Was die reizvolle Frage aufwirft: Müssten sich Scheiternde von Erfolgreichen nicht irgendwann wenigstens durch nachlassenden Mut und versiegende Kraft unterscheiden? Wäre nicht zu erwarten, dass sie ermattet zurückbleiben, ausgesondert vom Darwinismus des Alltags? Ein bisschen scheitern oder hin und wieder – okay! Aber ein ganzes Leben danebenliegen wie van Gogh oder über weite Strecken wie der Schriftsteller Robert Walser? Woher kommt die Kraft für ein immerwährendes Scheitern?

Die übliche Antwort darauf: Es ist die Manie. Die großen Scheiternden sind so ausdauernd, weil Visionen sie treiben. Sie werden angestachelt von Idealen, die sie nicht verraten wollen, dürfen, können. Keine Niederlage kann sie erschüttern. Das klingt heroisch und passt zum modernen Selbstbild: Ziele setzen, kämpfen, nie aufgeben!

Aber vielleicht verhält es sich auch andersherum. Richten wir den Blick auf einen der erfolgreichsten Scheiterer der Weltgeschichte, den Trierer Anwaltssohn, Weltrevolutionär, Bettelgelehrten und Familienmenschen Karl Marx. Sein Leben: eine endlose Abfolge von zerschellten Projekten, missratenen Aufständen und Fehden, von unheilbarer Streitlust, die ihn noch mit 53 Jahren Duelle suchen lässt, von Armut, die ihm den Schlaf raubt, von sterbenden Kindern und peinigenden Krankheiten.

Bebend schreibt er ein Jahrhundertwerk, das seine Zeitgenossen nicht als solches erkennen. Ab und an kleine Erfolge im Niederlagendunkel, der Ruhm als Zeitungsredakteur in Köln beispielsweise, später einige freundliche Rezensionen des Kapitals – aber müsste nicht der stärkste Visionär an diesem Leben verzweifeln? Plausibler ist, dass nicht allein Ideale Marx trieben, sondern das Scheitern selbst. Marx und andere große Trotzige sind überzeugende Beispiele dafür, dass das Misslingen selbst ein Motor sein kann. Es ist nicht nur die Vorform des Gelingens – wie die fail forward-Philosophie des Silicon Valley uns weismachen will –, sondern eine eigene Lebensform. Wie sonst wäre die Allgegenwart des Scheiterns zu erklären – und die Allgegenwart des Weitermachens?

Den Beleg für die Energie des Scheiterns liefern ausgerechnet und sehr Marx-fern die Erfinder der größten Scheitermaschinen, der Computerspiele. Nirgendwo wird ausdauernder, begeisterter, verschwenderischer gescheitert. Jeder weiß, dass die Spieler in vier von fünf Fällen das Level nicht meistern, ihre Mission nicht erfüllen, das Rätsel nicht lösen und als Ego-Shooter mehr oder weniger realitätsnah explodieren, verbrennen, krepieren. Karl Märxchens der digitalen Welt, Hunderte von Millionen Spieler jeden Tag, versunken in Orgien des Scheiterns.

Wieso tun sie das? Das war lange ein Rätsel. Die plausibelste Erklärung: Weil sie gewinnen wollen. Also ihren Visionen folgen. Dann untersuchten finnische Verhaltensforscher mit großem Aufwand und anhand von Super Monkey Ball 2 den Fluss der Emotionen:

Erwartungsgemäß fanden sie, dass Spieler einen Glücksflash erleben, wenn sie sich auf ein neues Level emporspielen oder den Highscore knacken. Zu ihrer großen Verblüffung stellten die Forscher aber auch fest, dass der Glücksrausch noch viel intensiver ist, wenn die Spieler scheitern: wenn sie Fehler machen, den monkey ins virtuelle All schießen und wieder von vorn anfangen müssen.

Scheitern und kein Frust. Das widerspricht aller Psychologie. Es dauerte daher, bis die Finnen das Rätsel entschlüsselten. Entscheidend für das High in der Niederlage, so ihr Ergebnis, ist die Art und Weise des Scheiterns: Der Affe zerschellte nicht einfach läppisch und formlos, sondern karriolte wirbelnd und jaulend in sein elektronisches Grab. Diesen spektakulären Abgang deuteten die Spieler als Ovation auf ihre Spielkunst: Wer den Affen derart imposant atomisiert, hat eine Art Erfolgserlebnis. So einer könnte meinen, er habe auch das Zeug dazu, das Spiel zu gewinnen. Deshalb erwiesen sich die gescheiterten Spieler als besonders motiviert und optimistisch.

Das kann man als Selbstbetrug deuten. Oder (wie die finnischen Forscher) daraus schließen, unter welchen Bedingungen wir das Scheitern zu lieben beginnen: wenn es von einem System aus Regeln und Werten umschlossen wird, die ein Gefühl der Beherrschbarkeit vermitteln. Das können Spielregeln sein wie die von Super Monkey Ball 2. Oder die Marxsche Theorie vom Historischen Materialismus. Oder die gemeinsamen Werte einer Firma. Oder die eigene Idee vom guten Leben. Wichtig ist nur, im Spiel zu bleiben und zu wissen: Der Kampf geht weiter. Das Leben geht weiter. Dann ist das Scheitern nicht bloße Vorstufe des Erfolgs, sondern führt uns an die Grenzen unserer Möglichkeiten. Dorthin, wo wir am lebendigsten sind. Als Marx, als monkeys, als Menschen.