werden als die bisherigen Seiten. Das Ergebnis aus Hunderttausenden solcher Tests: Rund 90 Prozent aller neuen Ideen sind schlechter als das, was schon da ist. Fiese Erkenntnis: Es ist verdammt hart, eine gute Idee zu haben. Und verdammt leicht, sich das Gegenteil einzureden.

Fehlschläge bieten eine Chance, weil man gezwungen ist, sich gründlicher mit sich und den Verhältnissen zu beschäftigen

Die meisten Menschen ziehen daraus die Konsequenz: keine Experimente wagen! Wiederholen, was sich bewährt hat! Sie sind beharrungsfreudig aus schmerzlicher Erfahrung, konservativ aus Klugheit. Man könnte allerdings auch zum gegenteiligen Schluss kommen: Wenn so wenig klappt, müssen wir umso mehr ausprobieren!

Das klingt aufregend, irgendwie fortschrittlich nach "fail forward", hat aber einen Haken: Wenn diese Versuche nicht unter den kontrollierten Bedingungen von A/B-Tests stattfinden, handelt es sich eben nicht um Experimente, sondern um ein schwer zu durchdringendes Chaos, das meist die Ursache des Misslingens ist. Dieses Durcheinander nennt man auch: Leben. Und das steckt (siehe oben) voller Scheitern.

Der andere Grund, warum sich Denker und Forscher so schwertun mit dem Scheitern, liegt darin, dass sie rasch in einem Treibsand aus Paradoxien versinken. Denn das ist vielleicht das Gemeinste am Scheitern: Es lässt sich so schwer vom Erfolg unterscheiden.

Dem deutschen Politikforscher Wolfgang Seibel ist bei der Analyse von Organisationen aufgefallen, wie viele von ihnen "erfolgreich scheitern": Sie verstehen sich bestens auf einen "funktionalen Dilettantismus", der dafür sorgt, dass sie selber schwungvoll florieren, obwohl sie ihren Zweck verfehlen. Beispiel Entwicklungshilfe-Institutionen: Nur wenige können nachweisen, dass sie das Elend in der Welt nennenswert verringern, aber genau deswegen werden sie weiterhin gebraucht und unterstützt.

An solchem Fortbestand haben natürlich die Mitarbeiter der Organisation ein Interesse, die jedes Scheitern zum Erfolg umzudeuten trachten. Aber auch die Gesellschaft möchte trotz aller Zweifel nicht auf Entwicklungshilfe verzichten, und sei es aus symbolischen Gründen. So verwalten die Organisationen die Illusion der Hilfe und erreichen ihr Ziel – zu überleben –, obwohl sie ihr eigentliches Ziel – zu entwickeln – verfehlen.

Ein anderes Paradox entdeckte Joseph Schumpeter im Herzen des Kapitalismus: dessen "schöpferische Zerstörung". Mit diesem sinnvollen Widersinn kam der österreichische Ökonom in den 1940er Jahren auf die Formel: Der Kapitalismus funktioniert, weil ständig und überall Unternehmen scheitern. Er erklärte die pausenlose Vernichtung zur Ursuppe allen Wohlstands und beklagte es als gewaltigen Fehler, sollte dieses Reichtum erzeugende Dauerscheitern unterbunden werden. Was too big to fail, zu groß wird, um scheitern zu dürfen – wie die Banken in der Finanzkrise –, ist oft der Grund für das Versagen des ganzen Systems.

Auf die bestürzende Verzahnung von Erfolg und Scheitern stößt auch jeder, der Sieg von Niederlage, Ruhm von Scharlatanerie zu trennen versucht. Der Journalist Wolf Schneider hat zwei aufschlussreiche Bücher zum Thema geschrieben, erst eines über Sieger dann über Verlierer. Beim Versuch, die beiden auseinanderzuhalten, war Schneider, wenn auch nicht gerade gescheitert, so doch zu etlichen gewagten Entscheidungen gezwungen.

Karl Marx und andere große Trotzige sind überzeugende Beispiele dafür, dass das Misslingen selbst ein Motor sein kann

Kleines Quiz: Jesus – Sieger oder Verlierer? Richtig: Sieger – auch wenn die Episode am Kreuz den Zeitgenossen zunächst nicht als Jahrtausenderfolg erschien. Van Gogh – ein Verlierer, weil er unglücklich war und unverkäufliche Bilder malte. Kafka hingegen, ähnlich unglücklich und fast genauso unverkauft wie Van Gogh, wird von Schneider unter die Sieger sortiert.

So geht es willkürlich-munter weiter, die Kategorien verschwimmen, was als Erfolg zählt, könnte meist auch als Niederlage gelten. Ein Umstand, den Schneider mit Lust kommentiert: "Der Ruhm traf Genies und Heilige, Glücksritter und Scharlatane, Säufer und Krüppel, Phantasten und Verbrecher, Besessene, Schizophrene und von Verfolgungswahn Gejagte."

