Was die Experten skizzieren, liegt fern von schnellen Antworten und macht deutlich, dass Firmen und Menschen nicht so sehr aus Fehlern lernen, sondern anhand von Fehlern sich selbst besser kennenlernen. Der Fehlschlag ist der Anlass, sich mit sich selbst zu beschäftigen, Ziele genauer zu fassen, auf Tuchfühlung zu gehen – mit anderen und der eigenen Person.

Was bei diesen Prozessen entsteht, wird als mindful organization bezeichnet, als achtsame Organisation. Die bildet sich gerade nicht ein, irgendetwas gelernt zu haben, sondern weiß, dass sie ständig neu lernen muss. Sie ist eifrig mit der Ausrottung aller Fehler beschäftigt, teilt also die Scheiterphobie, weiß aber auch, dass sie nur existiert, weil sie immer neue Fehler macht. Dasselbe gilt für lernende Menschen.

Fehlschläge bieten – ironischerweise – vor allem deswegen eine Chance, weil man nicht so einfach aus ihnen lernen kann. Sondern gezwungen ist, sich gründlicher mit sich und den Verhältnissen zu beschäftigen.

Zu solchen Ergebnissen trägt die Wissenschaft erstaunlich wenig bei – sie ist am Scheitern gescheitert. Es gibt keine Philosophie und keine Soziologie des Scheiterns, die Thematik irrlichtert durch die Denkgeschichte, aber kondensiert bestenfalls in einzelnen Gedanken und Studien. Das mag daran liegen, dass Scheitern – wissenschaftlich gesehen – öde ist, weil allgegenwärtig.

Wie sehr das Scheitern der Normalfall ist, immerhin dies belegen Forscher. Der britische Ökonom Leslie Hannah hat das Schicksal der hundert größten US-Konzerne aus dem Jahr 1912 verfolgt: 1995 war mit zwei Ausnahmen keiner mehr unter den Top 10, mehr noch: auch keiner mehr unter den Top 100. Und das ist noch eine prima Quote. Von jenen rund 2.000 Autofirmen, die zu Beginn der Motorisierung in den USA aufgeblüht waren, hat weniger als ein Prozent überlebt.

Mehr als 80 Prozent aller Start-ups scheitern innerhalb von drei Jahren, wird vermutet, und auch das ist noch vergleichsweise gut, gemessen am Schicksal von Ideen. Datengestützte Firmen wie Google oder Facebook testen nahezu alle Verbesserungsvorschläge für ihre Websites in sogenannten A/B-Tests: Sie zeigen zufällig ausgewählten Usern die Neuerungen und messen, ob diese häufiger geklickt oder intensiver genutzt werden als die bisherigen Seiten. Das Ergebnis aus Hunderttausenden solcher Tests: Rund 90 Prozent aller neuen Ideen sind schlechter als das, was schon da ist. Fiese Erkenntnis: Es ist verdammt hart, eine gute Idee zu haben. Und verdammt leicht, sich das Gegenteil einzureden.

Fehlschläge bieten eine Chance, weil man gezwungen ist, sich gründlicher mit sich und den Verhältnissen zu beschäftigen

Die meisten Menschen ziehen daraus die Konsequenz: keine Experimente wagen! Wiederholen, was sich bewährt hat! Sie sind beharrungsfreudig aus schmerzlicher Erfahrung, konservativ aus Klugheit. Man könnte allerdings auch zum gegenteiligen Schluss kommen: Wenn so wenig klappt, müssen wir umso mehr ausprobieren!

Das klingt aufregend, irgendwie fortschrittlich nach "fail forward", hat aber einen Haken: Wenn diese Versuche nicht unter den kontrollierten Bedingungen von A/B-Tests stattfinden, handelt es sich eben nicht um Experimente, sondern um ein schwer zu durchdringendes Chaos, das meist die Ursache des Misslingens ist. Dieses Durcheinander nennt man auch: Leben. Und das steckt (siehe oben) voller Scheitern.

Der andere Grund, warum sich Denker und Forscher so schwertun mit dem Scheitern, liegt darin, dass sie rasch in einem Treibsand aus Paradoxien versinken. Denn das ist vielleicht das Gemeinste am Scheitern: Es lässt sich so schwer vom Erfolg unterscheiden.

Dem deutschen Politikforscher Wolfgang Seibel ist bei der Analyse von Organisationen aufgefallen, wie viele von ihnen "erfolgreich scheitern": Sie verstehen sich bestens auf einen "funktionalen Dilettantismus", der dafür sorgt, dass sie selber schwungvoll florieren, obwohl sie ihren Zweck verfehlen. Beispiel Entwicklungshilfe-Institutionen: Nur wenige können nachweisen, dass sie das Elend in der Welt nennenswert verringern, aber genau deswegen werden sie weiterhin gebraucht und unterstützt.

An solchem Fortbestand haben natürlich die Mitarbeiter der Organisation ein Interesse, die jedes Scheitern zum Erfolg umzudeuten trachten. Aber auch die Gesellschaft möchte trotz aller Zweifel nicht auf Entwicklungshilfe verzichten, und sei es aus symbolischen Gründen. So verwalten die Organisationen die Illusion der Hilfe und erreichen ihr Ziel – zu überleben –, obwohl sie ihr eigentliches Ziel – zu entwickeln – verfehlen.

Ein anderes Paradox entdeckte Joseph Schumpeter im Herzen des Kapitalismus: dessen "schöpferische Zerstörung". Mit diesem sinnvollen Widersinn kam der österreichische Ökonom in den 1940er Jahren auf die Formel: Der Kapitalismus funktioniert, weil ständig und überall Unternehmen scheitern. Er erklärte die pausenlose Vernichtung zur Ursuppe allen Wohlstands und beklagte es als gewaltigen Fehler, sollte dieses Reichtum erzeugende Dauerscheitern unterbunden werden. Was too big to fail, zu groß wird, um scheitern zu dürfen – wie die Banken in der Finanzkrise –, ist oft der Grund für das Versagen des ganzen Systems.

Auf die bestürzende Verzahnung von Erfolg und Scheitern stößt auch jeder, der Sieg von Niederlage, Ruhm von Scharlatanerie zu trennen versucht. Der Journalist Wolf Schneider hat zwei aufschlussreiche Bücher zum Thema geschrieben, erst eines über Sieger dann über Verlierer. Beim Versuch, die beiden auseinanderzuhalten, war Schneider, wenn auch nicht gerade gescheitert, so doch zu etlichen gewagten Entscheidungen gezwungen.

Karl Marx und andere große Trotzige sind überzeugende Beispiele dafür, dass das Misslingen selbst ein Motor sein kann

Kleines Quiz: Jesus – Sieger oder Verlierer? Richtig: Sieger – auch wenn die Episode am Kreuz den Zeitgenossen zunächst nicht als Jahrtausenderfolg erschien. Van Gogh – ein Verlierer, weil er unglücklich war und unverkäufliche Bilder malte. Kafka hingegen, ähnlich unglücklich und fast genauso unverkauft wie Van Gogh, wird von Schneider unter die Sieger sortiert.

So geht es willkürlich-munter weiter, die Kategorien verschwimmen, was als Erfolg zählt, könnte meist auch als Niederlage gelten. Ein Umstand, den Schneider mit Lust kommentiert: "Der Ruhm traf Genies und Heilige, Glücksritter und Scharlatane, Säufer und Krüppel, Phantasten und Verbrecher, Besessene, Schizophrene und von Verfolgungswahn Gejagte."