Das Misslingen selbst als Motor

Was die reizvolle Frage aufwirft: Müssten sich Scheiternde von Erfolgreichen nicht irgendwann wenigstens durch nachlassenden Mut und versiegende Kraft unterscheiden? Wäre nicht zu erwarten, dass sie ermattet zurückbleiben, ausgesondert vom Darwinismus des Alltags? Ein bisschen scheitern oder hin und wieder – okay! Aber ein ganzes Leben danebenliegen wie van Gogh oder über weite Strecken wie der Schriftsteller Robert Walser? Woher kommt die Kraft für ein immerwährendes Scheitern?

Die übliche Antwort darauf: Es ist die Manie. Die großen Scheiternden sind so ausdauernd, weil Visionen sie treiben. Sie werden angestachelt von Idealen, die sie nicht verraten wollen, dürfen, können. Keine Niederlage kann sie erschüttern. Das klingt heroisch und passt zum modernen Selbstbild: Ziele setzen, kämpfen, nie aufgeben!

Aber vielleicht verhält es sich auch andersherum. Richten wir den Blick auf einen der erfolgreichsten Scheiterer der Weltgeschichte, den Trierer Anwaltssohn, Weltrevolutionär, Bettelgelehrten und Familienmenschen Karl Marx. Sein Leben: eine endlose Abfolge von zerschellten Projekten, missratenen Aufständen und Fehden, von unheilbarer Streitlust, die ihn noch mit 53 Jahren Duelle suchen lässt, von Armut, die ihm den Schlaf raubt, von sterbenden Kindern und peinigenden Krankheiten.

Bebend schreibt er ein Jahrhundertwerk, das seine Zeitgenossen nicht als solches erkennen. Ab und an kleine Erfolge im Niederlagendunkel, der Ruhm als Zeitungsredakteur in Köln beispielsweise, später einige freundliche Rezensionen des Kapitals – aber müsste nicht der stärkste Visionär an diesem Leben verzweifeln? Plausibler ist, dass nicht allein Ideale Marx trieben, sondern das Scheitern selbst. Marx und andere große Trotzige sind überzeugende Beispiele dafür, dass das Misslingen selbst ein Motor sein kann. Es ist nicht nur die Vorform des Gelingens – wie die fail forward-Philosophie des Silicon Valley uns weismachen will –, sondern eine eigene Lebensform. Wie sonst wäre die Allgegenwart des Scheiterns zu erklären – und die Allgegenwart des Weitermachens?

Den Beleg für die Energie des Scheiterns liefern ausgerechnet und sehr Marx-fern die Erfinder der größten Scheitermaschinen, der Computerspiele. Nirgendwo wird ausdauernder, begeisterter, verschwenderischer gescheitert. Jeder weiß, dass die Spieler in vier von fünf Fällen das Level nicht meistern, ihre Mission nicht erfüllen, das Rätsel nicht lösen und als Ego-Shooter mehr oder weniger realitätsnah explodieren, verbrennen, krepieren. Karl Märxchens der digitalen Welt, Hunderte von Millionen Spieler jeden Tag, versunken in Orgien des Scheiterns.

Wieso tun sie das? Das war lange ein Rätsel. Die plausibelste Erklärung: Weil sie gewinnen wollen. Also ihren Visionen folgen. Dann untersuchten finnische Verhaltensforscher mit großem Aufwand und anhand von Super Monkey Ball 2 den Fluss der Emotionen:

Erwartungsgemäß fanden sie, dass Spieler einen Glücksflash erleben, wenn sie sich auf ein neues Level emporspielen oder den Highscore knacken. Zu ihrer großen Verblüffung stellten die Forscher aber auch fest, dass der Glücksrausch noch viel intensiver ist, wenn die Spieler scheitern: wenn sie Fehler machen, den monkey ins virtuelle All schießen und wieder von vorn anfangen müssen.

Scheitern und kein Frust. Das widerspricht aller Psychologie. Es dauerte daher, bis die Finnen das Rätsel entschlüsselten. Entscheidend für das High in der Niederlage, so ihr Ergebnis, ist die Art und Weise des Scheiterns: Der Affe zerschellte nicht einfach läppisch und formlos, sondern karriolte wirbelnd und jaulend in sein elektronisches Grab. Diesen spektakulären Abgang deuteten die Spieler als Ovation auf ihre Spielkunst: Wer den Affen derart imposant atomisiert, hat eine Art Erfolgserlebnis. So einer könnte meinen, er habe auch das Zeug dazu, das Spiel zu gewinnen. Deshalb erwiesen sich die gescheiterten Spieler als besonders motiviert und optimistisch.

Das kann man als Selbstbetrug deuten. Oder (wie die finnischen Forscher) daraus schließen, unter welchen Bedingungen wir das Scheitern zu lieben beginnen: wenn es von einem System aus Regeln und Werten umschlossen wird, die ein Gefühl der Beherrschbarkeit vermitteln. Das können Spielregeln sein wie die von Super Monkey Ball 2. Oder die Marxsche Theorie vom Historischen Materialismus. Oder die gemeinsamen Werte einer Firma. Oder die eigene Idee vom guten Leben. Wichtig ist nur, im Spiel zu bleiben und zu wissen: Der Kampf geht weiter. Das Leben geht weiter. Dann ist das Scheitern nicht bloße Vorstufe des Erfolgs, sondern führt uns an die Grenzen unserer Möglichkeiten. Dorthin, wo wir am lebendigsten sind. Als Marx, als monkeys, als Menschen.